Henry Kissingers Rede auf der Gedenkfeier für Egon Bahr

PIA, 28.09.2015
Kissinger
Bild: dpa-Bildfunk

Politik aktuell dokumentiert unter dem Titel „Eine Erinnerung an Egon Bahr“
das Manuskript der Rede, die der ehemalige Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika, Henry A. Kissinger, am 17. September 2015 auf der Gedenkfeier für den verstorbenen Ehrenbürger von Berlin in der Marienkirche gehalten hat:

„Egon Bahr schloss Briefe an mich mit den Worten ‚In alter Verbundenheit‘, und im Jahr 2013 schrieb er mir als Widmung in sein Buch ‚Erinnerungen an Willy Brandt‘: ‚Es war ein langer Weg bis zur bleibenden Freundschaft.‘

Egon war mein Freund. Ab und zu waren wir unterschiedlicher Meinung, besonders zu Beginn unserer Bekanntschaft vor fast genau fünfzig Jahren.

Journalisten werden keine Probleme haben, kritische Kommentare zu finden, die wir unter dem Druck lang hergebrachter Kontroversen über den jeweils anderen abgegeben haben. Ich bin heute hier, um zu bekunden, wie viel mir Egon als Mensch bedeutete, wie sehr mich sein Abschied bewegt hat, und um wie viel ärmer die Welt für mich sein wird, ohne den auf Jahrzehnten fußenden Dialog mit ihm.

Wir trafen uns erstmals 1965, als keiner von uns eine politische Position inne hatte. Egon kam an die Harvard Universität, an der ich als Professor lehrte, um mich davon zu überzeugen, dass Deutschland niemals wiedervereinigt würde ohne Verhandlungen über den Abzug ausländischer Truppen, verbunden mit der Garantie eines wiedervereinigten Deutschlands durch die vier Mächte, die damals Berlin besetzten. Meine Sicht war die traditionelle, nämlich dass die Wiedervereinigung nur vorangetrieben werden könne, wenn Deutschland voll in die atlantische Allianz eingebunden würde, und dass ein Deutschland, das im Herzen des Kontinents eine autonome Politik betreibt, Gefahr liefe, sich selbst zu isolieren.

Das nächste Mal begegneten wir uns 1969, nachdem Willy Brandt zum Kanzler gewählt worden war. Ich war wenige Monate zuvor zum Sicherheitsberater Präsident Nixons ernannt worden. Kurz nach seiner Wahl schickte Brandt Egon auf einen Besuch ins Weiße Haus. Brandt, so erklärte uns Egon, wollte eine Politik der Versöhnung mit dem Osten verfolgen, insbesondere mit Polen und der Sowjetunion. Er wollte die Nachbargrenzen Deutschlands akzeptieren, so wie sie seit dem Krieg Bestand hatten, und in einen Dialog mit Moskau eintreten. Im Lichte seiner jüngeren Geschichte hatte Deutschland die Verpflichtung, eigene Initiativen zu unternehmen, aber er würde sie innerhalb des Rahmens ausführen, den die NATO-Verpflichtungen dem Land auferlegten. Egon machte es sich zur Aufgabe, uns und andere Alliierten akribisch informiert zu halten.

Wir im Weißen Haus waren nicht ganz so überzeugt, dass die Ziele der Versöhnung mit dem Osten und der Solidarität mit den Alliierten immer vereinbar waren. Zu viele Erinnerungen vermochten das nötige Vertrauen zu trüben. Und wir hatten ein ungutes Gefühl, dass Moskau versuchen könnte, den Prozess zu manipulieren. Aber nach eingehender Betrachtung haben Nixon und ich erkannt, wie sich Bahrs Botschaft in eine größere Strategie einfügen ließe: nämlich die Ostpolitik mit unser geplanten Öffnung nach China zu verbinden, um die Sowjetunion in Verhandlungen über eine breite Palette an Ost-West-Themen zu ziehen. Von da an arbeiteten Egon und ich eng zusammen für eine Politik, die die Hoffnungen eines Willy Brandt mit der Geopolitik Richard Nixons in Einklang brachte.

Zentrales Thema hierbei war eine Minderung der Risiken des nuklearen Zeitalters. Wir fühlten, wir seien dies unserem Volk – und dem Rest der Welt – schuldig, und dass man bei unserer Verfolgung einer Politik der Abschreckung gleichzeitig erkennen würde, dass wir ihre Risiken reduzierten oder beseitigen wollten. So wurde Waffenkontrolle zum Schlüsselthema des Ost-West-Dialogs. Und sie wurde zum Dauerthema meiner Unterhaltungen mit Egon für den Rest unseres Lebens.

Ostpolitik und die Berlin-Verhandlungen erforderten eingehende Konsultationen und Egon spielte, was die Kommunikation mit Washington anging, eine entscheidende Rolle.

Unausweichlich entwickelte sich das, was als deutsche Initiative begonnen hatte, zu einer multilateralen Anstrengung, Berlin zu schützen. Nach der Blockade in den 1940ern und zwei sowjetischen Ultimaten im 1958 und 1961 musste der Abbau von Spannungen als Vorbedingung einen neuen Status für Berlin haben, der die Zugehörigkeit der Stadt zur Bundesrepublik garantierte. Doch da Berlin der Viermächteverwaltung unterlag, müsste ein neuer Status für Berlin von den vier Besatzungsmächten verhandelt werden — also Frankreich, Großbritannien, den USA und der Sowjetunion — mit der Bundesrepublik technisch gesehen nur in beratender Rolle. Ostpolitik und Groβmachtpolitik wuchsen in organischer Verbindung. Deshalb sagte ich zu Egon am Ende einer unserer Besprechungen: ‚Viel Erfolg. Ihr Erfolg wird auch unserer sein.‘

Um eine noch engere Verbindung herzustellen, machten Washington die Teilnahme der USA an der Europäischen Sicherheitskonferenz – das war ein großer Wunsch Moskaus – von einer Einigung in der Berlinfrage abhängig.

