Ein Weihnachtsgruß per Karte oder SMS?

November / Dezember 2019

Eine Postkartenflut, wie auf dieser Karte aus dem Jahr 1900, muss heute niemand befürchten
Eine Postkartenflut, wie auf dieser Karte aus dem Jahr 1900, muss heute niemand befürchten
Bild: Museum für Kommunikation Berlin

von Ursula A. Kolbe

Es ist doch eigentlich noch gar nicht so lange her, dass wir auf unseren Reisen per Postkarte liebe Grüße und Impressionen an die daheim Gebliebenen schickten. Und doch scheint es, liegen heute Welten dazwischen. Smartphone, Selfie, Instagram überfluten unseren Alltag. Und doch bleibt sie, die Postkarte, in all ihren Facetten unvergessen. Sie feiert nunmehr ihr 150jähriges Jubiläum. Die Kabinettsausstellung „Mehr als Worte. 150 Jahre Postkartengrüße“ beleuchtet derzeit im Berliner Museum für Kommunikation bis zum 20. Januar 2020 ihre Geschichte von Entstehung und Vielfalt eines Mediums als Spiegel der Gesellschaft.

Mehr als 500 Postkarten spannen den Bogen von den Vorläufern und der Hochzeit der Postkarte im Kaiserreich über Feldpost-, Kunstpost- und Propagandakarten sowie Postkarten in Ost und West bis zur digitalen Postkarte und Postcrossing. Im Fokus stehen außerdem die Praktik des Sammelns sowie ganz besonderer Stücke aus der Sammlung der Museumsstiftung Post- und Fernmeldekommunikation. Diese besitzt mit über 200.000 Exemplaren eine der größten Postkartensammlungen Deutschlands.

Das „unanständige“ offene Postblatt

Dabei vor ihrer Einführung am 1. Oktober 1869 noch als „unanständige Form der Mitteilung auf offenem Postblatt“ kritisiert, traf die Postkarte den Nerv der Zeit: Sie erfüllte ein Bedürfnis nach vereinfachtem und raschem Informationsaustausch. Damals wie heute veranschaulichen die Bildmotive die Mitteilung, ergänzen sie, schmücken sie aus oder ersetzen diese sogar.

Schon 1865 hatte Heinrich von Stephan, Postreformer und Gründer des Reichspostmuseums – dem heutigen Museum für Kommunikation in Berlin -, auf der 5. Konferenz des Deutschen Postvereins 1865/66 in Karlsruhe außerhalb der amtlichen Sitzungen in einer Denkschrift die Einführung eines „Postblattes“ vorgeschlagen. Ein kleiner weißer Karton mit eingestempelter Marke sollte als Alternative zum traditionellen Brief angeboten werden – eine weniger umständliche und kostengünstigere Mitteilungsmöglichkeit für die Menschen. Sie wurde aber abgelehnt mit der Sorge um das Briefgeheimnis und die Wahrung der guten Sitten sowie sinkender Einnahmen.

Erst 1870 konnte von Stephan als Generalpostdirektor im Norddeutschen Postbezirk seine Idee verwirklichen. Bereits ein Jahr zuvor, am 1. Oktober 1869, war die Correspondenz-Karte in der österreichisch-ungarischen Monarchie eingeführt worden. Allein in den letzten Monaten des Jahres 1869 verkaufte die österreichische Postverwaltung drei Millionen Karten.

In Deutschland kam die Postkarte beim Publikum ebenfalls gut an. So wurden in Berlin am ersten Verkaufstag, dem 25. Juni 1870, mehr als 45.000 Exemplare erworben. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 verschickten Soldaten und ihre Angehörigen die Correspondenz-Karte millionenfach als kostenlose Feldpostkarte. Vor allem für diejenigen, die wenig geübt waren, sich schriftlich zu äußern, war das neue Medium ein gut geeignetes Mittel, um Lebenszeichen, kurze Mitteilungen und Grüße zu senden.

Aber auch das zählte: Während ein Brief zehn Pfennig kostete, wurde das Porto für Postkarten auf fünf reduziert. Das schnelle Kommunikationsmittel Telegramm musste per Wort bezahlt werden. Aber auch die Motive wurden spannend. Die Bildpostkarte (1885 offiziell zugelassen) entwickelte sich schnell zum Verkaufsschlager. Dafür sorgten auch die Zusteller, die zu besten Zeiten in der Kaiserzeit zu Hochzeiten in Großstädten mehrmals am Tag auslieferten. Vor dem Ersten Weltkrieg erfolgte z. B. in der Reichshauptstadt Berlin die tägliche Postzustellung bis zu elfmal täglich.

Auch das Geschäft blühte auf

Die Jahre zwischen 1895 und 1914 erwiesen sich als Blütejahre und lukrativ für alle, die mit ihrer Herstellung Geschäfte machten. Binnen kurzer Zeit entstanden zahlreiche lithografische Kunstanstalten, von denen einige ausschließlich Ansichtskarten für den internationalen und nationalen Markt herstellten; andere beschränkten sich auf Karten mit Motiven aus der Region. Eines aber hatten all diese Produkte gemeinsam: ihr durch die Drucktechnik charakteristisches Erscheinungsbild.

Die Möglichkeit, Bilder von sich und ihrer Umgebung anzufertigen, war für die Soldaten erstmals im Ersten Weltkrieg gegeben. Da sich nicht jeder Soldat eine Kamera leisten konnte, blühte der Markt für Fotopostkarten. In der Etappe, dem rückwärtigen Dienst, entstand ein regelrechtes Kleingewerbe für Produktion und Vertrieb. Auch Großhändler unterhielten Niederlassungen in den besetzten Ländern. Die Kartenproduktion war nicht sonderlich aufwendig und auch unter den schwierigen Bedingungen möglich. Abgebildet wurden Einzelpersonen oder Gruppen, aber auch Ruinen und Tote kamen als Motive in Umlauf und trugen zur visuellen Kommunikation des Krieges bei.

Die Historie hat aber auch humorvolle Episoden. So waren Anfang des 20. Jahrhunderts sogenannte „Liebespostkarten“ beliebt; Karten, die sich Liebespaare schickten und das Motiv selbst meist schon aussagekräftig genug war. Auf jeden Fall ist in der Ausstellung eine breite Vielfalt zu sehen.

Die Bundespost beförderte bis in die 1980er Jahre jährlich annähernd gleich viele Postkarten: 1954 lag die Zahl 1954 bei 920 Millionen, 1982 bei 877 Millionen. Danach sanken die Zahlen durch die Verbreitung neuer Kommunikationsmedien rapide und schwankten in den letzten Jahren zwischen 178 Millionen (2009), 210 Millionen (2014) und 195 Millionen (2017). Neue Formen sind entstanden, so z. B. Postcrossing, bei der sich weltweit Hunderttausende über die gleichnamige Internetplattform finden und Postkarten zusenden.

Und auch das sei noch gesagt: So hatte der Südwestrundfunk SWR dieser Tage vermeldet, dass eine Postkarte, die Ralf Herrmann als junger Mann bei einem Berlin-Besuch am 14. August 1971 an seine Eltern abschickte, volle 48 Jahre brauchte, um im 670 km entfernten rheinland-pfälzischen Ort Quirnbach anzukommen. Eine damals am selben Tag an seinen Bruder und die Schwägerin gesendete Karte sei aber schnell zugestellt worden. Jetzt werden viele Spekulationen angestellt, denn das zuständige Postamt existiert schon seit einigen Jahren nicht mehr…