Auf historischen Spuren in Stettin

März April 2019

Blick auf das Greifenschloss
Bild: Günter Knackfuß

von Günter Knackfuß

Zur gemütlichen Tagesexkursion eingeladen hatte der Verein „Städtepartner-Stettin“.
Die alte Hansestadt an der Oder atmet an vielen Stellen deutsche Geschichte.
Sichtbar, anfassbar, erlebbar. Der für unser Team engagierte polnische
Fremdenführer Maciej Dobromilski ließ uns kompetent die Altstadt neu entdecken.
Thema war eigentlich, dem Rätsel SEDINA auf die Spur zu kommen. Eine
sagenumwobene Frauengestalt, die als Schutzpatronin der Oder einst einen
Brunnen zierte…

Zuerst aber ging es vom Hauptbahnhof stadteinwärts zum Neuen Rathaus (Ratusz Czerwony), genannt Rotes Rathaus, im neugotischen Stil. Hier residierte ab 1878 der deutsche Jurist und Politiker Hermann Haken als wohl bedeutendster
Oberbürgermeister von Stettin. Während seiner 29 Jahre währenden Amtszeit
entwickelte er die damalige Hauptstadt Pommerns zur modernen Großstadt und zu einer der wichtigsten Industrie- und Hafenstädte im Ostseeraum. Heute ist das
denkmalgeschützte Haus Sitz der Wasser- und Schifffahrtsdirektion.

Mit knapp 410.000 Einwohnern ist Stettin die siebtgrößte Stadt Polens. Sie bildet den Schwerpunkt des deutsch-polnischen Ballungsraums Stettin mit über
760.000 Einwohnern, der zu einer europäischen Metropolregion mit rund einer Million Einwohnern entwickelt werden soll.

Immerhin war Stettin vor 1945 mit 460 km² Fläche die flächenmäßig drittgrößte Stadt des Deutschen Reiches.
Auf unserem weiteren Weg durch die Altstadt wird sichtbar, wie dieser Teil an der Oder erst in den vergangenen Jahren mit alten und modernen Gebäuden wieder aufgebaut wurde. Der Kunsthistoriker Rafal Makala aus Stettin bezeichnete sie als die “jüngste Altstadt Polens”. Das zeigt sich u.a. an den blau und rot gestrichenen Kaufmannshäusern mit ihren prunkvollen barocken Giebeln.

Leistungen der polnischen Bewohner nach den schweren Kriegszerstörungen. Vorbei an einzelnen Lücken kommt die Medizinische Universität ins Blickfeld. Schließlich ist Stettin auch Universitätsstadt. Auf eine Bierpause in der Brauerei Wyszak (Pirat) müssen wir verzichten, da der Keller im ältesten Rathaus (15. Jrh.) der Stadt noch geschlossen hatte. Gelegen am ehemaligen Hauptmarktplatz
beherbergt das im Hansestil erbaute Gebäude, heute das Stadtmuseum.
Die Rekonstruktion des Ratusz Staromiejski war 1975 vollendet.

Schloss der Pommern-Herzöge

Jetzt nähern wir uns dem beeindruckenden Stettiner Schloss, ehemalige Residenz der Herzöge von Pommern. Bis zur schweren Beschädigung im Zweiten Weltkrieg war es das am besten erhaltene Schloss der während des Dreißigjährigen Krieges ausgestorbenen Greifenherzöge. Das Greifenschloss gehört zu den historisch, kulturell und touristisch bedeutsamen Wahrzeichen der Stadt. Auf dem großräumigen Innenhof haben mittelalterliche Marktstände aufgebaut und zur Unterhaltung für Alt und Jung spielen Musikanten auf historischen Instrumenten.

Der Altstadtbummel führt weiter zum ehemaligen Roßmarkt. Hier fällt der Brunnen mit dem Adler von 1732 auf. Damals endete hier die städtische Wasserleitung. Ganz in der Nähe das Geburtshaus von Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst, der späteren russischen Zarin Katharina die Große. Vorläufiger Endpunkt unserer Altstadt-Erkundungen die Jakobskathedrale. Der backsteingotische Kirchenbau ist eine der größten Kirchen Pommerns, errichtet in Etappen vom 13. bis zum 15. Jahrhundert, u.a. vom Baumeister Heinrich Brunsberg. 1944 zerstörten englische Bomber große Teile der Kirche, darunter die Orgel. Von polnischer Seite wurde die Ruine der Kathedrale bis 1971 wieder instand gesetzt.

Es war Papst Johannes Paul II. vorbehalten, die Kirche 1983 in den Rang einer
Basilica zu erheben. Zum Turm mit Aussichtsplattform in 110 m gelangt man seit 2009 über zwei Fahrstühle. Ein gigantisches Stadtpanorama haben wir dort oben genossen.

Die Sedina – was wird?
Heute blicken wir nur noch auf die Rudimente des einstigen stolzen Denkmals von Ludwig Manzel. Offiziell heißen sie Ankerdenkmal, leider mit leerem Wasserbecken.
Die originalen Bronzegestalten wurden angeblich 1943 eingeschmolzen. Bürger der Stadt hatten sich jetzt für eine Neuschaffung der Sedina eingesetzt und schon
reichlich Zloty dafür gesammelt. Von offizieller Seite möchte man aber keine
deutschen Denkmäler wiedererrichten…

Inzwischen gab es schon einen polnischen Neuentwurf. An einer ortsnahen Schönheitsvorlage wird die Realisierung bestimmt nicht scheitern. Schließlich geht es auch heute um eine friedliche Oder. Insgesamt bezeichnet sich Stettin selbst als grüne Stadt in Polen. Dem muss ich unwidersprochen zustimmen.

Kontakt: Brigitte Ungern-Steinberg,
Städtepartner Stettin e.V. /Stowarzyszenie Partnerstwa Miast
Szczecin – Kreuzberg, Rathaus Kreuzberg, Yorckstr. 4 – 11, 10965 Berlin; Tel: +4930 – 90298 3706,
Fax: +4930 – 90298 2808