75. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad

Mai/Juni 2018

Eine Ruine
Bild: Andrea Damm / pixelio.de

von Waltraud Käß

Wie beschreibt man „DAS GRAUEN“? Das ist sehr schwer, und eigentlich ist es unbeschreiblich. Dennoch gibt es dürre Fakten, die aus vielen Verbrechen an Menschen und Völkern grauenvolle Geschehnisse und Bilder puzzlehaft zusammensetzen. Der 2. Weltkrieg, der am 8. Mai 1945 mit der Kapitulation Hitlerdeutschlands beendet wurde, ist in die Geschichte als grauenvoller Völkermord eingegangen.

Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge. Zumindest das sollte der Mensch aus der Geschichte lernen und neuen Lügen nicht auf den Leim gehen. Als nach dem so genannten „Überfall auf den Sender Gleiwitz“ die faschistische Wehrmacht ab 1. September 1939 Polen besetzte und letztlich am 22.Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, um den Bolschewismus mit Stumpf und Stiel auszurotten, erahnte wohl keiner der Deutschen die Dimension der entsetzlichen Kriegsverbrechen, die durch Wehrmacht, SS und andere Verbände in der Sowjetunion und in anderen Ländern begangen wurden, obwohl dieser Krieg gegen die Sowjetunion von Hitler als Vernichtungskrieg angekündigt worden war.

Auch im Nachdenken darüber viele Jahrzehnte später empfinde ich als „normaler Mensch“ großen körperlichen Schmerz, wenn ich lesen muss, wie die deutschen Truppen in fremden Ländern gewütet haben. Da es auch heute wieder Menschen gibt, die diese Ereignisse leugnen oder klein reden wollen, oder sich den Grenzen Russlands fast wieder auf Rufweite nähern, sollte man einige der Kriegsverbrechen in die Erinnerung zurückholen damit sich so etwas nie mehr wiederhole. Die Verbrechen wurden flächendeckend verübt, doch einige, prägnante Ereignisse sollen das besonders verdeutlichen:

Die Stadt Leningrad

Bereits am 8. September 1941 begannen deutsche, spanische und finnische Militäreinheiten einen Blockadering um diese Stadt zu legen, weil sie nicht schnell genug eingenommen werden konnte. Alle Versorgungslinien wurden gekappt. Einziger Ausweg wurde der unter Beschuss liegende Ladoga-See. Viele Menschen kamen dort um. Dennoch nannten die Leningrader diese Trasse die „Straße des Lebens“.

Am 12. September berechnete die Verwaltung der Stadt, wie weit die vorhandenen Vorräte für die Versorgung der Bevölkerung noch ausreichen würden: Grütze und Makkaroni reichen für 30 Tage. Getreide und Mehl reichen für 35 Tage. Fleisch inklusive Viehbestand reichen für 33 Tage. Fette reichen für 35 Tage. Zucker und Süßwaren reichen für 60 Tage.

Aber die Blockade dauerte 900 Tage. Für Arbeiter wurde die tägliche Brotration auf 400 g, für Angestellte und Kinder auf 300 g festgelegt. Diese Rationen wurden mit zunehmender Blockade immer kleiner. Im Winter 1941/42 verloren die Menschen 45% ihres Körpergewichts.

Wer zählte die Toten?
Etwa eine Million Menschen verhungerten. Das war gewollt. Diese Blockade gehört mit zu den schwersten Kriegsverbrechen Hitlerdeutschlands in der Sowjetunion.

Babyn Yar
Am 29. und 30. September 1941 erschossen deutsche Besatzungstruppen innerhalb von 10 Stunden = 33 771 Männer, Frauen und Kinder in der Schlucht von Babyn Yar. Die meisten von ihnen waren Juden. Auf Fotos von Berichterstattern und Soldaten sind diese unsäglichen Szenen dokumentiert und in verschiedenen Ausstellungen auch schon gezeigt worden.

Kriwoi Rog
2500 jüdische Zivilisten und 800 jüdische Kriegsgefangene wurden hier durch eine deutsche Polizeieinheit unter Mitwirkung von ukrainischen Hilfspolizisten erschossen.

Das Grauen zeigte sich auch auf andere Art und Weise. Millionen von Menschen wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Sie mussten u.a. in der Rüstungsindustrie schuften und an Waffensystemen arbeiten, die gegen ihr eigenes Volk gerichtet wurden.

Zwischen 5-6 Millionen Rotarmisten gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Quälerei durch Zwangsarbeit, Hunger durch unzureichende Ernährung und damit verbundenen Erkrankungen dezimierten ihre Zahl. In den so genannten „Russenlagern‘“, die nur aus Erdhöhlen bestanden, starben täglich um die 300 Gefangene. Politkommissare wurden auf Befehl Hitlers besonders behandelt. Sie wurden ausgesondert und erschossen. 50% der sowjetischen Kriegsgefangenen kamen insgesamt zu Tode.

