Georg Elser – Tragik eines einsamen Hitler-Attentäters

November / Dezember 2019

Büste von Georg Elser vor dem Bundesinnenministerium Berlin (Bildhauer Kay Winkler)
Büste von Georg Elser vor dem Bundesinnenministerium Berlin (Bildhauer Kay Winkler)
Bild: Wikipedia

von Tristan Micke

Mehr als vierzig Attentate, Attentatsversuche und -pläne gegen Hitler hatte es gegeben, die alle samt scheiterten. Wird über diese Taten berichtet, so stehen der 20. Juli 1944 und die anderen, von Militärs geplanten Attentatsversuche stets im Vordergrund. Selten wird über den Zivilist, Georg Elser berichtet, der schon sehr zeitig erkannt hatte, dass Hitler nicht nur Deutschland, sondern die halbe Welt ins Unglück stürzen wird. 80 Jahre nach Elsers Attentatsversuch soll an ihn erinnert werden.

Georg Elser wurde im Jahre 1903 im schwäbischen Königsbronn geboren. Er war gelernter Schreiner, technisch und musikalisch begabt. Er galt als hilfsbereit und etwas eigenbrötlerisch.

Erste Erkenntnisse

Ab Herbst 1936 arbeitete er zunächst in der Gussputzerei der Armaturenfabrik Waldenmaier in Heidenheim. Dort bemerkte er, wie bereits zu dieser Zeit die Produkte der Firma auf die Rüstung umgestellt wurden. Waldenmaier stellte nun Zünder aller Art her. Hier kam Elser wohl auch auf die Idee, Hitler mittels eines Zeitzünders zu töten. Elser wollte eine Bombe mit hoher Sprengkraft herstellen, um den Diktator sicher zu beseitigen.

Planung und Vorbereitung

Das Attentat plante Georg Elser zum 8. November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller. Hier gedachten die Nazis alljährlich ihrer Opfer des gescheiterten Putschversuchs von 1923. Ein Jahr davor, zum 8. November 1938, fuhr Elser nach München, um den Ablauf der Gedenkfeierlichkeiten im Bürgerbräukeller zu studieren. Der Veranstaltungsort war abgesperrt. Nachdem Hitler abgefahren war und sich die Versammlung aufgelöst hatte, konnte Elser problemlos in den Saal. Er merkte sich den Standort des Rednerpultes, von dem aus Hitler noch kurz zuvor seine Rede gehalten hatte. Daneben befand sich eine Säule. In dieser Säule wollte Georg Elser den Zeitzünder mit der Bombe ein Jahr später unterbringen.

Im Frühjahr 1939 nahm Elser eine Tätigkeit im Steinbruch Vollmer in seinem Heimatort Königsbronn an. Er assistierte häufig dem Sprengmeister und konnte Erfahrungen über die Wirkung des Sprengstoffs sammeln. Im Vollmer´schen Steinbruch nahm man es mit der Buchführung über den Sprengstoffverbrauch nicht so genau und auch die Kontrollen durch den örtlichen Polizeiposten waren lax. So konnte sich Elser nach und nach unauffällig einen Sprengstoffvorrat anlegen. In seinem Zimmer bewahrte er die Sprengstoffvorräte und Zündmaterialien auf. Der geschickte Handwerker, der auch Uhren reparierte, bastelte hier in seinem Zimmer und im Keller des Hauses an einem Zeitzünder, der aus zwei Uhrwerken bestand. Mittels eines Schlagbolzenmechanismus sollten sie die Gewehrmunition auslösen, die die Zündung der fast 10 Kilogramm Sprengstoff vornehmen sollte. Der Zeitzünder konnte bis zu sechs Tage im Voraus eingestellt werden. Einem Schulungsbuch für Wehrertüchtigung entnahm Elser Tipps für den Bombenbau.

Am 5. August 1939 reiste Georg Elser mit einem großen Koffer nach München, mietete sich dort ein und wurde Stammgast im Bürgerbräukeller. Der stark schwäbelnde, freundliche “Schorsch” fiel dadurch auf, dass er außer einem Abendessen stets nur ein Bier am Abend zu sich nahm. Kurz vor der abendlichen Schließung des Gasthauses begab er sich ungesehen in eine zuvor ausgespähte Abstellkammer und wartete dort, bis alle das Haus verlassen hatten. Dann begann er mit dem mitgebrachten Werkzeug seine Arbeit. Er löste an der von ihm ausgewählen Säule eine Platte der Holzvertäfelung und versah sie mit Scharnieren und einem Riegel. So entstand eine unauffällige Tür. In den Nächten darauf höhlte er in mühevoller Arbeit bei notdürftiger Saal-Nachtbeleuchtung den unteren Teil der Säule aus.

Dabei saß ihm immer die Angst im Nacken, entdeckt zu werden. Den anfallenden Schutt sammelte er in einem alten Teppich und verstaute ihn in der Abstellkammer. Die Tür an der Säule verriegelte er danach wieder sorgfältig. Am Tage, wenn der Bürgerbräukeller geöffnet hatte, holte Elser den Schutt heimlich in einem Koffer ab und schüttete ihn in die nahe Isar. Von August bis November 1939 ließ er sich 30 bis 35 mal nachts im Bürgerbräukeller einschließen und arbeitete dort 3 bis 4 Stunden an seinem Vorhaben.

