Musik aus der Hosentasche

November / Dezember 2019

Walkman an der Hosentasche
Walkman an der Hosentasche
Bild: Philipp Schulze / dpa

von Hans-Jürgen Rudolf

Ich bin mir sicher: Vor vier Jahrzehnten lag er vielerorts erstmals als Geschenk unterm Weihnachtsbaum – der Walkman.

40 Jahre ist es her, als der japanische Konzern Sony den ersten Walkman auf den Markt brachte. Musik hören war plötzlich unterwegs möglich – dank diesem tragbaren Kassettenrekorder. Der Walkman TPS-L2 war es, der Sony als Marke gewissermaßen in eine Spitzenposition unter den Elektronikherstellern dieser Welt hievte.

“Legende” und “Kult” sind überstrapazierte Begriffe. Doch auf den Walkman treffen die Bezeichnungen zu.

Der Legende nach ist ist Sony-Gründer Masaru Ibuka maßgeblich dafür verantwortlich: Angeblich wollte der damalige Ehrenvorsitzender des Sony-Aufsichtsrats auf seinen Reisen Musik hören und wünschte sich ein portables Gerät. Also mussten Sonys Designer das fast zwei Kilogramm schwere Diktiergerät TC-D 5 weiterentwickeln und abspecken. Sie entwickeln den ersten Walkman – und verändern damit die Art und Weise, wie Millionen Menschen Musik hören.

Doch es handelte sich beim Walkman nicht um eine radikale Neuerung, sondern um eine geschickte Verbesserung des Bestehenden. Die Verkaufszahlen aber übertrafen jedoch schon im ersten Jahr alle Prognosen. In den folgenden Jahren sollte das Unternehmen 400 Millionen Stück verkaufen. Zwar boten andere Anbieter bald vergleichbare Kassettenspieler an. Doch wer etwas auf sich hielt, erwarb das Original von Sony. So wurde der Walkman gewissermaßen zur Ikone der Popkultur und zum Sinnbild eines neuen Lebensstils. Die „Musik zum Mitnehmen“ entwickelte sich zu einer hippen Marke.

Der Erfinder ist ein Deutscher

Die Japaner haben die Geräteklasse aber nicht erfunden. Der Deutsche Andreas Pavel meldete bereits 1977 einen Kassetten-Abspieler als Patent an, der dem Walkman verblüffend ähnlich sah. Zuvor hatte er das Konzept bereits auf der Hi-Fi-Messe 1976 in Hannover Philips und Sony vorgestellt. Doch die beiden Branchenriesen ließen den deutschen Tüftler abblitzen. Pavels Versuche, nach Erscheinen des Walkmans Lizenzgebühren auszuhandeln, schmetterte Sony eiskalt ab. Darauf folgte ein viele Jahre währender Kleinkrieg vor Gericht, den Sony 1996 mit Heerscharen von Anwälten vor einem Londoner Berufungsgericht endgültig für sich entschied und den Deutschen mit Millionen Schulden in den Ruin trieb. Erst nachdem 1999 Firmengründer Akio Morita starb, erkannte dessen Nachfolger Norio Ohga die Urheberschaft Pavels an und Sony zahlte ihm eine Abfindung.

Viele haben ihn noch

Zunächst wurde das Gerät unter verschiedenen Namen verkauft. In den USA hieß er beispielsweise Soundabout, Freestyle in Australien oder Stowaway in Großbritannien. Erst Anfang 1980 vermarktete Sony seinen Kassettenspieler weltweit als Walkman.

Wie aus dem Sony-Archiv zu erfahren ist, griffen 1980 mancherorts in Deutschland unbekannte Täter zum Hammer und schlugen die Scheiben von Elektrohändlern ein. Sie klauten den Walkman aus der Auslage – “und nur den Walkman”, wie betont wird. Tausende dürften den damals heiß geliebten Kassettenspieler heute noch im Karton mit Kindheitserinnerungen lagern. Mancher begrub seinen kaputten Walkman wie ein totes Haustier im Garten. Jungen verbrachten Tage damit, einem Mädchen Tapes aufzunehmen. Und für alle, die ihn nicht mehr haben wurde der „Walkman“ in den Duden aufgenommen – kleiner Kassettenrecorder mit Kopfhörer.

Seinen 40. Geburtstag hat sich Sony zum Anlass genommen, einen neuen Walkman auf den Markt zu bringen: den NW-A100TPS. Dieser entpuppt sich jedoch nicht als klassischer Walkman und kommt zudem mit einem stolzen Preis daher. Auf Twitter veröffentlichten die Macher des neuen Walkmans ein Video, in dem er kurz vorgestellt wird und sich die Fans und Liebhaber des tragbaren, medialen Endgerätes ein erstes Bild machen können.