Das Ergebnis war eine Fülle an multilateralen und bilateralen Verhandlungen. Um Kohärenz in den Prozess zu bringen, luden wir Egon ein, mit uns zusammen ein System der Hinterzimmerdiplomatie aufzubauen. Die Synchronisierung der Anstrengungen der vier Mächte, der bilateralen deutschen Anstrengungen mit der Sowjetunion, und Amerikas bilateralen Kontakte in die Sowjetunion sorgten für eine wundersame Diplomatie. Governance-Studenten werden eines Tages das dichte Netz aus offizieller und Hinterzimmerdiplomatie entwirren, aus denen im Jahr 1972 das Berlin-Abkommen hervorging, welches Berlin bis zur Wiedervereinigung Deutschlands von sowjetischem Druck befreite. Egon Bahr dirigierte, im Namen Brandts, die Reise durch dieses Labyrinth mit viel Geschick, Ehrbarkeit und Verlässlichkeit.

Fünfzehn Jahre später war Deutschland wiedervereint, als Ergebnis alliierter Einheit und Stärke und ermöglicht durch deutsche Diplomatie. Egon trat 1974 aus der Regierung aus, ich drei Jahre später. Unsere Freundschaft blieb. Wir hatten Vertrauen in einander entwickelt. Bei praktisch all meinen Berlinbesuchen während der folgenden Jahrzehnte traf ich mich mit Egon, um unsere Interpretationen von Ereignissen zu vergleichen, Gedanken über die Zukunft und vielleicht auch ein wenig Klatsch auszutauschen, so wie es Veteranen weit zurückliegender Schlachten, stolz auf gemeinsame Erinnerungen, eben tun. Wir schrieben uns auch Briefe anlässlich der Veröffentlichung unserer Schriften. Und wir vertrauten einander genug, um offen zu sein. Über meine eigenen Memoiren sagte Egon: ‚Der erste Band war ein großartiges Buch; der zweite Band war ein langes Buch.‘

Für diejenigen unter uns, die Aspekte des kalten Krieges gesteuert haben, wird es immer vorrangig sein, seine Rückkehr zu verhindern. Im Januar dieses Jahres schrieb mir Egon einen langen Brief. Er drückte seine Sorge hinsichtlich der wachsenden Spannungen zwischen Russland und dem Westen aus. Er warnte vor der asymmetrischen Kriegführung durch ISIS und beschrieb es als gemeinsame strategische Pflicht, ihn zu besiegen. Er sah es als lebenswichtig an, Russland mit der westlichen Gemeinschaft zu versöhnen und beschrieb Amerikas Rolle als unentbehrlich. Er forderte strategische Zusammenarbeit, bevor die Ereignisse uns überrollen würden.

Egon kam bei unserem letzten Treffen vor drei Monaten im Hotel Adlon auf diese Sorge zurück. Wie inzwischen üblich, waren wir uns bei der Zielsetzung einig, jedoch nicht bei allen Lösungen. Dies beeinträchtigte jedoch nicht unsere gemeinsame Selbstverpflichtung, die Gefahr eines Atomkriegs zu bannen und irreparable Spaltungen auf diesem Kontinent zu verhindern. Ich war zuversichtlich, dass wir in dieser Krise voneinander lernen würden, so wie wir es zuvor immer getan hatten.

Es mag eine gewisse Bedeutung in dieser Freundschaft auch für die heutigen amerikanisch-deutschen Beziehungen liegen. Angesichts unserer unterschiedlichen Geschichte ist es unvermeidlich, dass jede Seite Aspekte an der jeweils anderen Art der Politikführung erkennt, mit denen sie nicht einverstanden ist. Egons Beitrag zur Staatskunst war es, eine Vision für die Zukunft zu haben, und die Willensstärke, einen harten und schwierigen Weg weiter zu gehen. Er hatte die großartige Fähigkeit, kleine Schritte zu machen, die zu großen Konsequenzen führen können, und stets genug Vertrauen aufzubauen um über die Stimmung des Moments hinauszuwachsen und an unsere gemeinsamen Verpflichtungen und geteilten Hoffnungen zu erinnern. In diesem Sinne hatte seine Widmung an mich – ‚Es war ein langer Weg bis zur bleibenden Freundschaft‘ – nicht nur eine Bedeutung für unsere persönliche Freundschaft, sondern auch für die Verbundenheit zwischen Deutschland und Amerika. Unser höchstes Ziel sollte sein, am Ende das Misstrauen zu zähmen und Ambivalenzen in der Freundschaft zu begraben.

Erlauben Sie mir, Ihnen allen für die Gelegenheit zu danken, meinen Respekt für Egon Bahr zu bekunden, meinen geschätzten und wertvollen Kollegen in einer für Deutschland und die Welt kritischen Zeit, der mir nach dieser Zeit ein lebenslanger Freund blieb.“