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„Am Anfang denkt man: Wie soll das gehen?“ Das Siegerteam des städtebaulichen Werkstattverfahrens im Gespräch

Das Team von SMAQ und ManMadeLand stellt seinen Entwurf vor
Bild: Erik-Jan Ouwekerk

Knapp ein Monat ist seit dem Abschluss des städtebaulichen Werkstattverfahrens vergangen. Seitdem ist klar: Das Dragonerareal soll auf Grundlage des Entwurfs der Büros SMAQ, Man Made Land und Barbara Schindler entwickelt werden. Mit einem Wohnhochhaus im Zentrum und einer „grünen Fuge“ als Erholungsraum auch für die Nachbarschaft setzen die Pläne ein Ausrufezeichen. Wie Sabine Müller, Partnerin im Büro SMAQ Architektur und Stadt, und Anna Lundqvist vom Landschaftsarchitekturbüro Man Made Land die letzten Monate mit dem Modellprojekt Rathausblock empfunden haben, berichten sie uns im Rahmen unserer Reihe „Rathausblock im Portrait“.

Frau Müller, Frau Lundqvist, was war Ihr erster Berührungspunkt mit dem Dragonerareal?

Anna Lundqvist: Ich kannte das Areal. Einfach, weil es ein Teil von Kreuzberg ist. Aber so häufig war ich dort nicht unterwegs. Näher habe ich es erst im Werkstattverfahren kennengelernt. Und ich muss sagen: Das Dragonerareal ist einer dieser schönen innerstädtischen Freiräume, der noch typisch geblieben ist. Ein richtiges Stück Berlin!

Sabine Müller: Bei mir war das im Oktober 2015 mit der sogenannten „Flüchtlingskrise“. Es war ein regnerischer Herbsttag. Wir hatten eine Gruppe mexikanischer Architekten zu Besuch, die sich für integratives Wohnen interessierten. Deswegen waren wir in Kontakt mit verschiedenen Initiativen, die integratives Wohnen mit Flüchtlingen auch auf dem Dragonerareal realisieren wollten. Der ganze Besuch stand also sehr unter dem Eindruck dieses Jahres 2015, auch mit der Hoffnung mit diesem Gelände etwas machen zu können – gemeinsames, integratives Wohnen. Das Dragonerareal war für mich also immer schon ein Ort der Hoffnung.

Und wie war Ihr erster Eindruck vom Areal?

Müller: Die Garagen! Diese langen Höfe mit ihren Garagen und die Frage, was hinter den einzelnen Garagentoren wohl eigentlich so passiert – das hat mich am stärksten beschäftigt. Ich habe gleich gemerkt, dass dies ein verzauberter Ort ist. Man hatte das Gefühl, hier ist viel los – aber es könnte doch auch noch so viel mehr passieren.

Wie kamen Sie zum städtebaulichen Werkstattverfahren, das im Sommer 2019 startete?

Müller: Anna Lundqvist hatte uns angesprochen, sie hatte vom Verfahren gehört. Und dann war es ein Muss. Es geht hier schließlich nicht um irgendein Grundstück! Wir hatten die Geschichte des Dragonerareals immer verfolgt. Dass das Land Berlin das Grundstück übertragen bekommen hat, der zivilgesellschaftliche Prozess dahinter – das waren einige der tollsten Dinge, die in Berlin in den letzten Jahren passiert sind.

Wie nehmen Sie den Kooperationsprozess und das Modellprojekt Rathausblock wahr?

Müller: Ich finde den Prozess spannend. Es ringen sehr viele verschiedene Akteure darum, zusammen etwas für Kreuzberg zu bewegen. Das ist für mich gelebte Urbanität. In der Kooperation wird zwischen Akteuren mit so unterschiedlichen Hintergründen verhandelt. Das hat schon etwas sehr Berührendes, wenn man mitbekommt, wie eine Gruppe von 20 Leuten dasitzt und miteinander um den richtigen Weg ringt. Teil dieses Arbeitens zu werden ist großartig, aber auch sehr anstrengend. Solche Prozesse sind mir durch meine eigene Geschichte nicht unbekannt: Ich habe auf einem Wagenplatz gewohnt und ein bisschen Plenumserfahrung. Da würde man sich manchmal wünschen, dass große Runden besser moderiert wären, damit die Stimmen gleichmäßiger verteilt werden.

Was war Ihr Highlight im städtebaulichen Werkstattverfahren? Was hat Sie überrascht?

Lundqvist: Es war ein ständiges Highlight! Mir haben vor allen Dingen die vier großen Events, bei denen alle zusammenkamen und die Zwischenstände besprachen, gefallen. Das waren sehr intensive Begegnungen. Direkte Reaktionen zur eigenen Arbeit zu bekommen, das ist richtig gut. Wir versuchen als Architekten immer an Vieles zu denken. Aber man kann nie alles im Blick haben. Deswegen ist solch ein Werkstattverfahren so wertvoll. Auf diese Weise nimmt man Menschen mit. Hingegen hat man bei einem klassischen anonymen Wettbewerb keinen Austausch, sondern nur Auslobungsunterlagen und versucht, die Erwartungen mit dem Entwurf so gut wie möglich zu treffen.

Müller: Genau! Auch die Lärm- und Lichtproblematik wird viel plastischer, wenn man sie nicht nur mit Zahlen, sondern wirklich mit Gesichtern verbindet. Das gibt den einzelnen Belangen, die im Städtebau alle gesetzlich formuliert sind, nochmal eine andere Wertigkeit. Das absolute Highlight war für mich aber der Auftakt. Vor allen Dingen mit dem wunderbaren Abendessen, dass die Kooperationspartner an einem lauen Sommerabend veranstaltet haben. Ich kam mit so vielen Menschen an der langen Tafel ins Gespräch, auch mit den anderen Planungsteams. Da kam in mir das Gefühl hoch: Jetzt machen wir hier was gemeinsam! Ein toller Start ins Verfahren.

