Alt-Marzahn – Wo Elfgeschosser um die Dorfkirche wachsen

November / Dezember 2019

Straßenschild Alt-Marzahn an der Dorfkirche
Straßenschild Alt-Marzahn an der Dorfkirche
Bild: Jürgen Raupach

von rbb24 / Annekatrin Mücke

Marzahn hat seinen Ruf weg: Steinwüste, graue Platte, postsozialistisches Ghetto. Dabei ist der Stadtteil bis heute auch ein Dorf, das sich um die Straße Alt-Marzahn gruppiert. Annekatrin Mücke hat Dorf und Hochhäuser im Osten Berlins besucht und war erstaunt.

Ich stehe gut 80 Meter über dem Meeresspiegel und genieße den ungewöhnlichen Blick auf Berlin. Nicht vom Fernsehturm, von der Goldelse oder dem Reichstag aus, sondern von einem Doppelhochhaus in der Raoul-Wallenberg-Straße in Marzahn. Hier befindet sich der sogenannte Skywalk, eine begehbare Plattform auf einem sehr hohen Hochhaus. Ich schaue über eine riesige Fläche von Neubauten, die so verspielt angeordnet scheinen, als hätte ein Kind mit seinen Bauklötzen gespielt. Hier schlängelt sich ein Elf-Geschosser wie eine Schlange durch hohe Bäume, dort ragen zwei Riesen mit 18 Stockwerken in den blauen Himmel, und genau unter uns ducken sich Rechtecke mit gerade mal fünf Etagen in die Büsche. In der Ferne glänzt die silberne Haut des Fernsehturmes.

Ein Dorf inmitten von Plattenbauten

Was mich aber am meisten erstaunt: Auf der anderen Seite der Landsberger Allee sehe ich ein Dorf mit Kirchturmspitze und einer richtigen Mühle!

“Das Dorf wurde damals, als die Neubauten ringsherum wuchsen, unter Denkmalschutz gestellt”, erklärt mir Dr. Oleg Peters, mit dem ich auf dem Haus stehe. Der Historiker Peters kennt Marzahn wie kein Zweiter. Sein Vater, Dr. Günter Peters, war von 1966 bis 1980 Stadtbaudirektor und stellvertretender Oberbürgermeister von Ostberlin. Als solcher war er auch eine Art oberster Bauherr für das Projekt Marzahn.

Gemeinsam mit dem damaligen Chefarchitekten von Ostberlin, Roland Korn, macht Günter Peters sich Ende der 1970er stark für den Erhalt des Angerdorfes aus dem 13. Jahrhundert. Hier lebten hunderte Jahre lang Bauern, die mit ihrer Landwirtschaft hauptsächlich die ständig wachsende Stadt Berlin versorgten.

“Das Dorf wurde damals, als die Neubauten ringsherum wuchsen, unter Denkmalschutz gestellt. Mein Vater hat dann nach der Wende einen Verein gegründet, um die alte Dorfschule wieder aufzubauen. Da ist jetzt das Bezirksmuseum drin.” Ich spüre, dass Peters stolz ist auf das, was er, sein Vater und tausende andere hier neu geschaffen, aber eben auch erhalten haben.

Dorfkirche unter Denkmalschutz

Wir steigen hinab aus den luftigen Höhen und lassen uns beim Spaziergang über das alte Pflaster durch die Stille treiben. Das kühle Dunkel der historischen Dorfkirche lädt zum Verweilen ein. Die neugotische Backsteinkirche wurde nach den Plänen des 1865 verstorbenen Geheimen Oberbaurates Friedrich August Stüler erbaut. Die Stülerkirche befindet sich mitten auf dem Dorfanger und steht – wie das ganze Dorf Alt Marzahn – seit 1985 unter Denkmalschutz. Sie wurde wie fast das ganze restliche Dorf Ende der 80er Jahre aufwendig saniert und rekonstruiert, während rings um sie die Neubauten der Großsiedlung Marzahn förmlich aus dem Boden schossen. Es war das größte Wohnungsbauvorhaben der DDR.

Den Verantwortlichen sei es sehr wichtig gewesen, bestehende Strukturen zu erhalten, statt sie kostensparend platt zu machen, betont Oleg Peters. Chefarchitekt Roland Korn habe sich im Vorfeld Neubaugebiete in Moskau und Prag, aber auch in Westberlin angeschaut. Dabei sei ihm aufgefallen, dass das Märkische Viertel von Anfang an zum Ghetto-Dasein verurteilt war, weil es keine ausreichende Infrastruktur und Anbindung an die restliche Stadt besaß. In der Gropiusstadt habe man dagegen die Leitlinien des Bauhauses bedacht, nicht nur heller und großzügiger gebaut als im Märkischen Viertel, sondern auch existierende Strukturen eingebunden: Pfuhle, Flüsschen, alte Alleen. Das diente Korn und dem Vater von Oleg Peters als Vorbild für die Großsiedlung im Osten Berlins. Und das führte dann auch zum Erhalt des Dorfes Alt Marzahn.