Am 1. September 1939, während Elser seine Vorbereitungen traf, hatte der Zweite Weltkrieg begonnen und Elser sah sich in seinem Ziel bestärkt, den Kriegstreiber Hitler zu beseitigen. Als gläubiger Christ hatte er zwar Skrupel, zu töten, kam aber zu der Erkenntnis, dass er durch seine Tat ein weitaus größeres Blutvergießen verhindern würde.

Die Tat

Am 6. November 1939 verstaute Elser den Zeitzünder mit der Sprengladung in der ausgehöhlten Säule. Am 7. November ließ er sich nochmals im Bürgerbräukeller einschließen, um alles ein letztes Mal zu überprüfen und den Zeitzünder auf den 8. November 21.20 Uhr einzustellen. Dann fuhr er nach Konstanz, von wo er sich in die Schweiz absetzen wollte.

Die Feierlichkeiten im Münchener Bürgerbräukeller begannen am 8. November 1939 um 19.30 Uhr und wurden über den Rundfunk übertragen. Wider Erwarten beendete Hitler seine Rede bereits um 21.07 Uhr. Hitler und seine Begleiter eilten dann zum Münchener Hauptbahnhof, wo ein Sonderwagen an den um 21.35 Uhr abfahrenden Zug nach Berlin angehängt wurde, denn wegen aufkommenden Nebels hatte Hitlers Pilot Bedenken, noch am selben Abend zurück nach Berlin zu fliegen. Pünktlich um 21.20 Uhr explodierte die Bombe im Bürgerbräukeller. Drei Menschen starben sofort, fünf weitere in Krankenhäusern und es gab 63 Verletzte. Der Diktator, dem diese Bombe galt, war da schon in sicherer Entfernung. 13 Minuten hatten ihn vor dem Tod bewahrt.

Am Grenzübergang Konstanz-Kreuzlinger Straße wurde nach Kriegsausbruch stärker kontrolliert als zuvor. Dort schlich Georg Elser am 8. November 1939 gegen 20 Uhr über ein dunkles Gelände Richtung Schweizer Grenze. Bisher hatte er sich stets sehr vorsichtig verhalten. An diesem Abend erregte er jedoch die Aufmerksamkeit der Grenzer. Elser wurde festgenommen.

Verhängnisvoll war für ihn, dass man bei ihm einen Schlagbolzen, die Feder eines Zünders, Aufzeichnungen über die Herstellung von Granaten, eine Ansichtskarte über den Münchener Bürgerbräukeller und ein Abzeichen des “Rotfront” – Kämpferbundes fand. Wahrscheinlich wollte er sich damit später in der Schweiz als Hitler-Attentäter zu erkennen geben. Georg Elser wurde der Gestapo übergeben. Um 23 Uhr gingen hier erste Meldungen über den Anschlag in München ein. Trotz der von ihm mitgeführten Gegenstände hielt man Elser zunächst nur für einen kleinen Ganoven. Er wurde zurück nach München gebracht und dort inhaftiert. Über 1000 andere Personen wurden festgenommen und auch der britische Geheimdienst verdächtigt, da die Gestapo bezweifelte, dass dieser perfekt ausgeklügelte Anschlag die Tat eines Einzelnen war.

Das Ende

Bei der Spurensuche im Bürgerbräukeller wurden Teile des Zünders gefunden und die Angestellten nach verdächtigen Personen befragt. Sie erinnerten sich an “Schorsch”, der hier oft zu Gast war und einen ausgeprägten schwäbischen Dialekt sprach. – So einen hatte man doch in der Münchener Gestapozentrale! Eine Gegenüberstellung mit den Angestellten des Bürgerbräukellers und die Durchsuchung von Elsers Wohnung, bei der für den Bombenbau geeignete Materialien gefunden wurden, bestätigten, dass Elser etwas mit dem Anschlag zu tun hatte. Er wurde einer “verschärften Vernehmung” unterzogen.

Heinrich Himmler persönlich beteiligte sich an einigen Foltermaßnahmen, denn die Nazis glaubten noch immer nicht, dass Elser der alleinige Täter war. Am 15. November gestand dieser aber glaubhaft die Einzeltäterschaft und wurde nach Berlin gebracht, wo er bis Anfang 1941 in der Gestapo-Zentrale einsaß. Nach dem Endsieg sollte ein Schauprozess gegen ihn stattfinden. Da dieser Sieg aber ausblieb, wurde Elser ins KZ Sachsenhausen überführt, wo er als Sonderhäftling in Isolationshaft kam. Im Februar 1945, als sich die Niederlage der Nazis längst abgezeichnet hatte, wurde Elser ins KZ Dachau verlegt und auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes am späten Abend des 9. April 1945 – einen knappen Monat vor Kriegsende – durch Genickschuss hingerichtet. Seine Leiche wurde eingeäschert.

Selbst Regimegegner glaubten zunächst, die Nazis hätten den Anschlag selbst inszeniert und sahen Elser als deren Helfer an. Nachforschungen nach dem Krieg brachten aber auch der Öffentlichkeit Gewissheit, dass Georg Elser tatsächlich ein Einzeltäter war und aus tiefster Überzeugung gehandelt hatte.

Quelle: Guido Knopp: Sie wollten Hitler töten; München, 2004