KARL MARX und/oder „Mohr und die Raben von London“

Mai/Juni 2018

Konterfei von Karl Marx auf der Buchtitelseite
Bild: Waltraud Käß

von Waltraud Käß

Als am 5. Mai 1818 in Trier ein Junge geboren wurde, ahnte niemand, dass dieser Knabe namens Karl Marx in seinen Mannesjahren durch die Kraft seiner Ideen, die durch den Kampf der Arbeiterklasse zur materiellen Gewalt wurden, die Welt verändern würde.

Zwischen den Jahren 1835 – 1841 studiert der junge Mann in Bonn und Berlin. Im Jahre 1843 heiratet er Jenny von Westphalen. Sechs Kinder werden im Laufe der Ehe geboren. Für einen mittellosen Philosophen der damaligen Zeit eine schwere Bürde.

Karl Marx schreibt aufrührerische Texte, muss die Heimat verlassen und zieht mit seiner Familie nach Paris. In dieser Stadt beginnt seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit Friedrich Engels. Allerdings wird die Familie auch hier wieder ausgewiesen, so dass sein nächster Aufenthaltsort die Stadt Brüssel wird. Hier gründet er mit Engels den Deutschen Arbeiterbildungsverein.

Schon im Jahre 1848 gibt er gemeinsam mit seinem Freund Friedrich Engels die Programmdenkschrift „Das Kommunistische Manifest“ heraus, in dem Beide radikale Kritik an der bürgerlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung üben und Wege zur Veränderung aufzeigen. Die Analyse der historischen Entwicklung besticht durch ihre Klarheit: “Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigner, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedes Mal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“ (MEW I, Manifest der Kommunistischen Partei). Am Ende des Manifestes steht der legendäre Satz „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“. Das ist der Aufruf zum Klassenkampf an das internationale Proletariat.

Im Jahre 1849 muss Karl Marx erneut seinen Aufenthaltsort ändern und geht mit seiner Familie nach London ins Exil. Selbst sehr bedürftig, erlebt er die miserable Lage der Arbeiter, der Frauen, der Kinder, die soziale Verelendung der Familien in Reinkultur. Heinrich Heine, der im Jahre 1827 London besucht hatte, schreibt beispielsweise in seinen Reiseerinnerungen, die er „Englische Fragmente“ nennt: “ Hineingedrängt in abgelegene Gässchen und dunkle, feuchte Gänge wohnt die Armut mit ihren Lumpen und ihren Tränen.“

Die industrielle Revolution veränderte zunächst in England die gesamte bisherige Produktionsweise. Die Mechanisierung der Handarbeit durch Maschinen, die mechanische Energieerzeugung und -umwandlung insbesondere durch die Erfindung der Dampfmaschine und die damit verbundene massenhafte Verwendung mineralischer Güter wie Kohle und Eisen führten zu hohen Produktionszahlen und zur Erweiterung der Absatzmärkte. Von 1770 bis 1841 wuchs allein die Baumwollverarbeitung in England jährlich um 7%.

Heinrich Heine schreibt in seinen Reportagen:“ Ich habe das Merkwürdigste gesehen, was die Welt dem staunenden Geiste zeigen kann… Schickt einen Philosophen nach London, er wird hier mehr lernen als aus allen Büchern der letzten Leipziger Messe.“ Karl Marx hat diese Aufforderung wohl wörtlich genommen.

Das war die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite war die, dass die Erweiterung der Produktion einher ging mit der Erhöhung der Ausbeutung der Arbeiter durch die Besitzer der Fabriken und ihrer Bankiers. Der Grundwiderspruch des Kapitalismus „Gesellschaftliche Arbeit – private Aneignung“ trat deutlich zutage.

Dadurch wurden die Besitzer der Produktionsmittel wie auch heute noch zu „Arbeitgebern“ erhöht, die Besitzlosen zu „Arbeitnehmern“ degradiert. Doch eigentlich sind sie die Schöpfer des Reichtums. Marx und Engels erkannten diesen Widerspruch sofort und zogen ihre Schlussfolgerungen für den Klassenkampf. Marx:“

Aber die Herren von Grund und Boden und vom Kapital werden ihre politischen Privilegien stets gebrauchen zur Verteidigung und Verewigung ihrer ökonomischen Monopole…“ Kannte er damals schon den heutigen Lobbyismus?

Die Löhne der Arbeiter in England reichten in der damaligen Zeit nicht aus, um ihre Familien zu ernähren. Minderjährige Kinder ab sechs Jahre wurden darum im Arbeitsprozess vor allem in den Kohlegruben, in Minen und der Textilindustrie durch schwere körperliche Arbeit ausgebeutet. Der Kampf dagegen ist heute noch aktuell, gibt es doch Kinderarbeit noch in einigen Ländern dieser Welt.

Im Jahre 1962 wurde in der DDR das Kinderbuch von Ilse und Vilmos Korn „Mohr und die Raben von London“ verlegt. In ihm wird die Geschichte vom 13-jährigen Joe und seiner Schwester Becky erzählt. Karl Marx, der wegen seiner schwarzen Haarpracht „Mohr“ genannt wird, trifft den Jungen, als er zur Nachtschicht in die Fabrik geht, wo auch seine hochschwangere Mutter Mary arbeitet.

