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Interview mit Clara Herrmann, Bezirksbürgermeisterin und Bezirksstadträtin für Finanzen, Personal, Wirtschaft, Kultur und Diversity

Clara Herrmann
Bild: Erik Marquardt

Liebe Frau Hermann, Sie sind seit letztem Jahr Bezirksbürgermeisterin in Friedrichshain-Kreuzberg und bereits seit 2016 als Bezirksstadträtin im Bezirk tätig. Was gefällt Ihnen bei Ihrer Arbeit in Friedrichshain-Kreuzberg besonders?

Friedrichshain-Kreuzberg ist ein Bezirk, der von vielen engagierten Menschen und Initiativen geprägt und gestaltet wird. Dieses Engagement schätze ich sehr an meiner Arbeit, denn für mich ist es wichtig, dass die Belange des Bezirks gemeinsam mit den Menschen, die ihn ihm leben, gestaltet werden.

Wie ist Ihre Verbindung zum Modellprojekt Rathausbock? Was liegt Ihnen bei diesem Projekt besonders am Herzen?

Ich freue mich, dass im Modellprojekt Rathausblock neue Wege einer kooperativen und gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung erprobt werden, an der Bezirk, Land Berlin und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft beteiligt sind. Gemeinsam wollen wir zeigen, wie die Stadt der Zukunft mit bezahlbarem Wohnraum und Gewerbe, sowie sozialer Infrastruktur wie Kita und Nachbarschaftsraum aussieht. In Zeiten der Klimakrise ist es besonders wichtig, nachhaltige Energiekonzepte und neue Freiflächen zu schaffen. Daher liegt mir bei dem Modellprojekt besonders am Herzen, dass in einem so dicht besiedelten Bezirk wie Friedrichshain-Kreuzberg die bauliche Entwicklung mit einer umfangreichen grünordnerischen Konzeption einhergeht, um mehr grüne Oasen zu schaffen.

Das Modellprojekt Rathausblock bekommt aufgrund seines Modellcharakters viel Aufmerksamkeit aus Stadtgesellschaft und Stadtpolitik, aber auch aus der Stadtforschung. Das Forschungsprojekt KoopWohl untersucht, wie städtische Ko-Produktion von Teilhabe und Gemeinwohl funktionieren kann. Was denken Sie, sind Punkte die im Modellprojekt Rathausblock, in Hinblick auf Aushandlungsprozesse zwischen zivilgesellschaftliche Akteuren und städtischen Verwaltungen, als Learnings vielleicht auch für die Entwicklung andere Orte übertragen werden können?

In einzelnen Aspekten gibt es sicherlich gute Übertragungsmöglichkeiten, z.B. gibt es im Bezirk schon mehrere Zukunftsräte. Jeder Ort und jedes Projekt hat jedoch seine eigenen Gelingensbedingungen. Die sehr intensive Kooperation im Modellprojekt Rathausblock verfügt durch den Status als Sanierungsgebiet über vergleichsweise große personelle und finanzielle Ressourcen. Mein Stadtratskollege Florian Schmidt hat seit dieser Legislatur den Zusatz „Kooperative Stadtentwicklung“ im Abteilungsnamen, um der Bedeutung dieser Aushandlungsprozesse für das Bezirksamt noch mehr Nachdruck zu verleihen. Die Umsetzung der Leitlinien Bürgerbeteiligung im Bezirk beschäftigt sich auch mit der Frage der Möglichkeiten und Ressourcen für die verschiedensten Verfahren.

Im Forschungsprojekt KoopWohl wird neben dem Modellprojekt Rathausblock auch das Modellprojekt Can Batlló in Barcelona untersucht. Kürzlich gab es einen Austausch von Projekten aus Friedrichshain-Kreuzberg nach Barcelona, um einen Einblick in dortige Projekte der gemeinwohlorientierten und kooperativen Stadtentwicklung zu bekommen. Was ist Ihnen von der Reise besonders in Erinnerung geblieben?

Zwischen dem Can Batlló und dem Dragonerareal gibt es einige bauliche und strukturelle Parallelen, auch wenn das Areal in Barcelona doppelt so groß ist. Aus Initiativen der Zivilgesellschaft wurden dort teilweise. genossenschaftliche Kooperativen. Eine organisatorische und finanzielle Verstetigung von zivilgesellschaftlichen Anliegen wird auch am Rathausblock angestrebt (z.B. mit dem Kiezraum oder dem Geschichts- und Lernort). Auch die Kooperation zwischen Kommune und Zivilgesellschaft ist in beiden Fällen sehr eng. Beindruckt hat mich auch das Engagement der Stadt Barcelona bei der nicht nur auf Verkehrsmaßnahmen ausgerichteten Gestaltung von Superblocks.