Kommen wir jetzt zu Ihrem Entwurf, der von der Jury als Grundlage für die Zukunft des Dragonerareals ausgewählt wurde. Was zeichnet ihn aus?

Müller: Wir als Team sind davon überzeugt, dass man Stadt aus dem öffentlichen Freiraum und auch aus der Geschichte heraus entwickelt. Deswegen liegt der Fokus in unserem Entwurf auf einem integrativen öffentlichen Gartenraum, der das Gelände durchwegbar macht und von vielen Menschen genutzt werden kann.

Lundqvist: Wir haben einen großen Freiraum geschaffen, der auch etwas für die Nachbarschaft leistet. Er bietet viel Fläche für das Quartier, aber auch für begrünte Zonen, die zur Kühlung und zur Biodiversität dieses Stadtteils beitragen. Alles Themen, die in Zukunft besonders wichtig werden.

Müller: Zweitens haben wir versucht, den Rathausblock in seiner Entstehungsgeschichte mit dem Kasernenareal und dem gründerzeitlichen Block zu respektieren. Zwischen diesen sehr unterschiedlichen Elementen entsteht eine große Fuge mit dem Fünfeck, das auch im Logo des Rathausblocks enthalten ist. Uns war wichtig, diesen Zwischenraum erlebbar zu machen. Deswegen haben auch wir versucht, die denkmalgeschützten Gebäude nicht zu überbauen.

Sind Sie auf etwas besonders stolz?

Lundqvist: Ich bin sehr stolz darauf, dass es gelungen ist, diesen Freiraum zu schaffen. Die Architekten mussten diese geforderten Mengen an Wohnen, Gewerbe, Kultur ja irgendwie unterbringen. Das ist Handwerk und hat viele Arbeitsstunden gebraucht. Zwischendurch waren wir schon auch etwas verzweifelt. Das ist viel Wohnraum, der hier untergebracht werden soll. Wir müssen ihn in das Kasernenareal bringen und trotzdem lebenswerte Räume schaffen. Ich finde, wir haben eine gute Lösung mit einer gewissen Kleinteiligkeit gefunden. Der Austausch zwischen denkmalgeschützten Gebäuden und neuen Nutzungen wird Lebendigkeit bringen.

Ein kleiner Blick hinter die Kulissen: Wie läuft so ein kreativer Prozess bei Ihnen im Team ab?

Müller: Am Anfang denkt man: Wie soll das gehen? Es gab zwar Vorstudien, wie bestimmte Baumassen unterzubringen seien. Wir haben jedoch trotzdem unzählige Varianten ausprobiert. Im Grunde bauen wir das Ganze zuerst im Modell. Erst dann versteht man das Areal in seiner Dreidimensionalität sowie den städtebaulichen Kontext. Im Anschluss geht es sehr viel über Styrodur schneiden. Am Ende eines Arbeitstages stehen wir mit vier bis fünf Leuten um das Modell herum und diskutieren die Varianten: „Das geht nicht!“ – „Das sieht nicht aus!“ – „Das versteht man nicht!“. Am Ende hatte man aber endlich das Gefühl: Jetzt passt’s! Wir haben uns etwa fünf Monate jeden Tag mit dem Modell für das Dragonerareal beschäftigt. Die Idee, den Rand des Fünfecks auszubauen und dort Wohngebäude zu platzieren, war irgendwann relativ stabil. Das Besondere an unserem Team war auch, dass wir Barbara Schindler und ihren Partner – der Künstler ist – mit dabei hatten. Denen haben wir unsere Ideen immer wieder erklärt. Es geht schließlich auch um die Verständlichkeit: Wie leitet man den Entwurf her, wie begründet lassen sich bestimmte Räume und Entscheidungen begründen? Eine große Herausforderung im Prozess war, dass es sowohl öffentliche Veranstaltungen als auch solche im Gutachtergremium mit den Fachleuten gab. Wir mussten eigentlich zwei verschiedene Sprachen sprechen…

Lundqvist: Da wurden wir auch immer besser drin!

Wie sind Sie mit dem Stress der nahenden Abgabedeadline umgegangen?

Müller: Das wird es kurz vorher schon intensiv. Wir hatten tolle Leute im Team, die super Arbeit geleistet haben! Für uns war es gut, dass es unterschiedliche Deadlines gab. Die Pläne mussten wir im Dezember abgegeben, das Modell und die Präsentation erst im Januar. Das hat alles etwas entspannt. Kurz: Es hätte auch stressiger werden können.

Wie geht es jetzt weiter? Was wurde Ihnen als Überarbeitungsauftrag mitgegeben?

Müller: Es gibt eine Liste mit 58 Punkten, die wir uns nun anschauen müssen.

Lundqvist: Das ist eigentlich üblich und gut so, dass wir überarbeiten. Für einige Punkte muss eine alternative Lösung gefunden werden. Manche Dinge müssen wir nur besser erklären, die sind schon da. Es geht also um nichts Grundlegendes.

Lassen Sie uns zum Schluss einen Blick nach Übermorgen werfen:
Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft des Rathausblocks hätten, welcher wäre das?

Müller: Mein Wunsch wäre, dass dieser Entstehungsprozess von Stadt weiterläuft, auch wenn dort schon die Architektur steht, Menschen wohnen, arbeiten, leben. Dass die Lebendigkeit des Prozesses weiterläuft. Dass die Dynamik weiterlebt.

Lundqvist: Dass es nie fertig wird.

Frau Müller, Frau Lundqvist, herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Jan Korte.