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Der berühmteste oder berüchtigtste „Pferdedieb“ – Napoleon Bonaparte

Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor in Berlin
Bild: timundtom/Pixelio.de

von Andrea Meyer, Hans-Jürgen Kolbe

Ob im Triumph oder im Untergang, Napoleon machte keine halben Sachen. Schon seine Zeitgenossen haben den selbsternannten Kaiser der Franzosen entweder geliebt oder gehasst, gleichgültig war er niemandem. Mit seinen Reformen sowie als Gesetzgeber wirkte er weit über die Grenzen Frankreichs hinaus vorbildhaft und trieb die Modernisierung voran.

Doch seine ständigen Kriege, die weite Teile Europas in ein Trümmerfeld verwandelten, forderten Hunderttausende von Toten und hinterließen den Regierungen riesige Schuldenberge. Glanz und Widersprüchlichkeit dieses wohl berühmtesten (oder berüchtigtsten) Herrschers des 19. Jahrhunderts bestimmten das Leben von Napoleon Bonaparte.

Ein wenig wirkt es wie ein Karnevalsumzug, was sich am 27. Oktober 1806 in Berlin abspielt. “Einen grandiosen Effekt” habe die ganze Parade gemacht, wird der Augenzeuge Karl Friedrich von Klöden später vermerken. “Vor jedem Regimente der Tambourmajor. Stets ein großer Mann mit seinem umflochtenen und mit einem dicken Silberknopf versehenen Stabe, der dann und wann in die Luft geschleudert und gewandt aufgefangen wurde.

Dann ein zahlreiches Musikcorps, dann die Soldaten in weißen Gamaschen, in tänzelnden, kurz gehaltenen Schritten, viele noch von der Schlacht her mit verbundenen Köpfen, Armen und Beinen.” Denn es sind keine Festtagsgarden, die da durchs Brandenburger Tor marschieren. Es sind die Truppen Napoleons, die einen vernichtenden Sieg über die Preußen errungen haben. Der Feldherr reitet seinem Trupp in Generalsuniform voran. Der Erfolg des kleinen Franzosen hat König Friedrich Wilhelm III. vollkommen überrascht.

Gänzlich naiv hatte der siegessichere Herrscher Napoleon nach dessen Besetzung von Ansbach und Bayreuth ein Ultimatum gesetzt – und ihm so einen Grund für den Angriff gegeben. Ganze fünf Tage braucht Napoleon bei Jena und Auerstedt, um mit moderner Kriegsführung das Ende des legendären, militärisch aber veraltet kämpfenden Preußens einzuläuten. Friedrich Wilhelm III. flieht mit Gattin und Hofstaat nach Memel. “Unser Dämel ist in Memel”, schallt es über die Berliner Boulevards. Friedrich Engels wird den unglücklichen König “einen der größten Holzköpfe” nennen, die je einen Thron bestiegen hätten.

In Berlin geht alles schon bald wieder seinen gewohnten Gang. Man arrangiert sich mit den Besatzern, wie ein französischer Militärarzt verwundert feststellt: “Der König ist mit der erschreckten Armee geflohen und trotzdem: das Theater gesteckt voll. Und niemand schien an das Vaterland zu denken oder sich wegen der Zukunft Sorgen zu machen. Man applaudierte, als Iphigenie sang, und hauptsächlich beklatschte man das Ballett, das reizend war.” Nur einen Pferdediebstahl will man Napoleon nicht verzeihen: Der Feldherr hat die Siegesgöttin mitsamt ihres Gespanns vom Brandenburger Tor abtransportieren lassen. 1814 kommt sie nach Berlin zurück. Da ist der “Pferdedieb” Napoleon längst entmachtet.

Ein Blick zurück
Wenige Wochen nach dem Sieg der französischen Truppen über die preußische Armee in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt im August 1806 und dem sich anschließenden Einzug Napoleons durch das Brandenburger Tor nach Berlin wurde die Quadriga als Trophäe konfisziert. Unter Federführung Dominique-Vivant Denons, Napoleons »Kunstkommissar« und Direktor des Louvre, wurde die vollplastische Gruppe von Emanuel Jury demontiert, der wenige Jahre zuvor mit ihrer Ausführung in Kupfer beauftragt worden war.

Die Siegesgöttin im Streitwagen, die als Zeichen des Triumphs über Krieg und Leid eine Ära des Friedens für Preußen einläuten sollte, dann aber prominentes Opfer der vom Nationalkonvent beschlossenen und unter Napoleon fortgesetzten, ganz Europa erfassenden Kunstraubzüge wurde, verbrachte sieben Jahre im Pariser »Exil«. Im Zuge der Befreiungskriege kehrte sie, zweifach restauriert und mit verändertem Emblem, im Sommer 1814 an ihren einstigen Standort zurück. In diesen Jahren des erstarkenden Nationalempfindens, in denen die Zensurgesetze in Preußen weniger strikt gehandhabt wurden, eignete sich das Motiv Napoleons als Räuber der Quadriga besonders gut für eine Verhöhnung des einstmals übermächtigen Eroberers und seiner Gier nach fremden Kulturgütern.

