Berlin afrikanisch –Informationsfahrt der Integrationsbeauftragten für Medienvertreterinnen und Medienvertreter am 12.11.2014

Pressemitteilung vom 13.11.2014

Seit Jahrhunderten leben Afrikaner in Berlin, z.B. als Gelehrte wie Professor Anton Wilhelm Amo, sowie als Mitglieder in der Preußischen Musikkapelle, auch als versklavte Hofdiener.
Über 20.000 Berlinerinnen und Berliner haben heute einen afrikanischen Migrationshintergrund.
In letzter Zeit wird viel über die Situation der Flüchtlinge gesprochen, die in Berlin Zuflucht suchen. Sie bilden aber nur einen Teil der Berliner Wirklichkeit ab. Diese Zahl beinhaltet nicht die Afrikaner, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben und Afrikaner, die seit vielen Generation hier leben.

Um über Berlins vielfältige afrikanische Akzente zu informieren, organisierte Berlins Integrationsbeauftragte, Monika Lüke, jetzt eine Informationsfahrt für Medienvertreter/innen.
Das Afrikanische Berlin ist ein fester Bestandteil der kulturellen Vielfalt Berlins. Schließlich leben hier Menschen mit Wurzeln in fast allen afrikanischen Staaten und die gemeinsame Geschichte der Deutschen und der Afrikaner reicht weit zurück Sie ist verbunden mit der Geschichte des Kolonialismus und des transatlantischen Sklavenhandels und war geprägt von Diskriminierung und Verfolgung.

Im November jährt sich der Beginn der Berliner Afrika-Konferenz, auch Berliner Westafrika-Konferenz genannt, der berüchtigten „Kongo-Konferenz“ von 1884-1885 zum 130. Mal. Die Westafrika-Konferenz fand vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Bismarck in Berlin statt. Ihr Schlussdokument, die Kongoakte, bildete die Grundlage für die Aufteilung Afrikas in Kolonien.
Veranstaltet wurde die Fahrt gemeinsam mit dem Diplom-Politologen und Aktivisten der afrodeutschen Bewegung, Yonas Endrias. Er koordiniert das Projekt „Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel beim Amt für Kultur und Weiterbildung des Bezirksamtes Mitte von Berlin. Yonas Endrias ist Mitglied im Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen.

Hauptziel der Fahrt war das „Afrikanische Viertel“ im Wedding. Es wird durch die Müller- und Seestraße sowie den Volkspark Rehberge und die Bezirksgrenze zum Bezirk Reinickendorf eingegrenzt. Dort liegen zahlreiche Straßen mit Afrikabezug. Die Namen sorgen bis heute für Kontroversen, weil sie an die deutsche Kolonialgeschichte erinnern und zum Teil an berüchtigte Vertreter dieser Kolonialvergangenheit, wie die Petersallee, die Lüderitzstraße oder der Nachtigalplatz.
Die internationale Westafrika-Konferenz markierte den direkten Beginn auch der deutschen Kolonialpolitik. Da Deutschland nach dem 1. Weltkrieg keine Kolonien mehr besaß, hat die hiesige Geschichtsschreibung das Thema bis heute oft nur am Rande und stiefmütterlich behandelt.

An die Geschichte des „Afrikanischen Viertels“ erinnert eine Gedenk- und Informationstafel nahe dem U-Bahnhof Rehberge. Sie wurde 2011 eingeweiht.

Für Monika Lüke ist die Konfrontation mit der Kolonialvergangenheit ein wichtiger Schlüssel auch für das gleichberechtigte und respektvolle Zusammenlaben heute:
„In Fachausstellungen und Publikationen wird der deutsche Kolonialismus behandelt, werden auch die Schuldigen etwa am Völkermord an Herero und Nama in der Kolonie ‘Deutsch-Südwest‘ genau benannt. In der öffentlichen Wahrnehmung findet sich davon aber nicht viel wieder. An einer historischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte wird man aber auf Dauer nicht vorbeikommen. Auch im Fall der Aufarbeitung der deutschen Nazivergangenheit war und ist das oft schmerzhaft aber wichtig und unumgänglich.“
Auch Yonas Endrias betont die Notwendigkeit, dass sich die deutsche Politik klar dieser Verantwortung stellt: „Bis heute wird der deutsche Kolonialismus weitgehend negiert. Es gibt keine Entschuldigung seitens des deutschen Staates für die koloniale Vergangenheit, die mit Völkermord und brutaler Gewalt verbunden war. Dabei geht es nicht unbedingt um Reparationen. Es geht hauptsächlich darum, den hunderttausenden Opfern ihre Würde wieder zu geben. Würde kann man nicht mit Geld kaufen.“

