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Der See brennt

Januar Februar 2021

Blick über den Straussee
Blick über den Straussee
Bild: Günter Knackfuß

von Kempen Dettmann

Mein Nachbar in Biesdorf gab mir vor kurzem ein Buch. Er habe das so richtig verschlungen, weil darin einige aktuelle Probleme behandelt werden, die uns alle berühren. Bei einer Tasse Kaffee sprach er eines der Probleme an, das ihn selbst in einer direkten Weise betrifft.

Seit vielen Jahrzehnten nun schon fuhr er erst mit seinen Kindern, dann mit seinen Enkeln im Sommer zum Baden nach Strausberg. Und immer in die Badeanstalt des Straussees. Mit der S-Bahn bis Strausberg Stadt, dann die wenigen Schritte zur Badeanstalt, und man war an einem kleinen Ostseestrand mit Liegewiese und einem Kiosk für den kleinen Hunger.

Seit 1925 gibt es diese natürliche Wellness-Oase schon. Jetzt ist sie nun schon das zweite Jahr geschlossen, geschlossen wegen Wassermangel!
Und damit war er bei dem empfohlenen Buch: John von Düffel hat einen Erzählroman mit dem etwas verwirrenden Titel „Der brennende See“ geschrieben.

Darin behandelt er vor dem Hintergrund der Probleme mit den Gewässern in unserer Zeit verschiedene Fragen der Beziehungen von Jung und Alt. Und mein Nachbar schlug mit der Faust leicht auf den Tisch und sagte mit etwas grollem Ton: „Der Straussee brennt!“ Und damit hatte er Recht.

Schon seit etwa 8 Jahren sinkt der Pegel des Straussees kontinuierlich. Bis zum heutigen Tag hat der See über einen Meter Pegelstand verloren. Das kann man überall am See in Augenschein nehmen. Manche Bootsstege liegen trocken, die Fähre bekam eine neue Anfahrt und eben die Badeanstalt musste wegen Wassermangel vor allem im Nichtschwimmerbecken geschlossen werden. Die vielen entlang des Sees liegenden „wilden“ Badestellen haben sich auch weiter in den See hineingezogen. Manch Strausberger meint dazu sarkastisch, dass man ja jetzt einen größeren Strand habe.

Ansonsten sind die 27.000 Strausberger natürlich sehr beunruhigt über diese Situation. Der Straussee gehört nun mal zur DNA der Einwohner. Eine Bürgerinitiative zur Rettung des Sees wurde gegründet, zu der viele kluge Einwohner auch mit Fachwissen gehören. Auch ging man zu einer Demonstration auf die Straße– übrigens waren daran mehr Bürger beteiligt als an solchen zu Wendezeiten.

Es ging und geht natürlich nur um zwei Fragen: WARUM verliert der Straussee soviel Wasser und WAS kann und muss dagegen getan werden? Nach langen Diskussionen wurde schließlich ein Gutachten an die Dresdner Firma Ecosax in Auftrag gegeben, das nun vorliegt.

Dazu muss man wissen, dass der See keine oberirdischen Zuflüsse hat, er speist sich ausschließlich durch das Grundwasser. Auch gab es zahlreiche Horrorszenarien über die vollkommene Austrocknung des Sees. Laut Gutachten ist das Klima Schuld, ein bisschen auch die gesteigerte Grundwasserentnahme durch das Wasserwerk Spitzmühle. Die im Gutachten genannten Lösungsvarianten waren leider nicht überzeugend und einige sogar unrealistisch.

Wie aber kann nun der Straussee gerettet werden? Die Strausberger haben es nun selbst in die Hand genommen. Anfang Juni 2020 wurde eine Straussee-Taskforce mit 4 Arbeitsgruppen gegründet, die jetzt die Ergebnisse ihrer eigenen Untersuchungen auf den Tisch gelegt hat. Ziel ist es, die Strausberger Verwaltung bei der Umsetzung von Maßnahmen zu unterstützen.

Einige Vorschläge der Gutachterfirma wurden allerdings sofort verworfen. Wie oft in solchen Situationen – die Lösung liegt gleich um die Ecke. So wurde untersucht, ob es möglich wäre, das Wasser aus dem Klärwerk Münchehofe für den See zu nutzen.

Noch interessanter war allerdings noch eine andere Möglichkeit, die übrigens von der Gutachterfirma überhaupt nicht in Betracht gezogen worden war. Nutzung des Grundwassers aus dem nahe gelegenenTagebau Rüdersdorf.

Für die Zementproduktion wird bei Rüdersdorf in einem Kalktagebau Kalk abgebaut. Dabei muss natürlich das auftretende Grundwasser abgepumpt werden. Der Tagebau ist ja riesig: 4 km lang, 1 km breit und etwa 100 m tief . Jährlich werden hier 12 Millionen Kubikmeter Grundwasser in den in der Nähe liegenden Kriensee gepumpt. Um aber das Straussee-Defizit auszugleichen würden lediglich 600.000 Kubikmeter gebraucht, also nur etwa 5 Prozent.

Die Arbeitsgruppe hat deshalb auch vorgeschlagen, dass die Gutachter-Firma Ecosax diese Möglichkeit prüft. In dem Gutachten sei das „leider“ nicht untersucht worden. Man berief sich in einer nichtoffiziellen Antwort darauf, dass die Firma dafür keinen Auftrag erhalten hatte. So hieß es: „ Diese Möglichkeit wurde nicht untersucht. Grundsätzlich sind jedoch alle Maßnahmen geeignet, die zu einem ausgeglichenen Gebietswasserhaushalt führen. In Bezug auf den Tagebau Rüdersdorf müssten die Rand- und Rahmenbedingungen zunächst untersucht und bewertet werden.“

Klingt sehr nach einer bürokratisch verkleideten Ausrede. Deshalb hat die Arbeitsgruppe auch empfohlen, Ecosax soll jetzt „nachsitzen“.

Natürlich müssten noch Untersuchungen des abgeleiteten Grundwassers erfolgen, damit der Straussee auch weiterhin so klar und rein bleibt. Auch eine Nutzung durch die Gigafabrik Tesla in Grünheide wäre denkbar. Wie es scheint, ist das die praktikabelste Variante zur Rettung des Straussees.

Der brennende See könnte so mit dem Grundwasser aus dem Tagebau Rüdersdorf gelöscht werden. Das meinte auch mein Nachbar. Er hofft ja darauf, wenigstens zum 100. Geburtstag der Badeanstalt wieder mit Enkeln baden gehen zu können.