Zivilrecht contra Größenwahn
Durch verschiedene Reformen – etwa die der Justiz durch den Code civil oder die der Verwaltung – hat Napoleon die staatlichen Strukturen Frankreichs bis in die Gegenwart hinein geprägt und die Schaffung eines modernen Zivilrechts in besetzten europäischen Staaten initiiert. Außenpolitisch errang er, gestützt auf die Armee, zeitweise die Herrschaft über weite Teile . Er war ab 1805 auch König von Italien und von 1806 bis 1813 Protektor des Rheinbundes und setzte in einigen weiteren Staaten Familienmitglieder und Vertraute als Monarchen ein.

Durch die von ihm eingeleitete Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 wurde die staatliche Gestaltung Mitteleuropas zu einer zentralen Frage im 19. Jahrhundert. Hatte er anfangs selbst noch den Nationalstaatsgedanken außerhalb Frankreichs verbreitet, erschwerte der Erfolg gerade dieses Gedankens besonders in Spanien, in Deutschland und schließlich auch in Russland die Aufrechterhaltung der napoleonischen Ordnung in Europa.

Am 21. Oktober 1805 segelt der englische Admiral Lord Nelson bei Trafalgar mitten in die französische Flotte hinein. Nelson stirbt bei dem Angriff, aber die französische Seestreitmacht wird vernichtend geschlagen. Der schon über ein Jahr dauernde Krieg zwischen Frankreich dem britischen Empire kommt zum Stillstand. Napoleon Bonaparte, der sich am 29. November 1804 selbst zum Kaiser der Franzosen krönte, muss seinen großen Plan der Eroberung Englands aufgeben.

Statt dessen bringt er seine Truppen in Eilmärschen nach Österreich, das sich mit Russland gegen ihn verbündet hat. Er umgeht die Habsburger Truppen im Schwarzwald, andere kesselt er bei Ulm ein. Dann marschiert er nach Wien und weiter nach Mähren. Vor dem Städtchen Austerlitz stehen ihm russische und österreichische Truppen gegenüber. Sie suchen die Entscheidung, denn Napoleons Armee zählt nur 75.000 Mann gegenüber den etwa 100.000 Soldaten der Verbündeten.

Auch Geschütze haben die Gegner des Korsen etwa doppelt so viel.Napoleon weiß, dass noch weitere russische Batallione im Anmarsch sind und setzt auf Täuschung und Schnelligkeit. Er tut so, als wolle er sich zurückziehen und provoziert den Angriff der Gegner auf seinen rechten Flügel. Am nebeligen Morgen des 2. Dezember 1805 tauchen seine Angreifer unerwartet in der Mitte der Front auf, dort, wo seine Gegner sich für ihren Angriff ausgedünnt haben. Von hier aus reibt er die weit auseinander gezogenen Truppen der Österreicher und Russen auf.

Nach wenigen Stunden ist die Schlacht entschieden. Sie geht als “Dreikaiserschlacht” in die Geschichte ein. Aber natürlich stehen Napoleon ebenso wie Franz II. und Zar Alexander I. auf sicheren Feldherrenhügeln. Abgeschlachtet werden etwa 35.000 Tote und Verwundete. Die Verluste der Franzosen sind dabei halb so groß wie die der Verlierer.

Im anschließenden Friedensschluss von Pressburg (Bratislava) verliert Österreich wichtige Teile seines Reiches wie Tirol und Venezien. Napoleon besiegt ein Jahr später auch Preußen und beherrscht bald ganz Zentraleuropa von Portugal bis Brandenburg, von Neapel bis Norwegen. Aber weil er gegen das britische Weltreich machtlos bleibt, marschiert er 1812 weiter nach Osten: nach Moskau. Erst wenn das Zarenreich fällt, glaubt er sich dem Erzfeind, den Briten, gewachsen. Doch seine Armee verblutet und verhungert in den russischen Weiten. Nicht der Sieg von Austerlitz, sondern die Niederlage von Trafalgar bestimmen Napoleons Schicksal – bis Waterloo.

Napoleon Bonaparte stirbt am 5. Mai 1821 mit 51 Jahren in Longwood House in St. Helena.

Zur Karrikatur:
Die Karikatur des geknechteten Napoleon setzt den Wunsch der preußischen Bevölkerung nach Revanche für die Leiden unter der französischen Herrschaft in Szene. Der geschlagene Bonaparte, gefesselt an die von ihm selbst zuvor aus Berlin nach Paris verbrachten Quadriga, soll durch ihre Rückgabe nun selbst die Schmach erleiden, die zuvor das preußische Volk unter seiner Knechtschaft erlitten hat. Die Darstellung verdeutlicht die hohe symbolische Bedeutung der Restitution des heutigen Nationalsymbols in der Bevölkerung im Frühjahr 1814.