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Chemnitz wird Europäische Kulturhauptstadt 2025

Januar Februar 2021

Das Alte und Neue Rathaus am Chemnitzer Marktplatz
Das Alte und Neue Rathaus am Chemnitzer Marktplatz
Bild: Sandro Schmalfuß

von Ursula A. Kolbe

Jahrelang hatte Chemnitz auf diesen Moment hingearbeitet – und erfolgreich: Die Stadt setzte sich gegen seine Mitbewerber durch und wird nun Kulturhauptstadt Europas 2025. Kommentar der scheidenden Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig: „Das wird der Stadt so gut tun.“

In den vier Jahren des Bewerbungsprozesses war sie eine der treibenden Kräfte, die zunächst zögerlichen Bürger für das anspruchsvolle Kulturhauptstadt-Projekt zu begeistern. Sie konnte also ihrem Nachfolger Sven Schulze mit gutem Gewissen die Rathausschlüssel übergeben. Dieser hatte am 11. 10. 2020 die Wahl zum Oberbürgermeister von Chemnitz für sich entscheiden können.

Gepunktet habe die Bewerbung vor allem mit ihrer großen Beteiligung, ist Kulturbotschafterin Nicole Oeser überzeugt. Sie hatte mit neun anderen die Abschlusspräsentation vor der Jury gehalten. Jetzt beginne die richtige Arbeit. Viele Projekte würden auch schon vor dem Jahr 2025 beginnen. So soll z. B. die alte Hartmann-Fabrik saniert und zum wissenschaftlichen Zentrum im Bereich Rechtsextremismus werden.

Das berühmteste Amateur-Radrennen des Ostens kommt zurück

… und feiert die Fahrradsport-Begeisterung der Region. Das Rennen startet 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Pilsen (Europäische Kulturhauptstadt 2015), passiert den Korridor, in dem 1945 die amerikanischen auf die sowjetischen Truppen trafen und endet nach zwei Tagen und 170 km in Chemnitz. Entlang der Strecke soll es ein breites Kulturprogramm geben.

Garagen als Schatztruhe

„In einem unserer Projekte wollen wir 3.000 Garagen in der Region und ganz Europa öffnen“, erzählt Oeser. Dabei gehe es zum einen um Fundstücke, die in den Garagen verborgen sind und zum anderen um die kreative Umnutzung. Gemeinsam mit dem Figurentheater Chemnitz sollen aus den persönlichen Fundsachen und Geschichten kleine Figurentheater-Stücke entwickelt werden, die auf der Bühne einer mobilen Garage aufgeführt werden. Zugleich werden die Gegenstände und Stories via Instagramm gesammelt, um auch digitale Geschichten zu erzählen.

In Zusammenarbeit mit der Bauhaus Universität Weimar soll eine Design- und Kunstschule für junge, enthusiastische Menschen entstehen. In der „Garage der Autodidakt(inn)en“ sollen künstlerische Bildungsprogramme in den Bereichen Material und Werkzeuge, Farbe und Kompositionen oder Kulturmanagement angeboten werden.

Parade der Apfelbäume

Für die „Parade der Apfelbäume“ ist geplant, 4.000 Apfelbäume von 2.000 verschiedenen Sorten quer durch ganz Chemnitz zu pflanzen. Jeder einzelne Baum soll von einer Patin oder einem Paten gesponsert und gepflegt werden, der dort auch internationale Gäste empfängt und Gastgeber oder Gastgeberin für kulturelle Events wird. Verschiedene Events vom Apfelblütenfest bis zum Slow Food Movement mit den besten Apfelkuchenrezepten werden das Thema begleiten. Außerdem soll die interaktive Gaming-App „Go Apple go“, die auf Pokèmon Go basiert, entwickelt werden und Bildungsaspekte über Nachhaltigkeit, Ressourcen und Migration bieten.

2019 hießen die Europäischen Kulturhauptstädte Matera und Plowdiw, in diesem Jahr tragen Rijeka und Galway den Titel; 2021 werden es Timisoara, Eleusiss und Novi Sad sein. Orte, die unterm Radar der internationalen Aufmerksamkeit lagen. Und dennoch hat das Kulturhauptstadtjahr vor Ort jeweils auf individuelle Art Positives bewirkt. Weil nachhaltige Ziele für die Einwohner im Mittelpunkt standen, weil lange aufgeschobene Projekte wie die Renovierung historischer Gebäude, die Umwandlung von Industriebrachen in Kulturzentren verwirklicht werden konnten. Wodurch letztlich ein neues Selbstbewusstsein entstand.

Die Jury wird den Gewinner auch künftig nicht aus den Augen lassen. Ein fortlaufendes Monitoring ist vorgesehen, damit nicht zwischendurch neu gewählte Politiker die Planungen willkürlich umstoßen können. Und auch für die Zeit nach 2025 muss ein Nachhaltigkeits-Konzept vorgelegt werden. Das Hauptstadtjahr wird also nicht der Endpunkt der stadtplanerischen Entwicklungsstrategie sein, sondern nur das Bergfest.