„Das heutige afrikanische Berlin definiert sich aber nicht über die koloniale Vergangenheit“, betont Monika Lüke. „Die Einbeziehung der Geschichte der afrikanischen Diaspora bei uns in den Kontext von Kolonialgeschichte und Bürgerrechtsbewegung stärkt aber das Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt. Und das ist der zweite Schwerpunkt der Informationsfahrt: zu zeigen wie vielfältig und vielseitig das heutige Afrikanische Berlin heute ist. Dazu gehören Wirtschaftsunternehmen, Kunstschaffende, Lehrerinnen und Lehrer, Ärzte und ein dichtes Netz von Geschäften, Vereinen und Beratungsstellen.“
Ein Ausschnitt dieser Vielfalt konnte auf der Informationsfahrt vorgestellt werden, insbesondere beim Besuch des Vereins Each One Teach One (EOTO) e.V. in der Müllerstraße 56-58, der dort die Vera-Heyer-Präsenzbibliothek betreibt. „Each One Teach One (EOTO) e.V.“ ist ein Schwarzes Bildungsprojekt, das Literatur und andere Medien von Menschen afrikanischer Herkunft vorstellt und Wissen im intergenerationalen Dialog vermittelt. Die Bibliothek von EOTO e.V. umfasst Publikationen von Autorinnen und Autoren des afrikanischen Kontinents und der Diaspora und dokumentiert so Schwarze Geschichte und Gegenwart in und außerhalb Deutschlands. (http://eoto-archiv.de/ )

Dort gab es Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener beteiligter Organisationen und Personen.
Dass bei der Anerkennung schwarzer Deutscher und der Aufarbeitung ihrer Geschichte sehr viel erreicht wurde, ist vor allem den Initiativen und dem Engagement der schwarzen Deutschen zu verdanken. Für Jamie Schearer von der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ ist dies ein langer Prozess: „Dadurch dass der Kolonialismus nicht aufgearbeitet wurde, werden Hierarchien fortgeschrieben. Unsere Geschichte wird hier nicht gesehen. Sie ist im öffentlichen Bewusstsein nicht verankert.“
Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland ist ein Zusammenschluss Schwarzer Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben:

  • die Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland zu vertreten
  • ein Schwarzes Bewusstsein zu fördern
  • Rassismus entgegenzutreten,
  • die Vernetzung Schwarzer Menschen beziehungsweise ihrer Organisationen und Projekte, zu unterstützen und zu organisieren. ([http://isdonline.de/ )

Weitere Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner:

-Afrika-Rat e.V., Bertrand Njoume
Der Afrika-Rat ist ein Netzwerk und Interessenszusammenschluss von Organisationen, Vereinen, Initiativen und Menschen der afrikanischen Diaspora in Berlin und Brandenburg.
Der Afrika-Rat ist der erste Dachverband von Menschen afrikanischer Herkunft in Berlin und Brandenburg und wurde Ende Mai 2005 von 24 Vereinigungen gegründet.
(http://www.afrika-rat.org/ )

-Projekt Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel LEO, Yonas Endrias
Das Projekt Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel ist im Bezirksamt Mitte von Berlin beim Amt für Weiterbildung und Kultur angesiedelt.
Unter Einbeziehung von Anwohner/-innen, Schüler/-innen, Jugendlichen und verschiedenen Akteur/-innen der Zivilgesellschaft sowie Expert/-innen aus der Schwarzen bzw. Afrikanischen Community gestaltet das Amt für Weiterbildung und Kultur zurzeit einen Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel.
http://www.berlin.de/ba-mitte/city-vhs/aktuelles/afrikanischesviertel.html
http://www.leo-av.de

