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Die Geschichte der 12 Monate

Januar/Februar 2016

Mit Raureif besetzter Baum
Bild: Ruby Stein / pixelio.de

von Waltraud Käß

„Es war einmal eine Mutter. Sie hatte zwei Töchter, Helena die eigene und Maruschka, die Stieftochter. Maruschka hatte kein gutes Leben. Und als es Helena einfiel, dass sie just im Eismonat an Veilchen riechen möchte, wurde Maruschka mit einem solchen Auftrag in den Wald geschickt.

Von weitem entdeckte sie einen Berg mit einem Feuer, um welches auf großen Steinen zwölf Männer saßen. Drei waren graubärtig, drei waren jünger, drei waren noch jünger, und die drei Jüngsten waren die Schönsten. Maruschka wandte sich an den Eismonat, der mit seinem Stab obenan saß und bat darum, sich am Feuer wärmen zu dürfen. Sie erzählte von ihrem Unglück und davon, dass man sie in den Wald geschickt hatte, um ausgerechnet jetzt im Winter Veilchen zu finden.

Der Eismonat tröstete sie. Er stand auf und ging zum jüngsten Bruder März, gab ihm den Stab und beide tauschten ihre Plätze. Den Korb mit Veilchen gefüllt, kehrte Maruschka nach Hause zurück. Nur Helena war dieser Zauber nicht vergönnt, denn sie benahm sich sehr überheblich, als sie in der nächsten Nacht ans Feuer trat… „
Soweit, leicht gekürzt, die russische Version des Märchens von den 12 Monaten von Samuil Jakowlewitsch Marschak.

Auf dem gesamten Erdball wird traditionell die Nacht zwischen dem letzten Tag des alten Jahres und dem ersten Tag des neuen Jahres mit seinen 12 Monaten feierlich begangen. Die bösen Geister werden mit Feuerwerk und Böllern verjagt. Ein neuer Kalender wird aufgeschlagen. Ohne ihn wären wir mitunter hilflos, er ist aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken.

Großformatig, kleinformatig, in Notizbuchgröße, coloriert oder schwarz-weiß gestaltet wird er uns präsentiert. Bauwerke, Landschaften, Tiere, Graphiken, Gemälde und anderes mehr werden zur Gestaltung der einzelnen Monate in Szene gesetzt. Und wirklich: Ein Monat ist so schön wie der andere, jeder auf seine Weise. Wir denken über solche Selbstverständlichkeiten schon gar nicht mehr nach.
Doch seit wann gibt es überhaupt Kalender? Wenden wir uns ab vom Märchen und wenden uns der Geschichte des Kalenders zu.

Diese Geschichte nimmt ihren Anfang mit Beginn der Zeitenrechnung. Auf der Grundlage gleicher Erdmondphasen wurden die ersten so genannten Lunar- oder Mondkalender entwickelt. Die Bindung der Jahrlänge an die Dauer eines Erdumlaufs um die Sonne findet sich erstmalig im Jahre 238 v.Chr. in Ägypten.

Doch noch heute finden diese Sonnen- oder Mondkalender in einigen Teilen der Welt Verwendung, so z.B. der griechisch-orthodoxe, der koptische, der zoroastrische, der iranische oder der Malayalam-Kalender. Z.B. hat China seinem Mondkalender entsprechend, im Februar 2015 das „Jahr des Schaf`s“ eingeläutet. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ist der älteste Nachweis eines Kalenders ab dem Jahre 173 v.Chr. belegt.

Man nimmt an, dass die Etrusker zunächst regionale Mondkalender mit einem 354-tägigen Jahr einführten. Von den Römern wurde das Jahr dann um einen Tag auf 355 Tage erweitert. Der römische Kaiser Julius Cäsar übernahm im Jahre 46 v.Chr. diese Berechnung eines Jahres nach der Dauer eines Erdumlaufs um die Sonne und führte den Julianischen Kalender und damit das System der Monate (Monde) mit ihren römischen Namen ein.