Der Forschungsstand zu den gesamten sowjetischen Opferzahlen weist etwa 27 Millionen Tote aus. Der Anteil der Soldaten der Roten Armee liegt dabei bei etwa 13 Millionen, der Anteil der Zivilbevölkerung liegt bei 14 Millionen Toten.
Nach Kriegsende konnte auch das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen bestimmt werden.
Die deutsche Wehrmacht hatte ein verbranntes, ausgeplündertes Land hinterlassen. Der Schaden wird insgesamt auf 679 Milliarden Rubel beziffert. Die Reparationen wurden allerdings nicht von Gesamtdeutschland getragen.

Ungehemmt wären diese Verbrechen weitergegangen – doch an der Wolga wurde das Stopp-Zeichen gesetzt.

Die Schlacht um Stalingrad, die 220 Tage dauerte und am 2. Februar 1943 mit der Kapitulation von Generalfeldmarschall Paulus endete, zeigte der Welt, dass es für Deutschland unmöglich ist, in diesem Krieg den Sieg nach Hause zu tragen. 230 000 deutsche Soldaten lagen vor Stalingrad und wurden durch die Rote Armee eingekesselt.

Es wurde um jede Straße, um jedes Haus, um jeden Gartenzaun gekämpft. Hätte dieser Befehlshaber die vorher schon zweimal angebotene Kapitulation angenommen, hätte er vielen Menschen auf beiden Seiten das Leben gerettet. So aber sind in der Schlacht von Stalingrad 700 000 Tote zu beklagen, mehr als die Hälfte von ihnen waren Soldaten der Roten Armee.

Im Jahre 1961 drückte der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko seine Friedenssehnsucht und die Sehnsucht seines Volkes in dem Gedicht „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“ aus. In einer Strophe des Gedichts heißt es:

„Der Kampf hat uns nicht schwach geseh`n,
doch nie mehr möge es gescheh`n,
dass Menschenblut, so rot und heiß,
der bitt`ren Erde wird zum Preis.
Frag Mütter, die seit damals grau,
befrag doch bitte meine Frau.
Die Antwort in der Frage liegt:
Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“

Dass die durch Krieg und Verbrechen geschundenen Völker dieses Leid nicht vergessen können, zeigt sich in den jährlichen Gedenkveranstaltungen in diesen Ländern. In Wolgograd wurde am 2. Februar 2018, 75 Jahre nach dem Ende der Schlacht, eine Gedenkveranstaltung durchgeführt.

28 ausländische Delegationen aus verschiedenen Ländern haben mit hochbetagten, ehemaligen Soldaten und mit den nachfolgenden Generationen der Toten gedacht und sich für eine weltweite Friedenspolitik ausgesprochen. Wer hört auf diese Signale? Eine offizielle, deutsche Delegation fehlte. Aber gerade wir, die Nachkommen der schuldig gewordenen Generation dürfen diese Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Schon wieder regt sich dieser Drang und wird zur „Russenphobie“. Die Menschen in Deutschland, Polen, den baltischen Staaten, Spanien, Frankreich, Italien und Großbritannien leben seit 1945 im Frieden. Die Schrecken und das Leid des 2. Weltkriegs haben die meisten von ihnen nicht erlebt. Sie hatten das Glück der späteren Geburt.

Und so wird allzu leichtsinnig tagtäglich mit dem Feuer gespielt, werden NATO-Truppen vor die Grenzen Russlands gestellt, wird eine Drohkulisse sondergleichen aufgebaut, wird das Feindbild Russland immer mehr aufpoliert. Wir sollten uns fragen: Wem nützt es?

Zwei Gedenktage gibt es also in diesem Jahr. Am 8. Mai 2018 jährt sich zum 73. Mal der Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus. Wird Deutschland zu diesem Zeitpunkt ein Zeichen der Wiederannäherung an Russland setzen? Unter den aktuellen Gegebenheiten eher unwahrscheinlich.

Hoffnungsvoll stimmt aber, dass die Menschen die Freundschaft und den Friedensgedanken durch viele Projekte mit Leben erfüllen. Allerdings gibt es in den Medien dazu kaum eine Berichterstattung. Aber z.B. gibt es zwischen Städten und Kommunen Partnerschaften, ebenso zwischen Universitäten und Hochschulen. Auf dem Gebiet des Sports werden Freundschaftstreffen organisiert.

Auch ist angedacht, eine gemeinsame, deutsch-russische Historiker-Kommission einzurichten, um die historische Wahrheit über den 2. Weltkrieg wieder stärker in den Fokus der Wahrnehmung zu rücken.
In diesem Jahr wird die Fußball-Weltmeisterschaft in verschiedenen Städten Russlands ausgetragen. Auch deutsche Fans werden die russische Gastfreundschaft genießen und mit den Menschen ins Gespräch kommen. All das dient der Völkerverständigung. Und solange man miteinander redet, schießt man nicht aufeinander.

Wussten Sie, dass es in diesem Jahr in Bremen eine Russisch-Olympiade gibt? Dass auch Schüler sich verstärkt für das Erlernen der russischen Sprache interessieren, halte ich für ein beachtenswertes Phänomen.

Frieden ist nicht alles. Aber ohne Frieden ist alles nichts! Das sollten wir Alle bedenken.