In Can Batlló werden, auch im geförderten Wohnungsbau, gemeinschaftliche Wohnprojekten wie La Borda umgesetzt. Welche Anregungen für die Wohnraumversorgung konnten Sie für Friedrichshain-Kreuzberg mitnehmen?

Der Wunsch, gemeinsam in Hausprojekten zu wohnen, wächst auch in Deutschland. Genossenschaftliches Wohnen hat in Deutschland schon eine lange Tradition, wogegen La Borda in Barcelona das erste Neubauprojekt einer Genossenschaft ist. Auch dort sind Gemeinschaftsflächen im Rahmen der Wohnraumförderrichtlinien schwierig umzusetzen gewesen. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass auf der Landes- und Bundesebene versucht hier mehr Entwicklungsspielraum zu schaffen. Modellprojekte können da gutes Anschauungsmaterial liefern.

Gibt es einzelne Stadtentwicklungsprojekte in Barcelona, wo Sie konkret Potenzial für eine ähnliche Umsetzung im Rathausblock oder in Friedrichshain-Kreuzberg sehen würden?

Unser Plan, Kiezblocks auf Bezirksebene einzurichten, ist ein ähnlicher Ansatz wie in Barcelona. Interessant fand ich, dass dem verkehrlichen Umbau erst mal andere Infrastruktureinrichtungen wie Stadtteilbibliotheken, Schulen, Sportstätten, Lebensmittelmärkte und medizinische Versorgung in einer Erreichbarkeit von ca. 10-15 Gehminuten vorausgehen sollen. Der verkehrliche Umbau erfolgt systematisch erst mal mit einfachen, reversiblen Maßnahmen, um zu sehen wie die Änderungen wirken. Dies haben wir in unserem Bezirk auch so gehandhabt, z.B. mit den Pop-up-Radwegen oder in der Bergmannstraße. Aber es ist nicht immer leicht, dies mit sehr geringem Aufwand umzusetzen und dabei alle Vorschriften zu beachten. Da wünsche ich mir mehr Freiheiten, auch um zu erproben, welche Maßnahmen sich im öffentlichen Raum bewähren.

Bei dem Austausch mit Barcelona haben Sie auch kooperative Projekte der ökologischen und regionalen Landwirtschaft besucht. Welche Rolle spielt das Thema Ernährungssicherheit für Friedrichshain-Kreuzberg?

Neben dem Thema Rathausblock nimmt unser Bezirk, vertreten durch unsere Koordinatorin für Bezirkliche Entwicklungspolitik in Kooperation mit dem Ernährungsrat Berlin auch im Forschungsbereich Umwelt an dem Forschungsprojekt KoopWohl teil, dass ich mit den Themenfeldern Ernährungssicherheit, Ernährungswende und Ernährungsgerechtigkeit befasst. Konkret wurde in diesem Projekt in einem partizipativen Prozess mit der Zivilgesellschaft ein LebensMittelPunkt- Netzwerk im Bezirk initiiert, um Angebote rund um nachhaltige Ernährung für die Bewohner*innen des Bezirks aufzubauen. LebensMittelPunkte sind Orte, an denen überwiegend regionale, hochwertige Nahrungsmittel gehandelt, gelagert, verarbeitet, gekocht und gemeinsam gegessen werden. Darüber hinaus sind sie Stadtteilzentren für konkreten und erfahrbaren Klima-, Umwelt- und Ressourcenschutz und wirken der Lebensmittelverschwendung entgegen.

Das Thema Verkehr ist nicht nur in Berlin ein Schlüsselpunkt, wenn es um nachhaltige Stadtentwicklung geht. Dabei erfahren auch Kiezblock- Initiativen mehr und mehr Aufmerksamkeit. In Barcelona haben Sie die Superblocks in Sant Antoni besucht. Gibt es hier konkrete Punkte, die sich auch im Bezirk umsetzen ließen?

Ja, einiges praktizieren wir bereits. Diagonalsperren oder Poller zur Verkehrsberuhigung vor Kreuzungen oder der Einsatz von Stadtmöbeln für den Aufenthalt gibt es bei uns im Bezirk bereits. Ein Gesamtkonzept für Kiezblocks in unserem Bezirk wird derzeit erarbeitet. Die Befürchtung von Gewerbeleerstand durch die Umgestaltung gab es übrigens auch in Barcelona bei der Konzeptentwicklung in 2016, aber der Eindruck unserer Delegation war, dass es eine sehr lebendige gewerbliche Nutzung gibt.