Die Mühle mahlt tatsächlich wieder

Auch wenn vielen Berlinern die Existenz dieses Dorfes wahrscheinlich unbekannt ist, die Bockwindmühle am östlichen Ende des Dorfangers dürfte fast jeder kennen, der schon einmal die Landsberger Allee entlanggefahren ist. Stolz thront sie auf einem Hügel, der Wind bläst heute kräftig und lässt geräuschvoll ihre mächtigen Flügel kreisen.

Oleg Peters macht mich mit dem Herren der Mühle bekannt: Jürgen Wolf. Der energiegeladene Sachse zeigt mir sein Reich, das er 1994 zusammen mit anderen Mühlenfans selber erbaut hat – nach dem Vorbild der Windmühle, die seit 1815 an dieser Stelle viele Jahre Getreide zu Mehl mahlte.

Das Holz ringsumher knarrt, ich fühle mich wie auf einem Schiff, das durch hohe Wellen stampft. Und bin fasziniert von der Begeisterung, mit der Jürgen Wolf von „seiner“ Mühle schwärmt und mir alles erklärt. Das macht er fast täglich, wenn Schulklassen aus Berlin und Brandenburg ihn besuchen oder Hochzeitspaare sich hier das Ja-Wort geben.

Zum Abschied überrreicht mir der Müller eine Tüte mit Mehl, gewonnen aus dem Roggenfeld an der Kapelle der Versöhnung in der Bernauer Straße, dem Mauerdenkmal.

Noch schnell beim Dorffleischer einkehren

Oleg Peters führt mich weiter, doch inzwischen habe ich Hunger und wir nehmen einen kleinen Imbiss beim Dorffleischer Klaus Genz, der hier seit gut 30 Jahren gegen das Billigangebot der Großmärkte ankämpft. Seine Käsebouletten sind auch für eine Fast-Vegetarierin wie mich einfach zu lecker, um sie nicht genussvoll zu verspeisen.

Jetzt bin ich bereit für einen Spaziergang. Hinter dem KulturGut zeigt Peters mir die Pracht des Bauerngartens, der hier 2012 von Gartenenthusiasten angelegt wurde. Pralle rote Tomaten, wie ich sie bisher noch nie gesehen habe, glänzen in der Sonne, meterhohe Sonnenblumen spenden ein wenig Schatten und bunte Blüten verwöhnen das Auge mit ihrer Pracht.

Viele Marzahner kennen und mögen diese kleine Schwester der “Gärten der Welt”, erzählt Marion Winkelmann, die Chefin des KulturGuts Marzahn. Wenn sie im KulturGut in der sozialen Bücherstube neuen Lesestoff ausleihen, an einem der Kurse hier teilnehmen, in der Keramikwerkstatt „Schamottchen“ kreativ sind oder den regelmäßigen Jazz-Konzerten lauschen, führt sie ihr Weg meist auch in den Garten.

Und jetzt wird wieder gebaut

Oder sie gehen in das Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf, das seit vielen Jahren von einer Schwäbin geleitet wird. Dorothee Iffland fühlt sich hier als “Wessi-Frau” ausgesprochen wohl und kann Marzahn sehr viel Schönes abgewinnen, so wie die meisten, mit denen ich bisher gesprochen habe. Sie sei nur am Anfang auf Skepsis gestoßen, erinnert sie sich. Doch inzwischen ist sie fast so eine unangefochtene Marzahn-Expertin, wie Oleg Peters, der als junger Mann auf der Großbaustelle selbst Hand anlegte.

Für sie alle ist Marzahn keine seelenlose Betonwüste, sondern ein durchaus lebenswerter Kiez, der in Zeiten neuer Wohnungsnot auch deutlich an Attraktivität gewinnt. Heute fehlen die rund 4.500 Wohnungen, die nach dem Ende der DDR abgerissen wurden. Aber inzwischen wird in Marzahn ja auch schon wieder neu gebaut: Die DeGeWo errichtet gerade zahlreiche Mehrfamilienhäuser, zum Beispiel in der Wuhlestraße, der Joachim-Ringelnatz- oder der Karl-Holtz-Straße.