Der Krassenurtstein – ein bisher unauffälliges, nun aber gut sichtbares Bodendenkmal, mit Geschichte, auf Rügen

September/Oktober 2017

Krassenurtstein Stein als Bodendenkmal
Bild: Wolfgang Prietsch

von Wolfgang Prietsch

Wer einen Ostseeurlaub auf Rügen durchführt, fährt bestimmt auch mal zu einem Ausflug auf die ganz im Inselsüden gelegene Halbinsel Mönchgut. Auf der Straße nach Groß Zicker liegt dort kurz hinter dem Aufgang zu den Zicker´schen „Alpen“ auf der linken Straßenseite ein großer Stein am Straßenrand.

Bei unseren vielen Mönchgut -Wanderurlauben sind wir oft an diesem Stein vorüber gegangen, ohne ihn näher zu betrachten. Einmal aber, als ich neben dem Stein blühende Weidenkätzchen fotografiert habe, fiel mir eine Aufschrift auf dem Stein ins Auge. Auf der teilweise mit Flechten überzogenen Oberfläche konnte ich folgende Aufschrift entziffern:

Krassenurtstein aus Pastor Steurichs Erzählung, 30.März 1906

Da wird man natürlich neugierig! Durch Vermittlung der Bibliothek im Göhrener Haus des Gastes kam ich in Kontakt mit der Leiterin der Mönchguter Museen, Frau Dipl-Museologin Ellen Melzer. Sie ermöglichte mir Einsicht in alte Bücher mit den lokalhistorischen Erzählungen des auf Mönchgut sehr bekannten ehemaligen Groß Zicker´schen Pastors Emil Steurich (1852-1921) und auch in ihre eigenen Recherche- Zusammenstellungen über diesen Stein und zur vita von Emil Steurich (das Grab von Pastor Steurich befindet sich auf dem neuen Friedhof am Wäldchen neben dem Pfarrhof in Groß Zicker
.
Gleich in der ersten zufällig ausgewählten Erzählung „Am Nonnenloch“ fand ich Hinweise auf diesen Stein. Pastor Steurich schrieb da:
„Der Krassenurtstein ist ein großer erratischer Felsblock, der etwa fünf Minuten vom Dorf entfernt, kurz vor dem Krassental am Wege liegt. Vermutlich hat er ursprünglich in dem hohen Abhang gesteckt, der sich steil auf der anderen Seite des Weges erhebt,und ist dann unter dem Einfluss von Wind und Wetter herunter gerollt.

Da er den Weg einengte, so gruben die Bewohner von Groß Zicker ein tiefes Loch und wälzten ihn da mit starken Hebeln hinein.Doch ragt er immer noch mehrere Fuß hoch aus der Erde heraus und bildet eine bequeme Ruhebank für müde Wanderer. Es kam öfter vor, dass die Pferde bei ihm scheuten, für den abergläubischen Sinn Veranlassung genug, den Stein zum Sitz von Gespenstern zu machen.

Es mochten auch übermütige Burschen sich öfter hinter ihm versteckt und die Frauen und Mädchen erschreckt haben,wenn diese abends mit den Milcheimern von der Weide kamen.“
(Emil Steurich: Am Nonnenloch- eine Erzählung aus der Franzosenzeit. Nach den Aufzeichnungen des Mönchguter Pfarrers Magister J.A. Odebrecht.
Verlag J.F.Steinkopf, Stuttgart 1904,Seite 116)

In der genannten Steurich´schen Erzählung „Am Nonnenloch“ spielen zwei Husaren aus dem in den Befreiungskriegen gegen Napoleon aktiven Freicorps von Major Schill eine Rolle, die dort am Krassenurtstein verwundet lagen, bis sie Hilfe aus Groß Zicker erhielten.

Übrigens ist das Nonnenloch, welches der Erzählung den Namen gab, noch heute ein landschaftlicher Glanzpunkt auf den Zicker-Bergen hinten am Zicker´schen Höft, den man aber aus Sicherheitsgründen nur auf vom Biosphärenreservat Südost-Rügen freigegebenem Weg/Strandabstieg auf eigene Gefahr besichtigen sollte.

Im Zuge einer geplanten Verbreiterung der Straße nach Groß Zicker musste der Stein neu verlegt werden. Als ich davon erfuhr, schlug ich in Groß Zicker vor, nach einer Grundreinigung die eingemeißelten Lettern mit schwarzer Farbe auszufüllen, damit die Inschrift wieder für Urlauber und Touristen gut lesbar wird. Bei unserem Frühlingsurlaub 2017 konnten wir die nunmehr erneuerte Beschriftung am repräsentativ gelagerten Stein betrachten (Bild).

Wer war Emil Steurich?
Wilhelm Gottlob Emil Steurich wurde am 30. März 1852 als Sohn eines Pächters in Ladeburg (Brandenburg) geboren. Er besuchte in Berlin das Gymnasium zum grauen Kloster, machte dort Abitur und studierte im Anschluss in dieser Stadt und in Jena Theologie. In den Kandidatenjahren war er in verschiedenen Orten als Hauslehrer bei adligen Familien tätig.

Nach Hilfsprediger-Zeiten in Berlin kam er 1886 erstmalig nach Mönchgut (Urlaub in Thiessow), und wurde am 23.10.1887 zum Gemeindepastor in Groß Zicker gewählt. Hier blieb er 33 Jahre bis zu seinem Tode (verstorben im nahen Göhren am 24.Mai1921). Pastor Steurich war neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit ein aktiver, auch sozial engagierter Kommunalpolitiker, Lehrer, Schriftsteller, Schriftleiter des Rügener Heimatkalenders,Bewahrer des Mönchguter Brauchtums, Anreger von lokalen Volks- und Trachtenfesten, Chorleiter.

LITERATUR zur vita von E. Steurich:

Die Mönchguter Museen sollte jeder Urlauber unbedingt aufsuchen und besichtigen! Nicht überall findet man so reichhaltige Schätze zum Verständnis von Landschaft, Lokalgeschichte und Brauchtum vergangener Zeiten. Und in der umfangreichen Bibliothek der Museumsverwaltung in der Göhrener Thiessower Straße 7 ermöglicht Frau Melzer sicher auch gern Einsicht z. B. in die dort vorhandenen, anderen Orts kaum auffindbaren Bücher von Emil Steurich.

Diese sind übrigens noch heute interessante, flüssig geschriebene Schilderungen der Mönchguter Geschichte. Zu nennen sind u.a. seine Werke „Die Lotsenstation“, „Aus schwerer Zeit“, „Treue um Treue“, „Geschichte der Stadt Bergen“, „Swantevits Fall“