Mitten in der Nacht taucht Marx in der Fabrik auf und schaut sich die elenden Arbeitsverhältnisse der Kinder an. Joes großer Bruder Billy ist der Chef der „Rabenbande“ in London, die mit ihren Unternehmungen die Docks unsicher machen und auch in der Fabrik einbrechen, in der Billy mit seiner Mutter arbeitet. Beide sollen für den Schaden zahlen. Letztendlich machen die Arbeiter mobil und rufen mit der Hilfe von Karl Marx zum Streik auf. Die „Rabenbande“ stellt ihre Unternehmungen ein.

Der Stoff wurde im Jahre 1968 von der DEFA anlässlich des 150. Geburtstages von Karl Marx verfilmt und hatte seine Uraufführung in Halle im Jahre 1969. Der unvergessene Alfred Müller spielte die Hauptrolle des Karl Marx. Weitere Schauspieler waren Barbara Dittus als Lenchen Demut, Peter Reusse als Billy, der King der Docks und Rolf Hoppe als Bankier.

Angelegt war der Film für die Altersgruppe ab 6 Jahre, so dass die kleinen Bürger der DDR spielerisch mit der Person Marx in Berührung kamen. Studierten diese Kinder viele Jahre später, kamen sie am Fach Marxismus-Leninismus nicht vorbei und lernten Marx und Engels umfänglicher kennen. Es gibt wohl keinen Studenten, der nicht zumindest die 11. Feuerbach-These noch im Ohr hat: „Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

Im Jahre 2017 feierte man in Europa das Luther-Jahr. Das Jahr 2018 wird das Marx-Jahr werden – dann aber weltweit. Denn die Werke von Karl Marx wie „Das Kapital“ oder das „Kommunistische Manifest“ wurden in über 100 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Es wird wissenschaftliche Konferenzen mit Pro und Kontra geben. Man wird die Theorie mit der Praxis vergleichen – man muss.

Die Produktionsverhältnisse und die Produktionsweisen haben sich seit der Marxschen Kapitalismuskritik grundlegend verändert. Globalisierung, Digitalisierung, die Entwicklung des Sozialstaates bieten ganz neue Herausforderungen für die Philosophie und die Ökonomie. Die wachsende Kapitalverwertung von Grund und Boden und die Ausbeutung der Natur ist grenzenlos geworden.

Doch in welche Richtung wird das Nachdenken laufen? Es sieht gegenwärtig so aus, als ob man die Möglichkeit einer nachkapitalistischen Ordnung überhaupt nicht im Fokus hat. Aber müsste es nicht so sein, dass Philosophen und Ökonomen in diesen Konferenzen und wissenschaftlichen Abhandlungen über die Brechung der Dominanz des Kapitals nachdenken müssten, weil es zutiefst menschenverachtend ist?

Allen Menschen den Zugang zu den Grundgütern des Lebens wie Wasser, sauberer Luft, sinnvoller Betätigung und einem Leben ohne Krieg zu sichern, ist nur möglich im Widerstand gegen das Kapital. Denn in ihrem Profitstreben sind sie skrupellos und jeder kleine Erfolg muss ihnen abgetrotzt werden. Marx würde vielleicht sagen: „Das braucht in diesem 21. Jahrhundert eine weltweite, soziale Bewegung!“

Das entspräche in seiner heutigen Bedeutung dem legendären Satz aus dem Kommunistischen Manifest:“ Proletarier aller Länder vereinigt Euch.“
Im Jahre 2013 hat die UNESCO den Ersten Band „Das Kapital“ und „Das Kommunistische Manifest“ mit der Aufnahme in das Weltdokumenten-Erbe gewürdigt.

Im Oktober 1867 aber schrieb Karl Marx an seinen Freund Kugelmann:“ Unter Erfolg des Buches verstehe ich nichts als raschen Absatz.“ Dieser Wunsch war für die damalige Zeit sehr verständlich. Oft war die Armut Küchenmeister im Hause Marx. Sein Freund Engels war daher ein Glücksfall, der ihn nicht nur wissenschaftlich, sondern auch finanziell unterstützte.

Ebenso hilfreich war für ihn die Zusammenarbeit mit seinem Verleger Otto Carl Meissner in Hamburg, der sehr schnell das Genie Karl Marx erkannte und förderte.
Käme Karl Marx heutzutage in den Genuss der Erträge seines Lebenswerkes, wäre er ein reicher Mann. Denn „Das Kapital“ bringt Kapital. Die Erstausgabe von 1867 und vielleicht noch mit einer Widmung von Karl Marx, ist heutzutage sehr gewinnversprechend.

Im Juni 2016 wurde in London eine Erstausgabe des Ersten Bandes samt Widmung zu einem Schätzpreis von 80 000 – 120 000 Pfund angeboten. Der Zuschlag lag bei über 200 000 Pfund. Dieses Exemplar wurde im vergangenen Jahr von einem österreichischen Händler für 1,5 Mill. € angeboten und vielleicht ist es inzwischen verkauft.

Dieser Beitrag erhebt nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Abhandlung. Er will aber an einen großen Denker, politischen Journalisten, Ökonomen und Philosophen, an KARL MARX erinnern, der vor 200 Jahren geboren wurde, und an dem die Welt auch heute nicht vorbei kommt.

Wie Trier den Sohn der Stadt würdigt, das können Sie in dieser Ausgabe im Beitrag meiner Redaktionskollegin Ursula A. Kolbe „200 Jahre Karl Marx und seine Geburtsstadt Trier“ lesen.