-Refugees Emancipation, Imma Chienku
„Refugees Emancipation“ ist ein selbstorganisiertes Flüchtlingsprojekt. Im Rahmen des Projekts werden mehrere Internetcafés in Gemeinschaftsunterkünften für Asylbewerberinnen und Asylbewerber betrieben, in Brandenburg und auch in Berlin Die Nutzung der Internetcafés ist kostenlos. Die Internetcafés sind offene Räume, die Asylsuchende selbst verwalten und in denen sie alternative Bildungsangebote wahrnehmen können. Zu den Bildungsangeboten, die Refugees Emancipation in den Internetcafés organisiert und durchführt, gehören zum Beispiel Computer-, Radio- und Audiotechnik sowie Deutschkurse.
http://www.refugeesemancipation.com

– Mansour Ciss
Einer der bekanntesten Afrikanischen Künstler in Berlin. Geboren in Dakar, Senegal. Lebt in Berlin. Ist seit 2000 immer wieder mit Ausstellungen präsent. Auch international bekannt.
http://www.mansourciss.de/mansourciss/index.html

- Dr.Jacob Ladipoh
Arzt für Hals-Nasen-Ohren-Medizin

Den Abschluss der Informationstour bildete ein Besuch im Oromo Horn von Afrika Zentrum.
Das „Oromo Horn von Afrika Zentrum“ ist einer der ältesten Migrantenvereine Berlins. Als deutsch-afrikanische Begegnungsstätte nahm das Zentrum 1985 seine Arbeit in Berlin-Wedding auf. Die Vorsitzende Aster Gemeda gründete den Verein zusammen mit ihrem Mann Taye Teferra, der in Berlin vielen aus der Flüchtlingsarbeit bekannt ist
Neben den Aufgaben im Bereich der Integrations-, Flüchtlings- und Migrationsarbeit – liegt ein Schwerpunkt bei der Aufklärung über das Volk der Oromos, mit 35 Millionen Menschen die zweitgrößte Volksgruppe in Afrika.
Das Oromo Horn von Afrika Zentrum bietet Flüchtlingen in Notsituationen Unterkunft und Verpflegung, insbesondere für diejenigen die vom Horn von Afrika kommen. Darüber hinaus gibt es Hilfe für Flüchtlinge und Asylbewerber/innen, von der Antragsstellung bei der Ausländerbehörde bis zur Klärung aller Formalien. Für das Projekt: „Entwicklung einer herkunftslandübergreifenden Kooperation“ wird der Verein durch die Integrationsbeauftragte aus dem Partizipationsprogramm gefördert. In Kooperation mit anderen Organisationen geht es dabei insbesondere um Unterstützung in der Beratung und Betreuung von jungen unbegleiteten Flüchtlingen und Weiterbildungsangebote für afrikanische Frauen und der afrikanischen Community. Mehr unter: www.oromo-deutsch.de

Zum Schluss ein Hinweis:
Um die Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus auf Landes- und Bezirksebene aus Anlass des 130. Jahrestages der so genannten Berliner Afrika-Konferenz
geht es auf einer Fachtagung, die der Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen in Kooperation mit dem Amt für Kultur und Weiterbildung des Bezirksamtes Berlin Mitte veranstaltet.

Termin: 10.Dezember 2014.
Weitere Informationen unter:
Tel.: 030 90 18 – 47 455
E-Mail: tagungsbuero@city-vhs.de

Statistik
Alter, Geschlecht, Familienstand, Migrationshintergrund, Staatsangehörigkeit, Religionsgemeinschaftszugehörigkeit, Wohnlage, Bezirk, Ortsteil, LOR-Bezirksregion
am 30. Juni 2014
http://www.statistik-berlin-brandenburg.de/publikationen/Stat_Berichte/2014/SB_A01-05-00_2014h01_BE.pdf

Dort Seite 22: Afrikanische Staatsangehörigkeiten

Gedenktafel Afrikanisches Viertel

Afrikanisches Viertel Gedenktafel

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Dossier kolonialistische Straßennamen

Dossier Kolonialistische Strassennamen 2008 11 13_

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