Sie dienten dazu, das Jahr in zwölf einigermaßen gleiche Abschnitte aufzuteilen. Der 1. Januar war damals noch nicht der erste Tag des Jahres. Bei den meisten Völkern der Antike begann das neue Jahr als „Amtsjahr“ mit dem Monat März. Erst Julius Cäsar hat den 1. Januar als Tag des Jahresanfangs im Julianischen Kalender festgelegt. Zudem erhielten die Monate folgende Namen, die auf ihre Bedeutung hinwiesen:

Januarius = Gott Janus-zwei Gesichter, zurück und nach vorn blickend, Beschützer der Stadttore, der Gott des Anfangs und des Endes Sein Tempel auf dem Forum Romanum war im Frieden geschlossen und im Krieg geöffnet.
Februarius = röm. Gott Februus, der Monat der Zeit der Reinigungs- und Sühneopfer
Martius = benannt nach dem Kriegsgott Mars- mit ihm begann das römische Amtsjahr
Aprilis = aperire = öffnen, das Frühjahr beginnt
Maius = der Wachstum bringende Gott Jupiter Maius
Junius = röm. Göttin Juno, Beschützerin des Lichts und des Ehebündnisses
Quintilis/Juli = benannt nach Julius Cäsar
Sextilis/August = benannt nach dem römischen Kaiser Augustus

Die restlichen vier Monate sind nach römischen Zahlwörtern benannt, also der Siebente, der Achte, der Neunte und der Zehnte. Das irritiert, sie sind aber ein Überbleibsel des urzeitlichen römischen Kalenders, der nur zehn Monate zählte.

Abgelöst wurde der Julianische durch den Gregorianischen Kalender, der heutzutage, bis auf die genannten Ausnahmen, allgemeine Gültigkeit besitzt.
Erstmalig um 800 nach der julianischen Zeitrechnung finden sich in der Literatur folgende Monatsbezeichnungen:

1. wintermanoth 2. hornung
3. lenzinmanoth 4. ostarmanoth
5. winnemanoth 6. brachmanoth
7. hewimanoth 8. aranmanoth
9. witumanoth 10.windumemanoth
11.herbistmanoth 12.heilagmanoth

Ende des 19. Jahrhunderts finden sich ganz andere Monatsbezeichnungen, so z.B. wird der erste Monat des Jahres Hartmond, Jenner, Hartung oder auch Eismonat genannt.

Für den 11. Monat beispielsweise findet man die Bezeichnungen Windmond, Wintermonat, Nebelung, Laubriß oder Nebelmonat.
Auch diese Namen unterlagen einer weiteren Entwicklung, mitunter speziell in einzelnen Landstrichen oder der Mundart entsprechend.
Im 20. Jahrhundert wurden für den 11. Monat des Jahres solche Namen wie Niblung, Laubris, Gilbhart, Nebelung oder Laubrost eingeführt. Der Name „Gilbhart“ ist eine Neubildung und setzt sich zusammen aus gilb=gelbes Laub, und aus Hart=Bergwald.

Karl Weinhold hat über diese Entwicklungen ein Buch geschrieben: „Geschichte der Jahreszeiten und Monatsnamen“. Hier führt er zurück in eine Zeit der alten Legenden und Götter. Und man hält es kaum für möglich, wie sie auch heute noch unser Leben beeinflussen. Unter ISBN 978-3-89094-704-4 kann dieses Buch erworben werden.

„Märchenhaft“ möchte ich die Betrachtung abschließen.
Hans Christian Andersen (1805-1875) lässt die zwölf Monate als Reisende mit der Postkutsche in der Neujahrsnacht an einem Stadttor ankommen. Der Januar trägt einen Bärenpelz, der Februar kommt als Prinz Karneval daher, Fräulein Mai z.B. trägt einen Sommermantel und ein lindenblättriges Kleid.

Es waren auch noch in der Kutsche der Herr Koloriermeister September, begleitet vom Herrn Oktober, der eine Büchse trägt und einen Hund mit sich führt. Und schließlich ist da noch der Herr November. Er ist sehr mit Schnupfen belastet und hustet beim Aussteigen. Als letzte klettert Mütterchen Dezember heraus. Sie friert, aber ihre Augen strahlen wie eisblaue Sterne, und im Arm trägt sie einen Blumentopf mit einem kleinen Tannenbaum darin.

So haben Geschichtenerzähler zu allen Zeiten versucht, die Wirklichkeit auf poetische Weise zu erklären. Jedem der Monate wurde in den genannten Märchen eine besondere Eigenschaft zugesprochen. Damit wurde auch erklärt, dass es eben im Dezember keine Erdbeeren geben kann, dass Tomaten im Juli reifen und dass die Veilchen erst im März oder April blühen.

Was heutzutage nicht mehr stimmt. Die Natur wird überlistet. Die Globalisierung und der weltumspannende Handel machen es möglich, dass man zu jeder Jahreszeit Erdbeeren aus Holland, Rosen aus Guatemala, Trauben aus der Türkei und Kiwi aus Südafrika und viele andere Früchte kaufen kann.