Die Erinnerung aufrechterhalten

Die Gründerinnen Nora Azzaoui und Vera Günther sitzen auf alten Schlauchbooten, vor ihnen liegt eine mimycri-Tasche
Nora Azzaoui und Vera Günther haben 2016 mimycri gegründet. Ein Unternehmen, das Taschen aus alten Flüchtlingsbooten herstellt.
Bild: Jean-Pierre_Vicario

Seit 2015 sind mehr als eine Million Geflüchtete an griechischen Küsten angekommen. Während die Menschen weiterzogen, blieben ihre Schlauchboote an den Stränden zurück. Als Nora Azzaoui und Vera Günther auf der griechischen Insel Chios mehrere Monate lang Geflüchtete mit Wasser und trockener Kleidung versorgten, fielen ihnen die vielen zurückgebliebenen Klamotten, Schwimmwesten und Boote auf. Sie sammelten Spenden für eine Waschmaschine, um wenigstens die Kleidung wieder gebrauchsfähig zu machen. Aber was tun mit den Schlauchbooten? Zurück in Berlin kam ihnen die Idee: Die Bootsreste sollen zu Designertaschen weiterverarbeitet werden. Geboren war das Non-Profit -Projekt „Mimycri“.

Mehr als Abfall

Der Name leitet sich von dem Naturphänomen Mimikry ab: Tiere und Pflanzen ahmen Farbe oder Gestalt von anderen Arten nach, um sich vor Feinden zu schützen. Dieser Analogie haben sich die Gründerinnen angenommen. „Wir wollen mit mimycri einen Perspektivwechsel erreichen. Dieses Material ist nicht nur Müll, es ist eine besondere Ressource, die wir nutzen können, um daraus etwas Besonderes zu machen. Das Material gelangt in Form einer Tasche zurück in die Gesellschaft. Damit wird Geschichte greifbar, und wir können die Erinnerung daran aufrechterhalten, was an den Küsten Griechenlands passiert“, sagt die 30-jährige Nora Azzaoui.

Nachdem die Idee zu mimycri gereift war, vereinbarten die Gründerinnen mit dem Hilfsprojekt CESRT auf Chios, dass die Schlauchbootreste nach Berlin geschickt werden. Über Facebook und Freunde suchten sie zudem nach weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Ende 2016 dann der Durchbruch: mimicry wurde für den Deutschen Integrationspreis der gemeinnützigen Hertie-Stiftung nominiert, der Projekte belohnt, die den Austausch zwischen Deutschen und Geflüchteten fördern, Geflüchtete aktiv einbinden und damit Integration ermöglichen. Mithilfe des damit verbundenen Preisgelds konnten die Gründerinnen endlich in die Produktion gehen.

Abid Ali sitzt an einer Schreibmaschine
Abid Ali hat mehr als zwanzig Jahre Erfahrung im Nähen. Er stellt für mimycri Taschen, Portemonnaies und Rucksäcke her.
Bild: Publiplikator GmbH

Kleine Anfänge, große Erfolge

Zuerst traf sich das mittlerweile siebenköpfige internationale Team in Nora Azzaouis Wohnung, wo die Bootsreste lagerten. Sie entwarfen das Design und fertigten erste Modelle. Es folgten eine erfolgreiche Crowdfunding-Aktion, der Umzug in die Erfinderwerkstatt Fab Lab in Prenzlauer Berg, Artikel in verschiedenen Medien und zahlreiche Anfragen von Modehäusern und Kundschaft aus Deutschland, England und der Schweiz. Seit Produktionsbeginn haben die Berliner etwa 500 Produkte verkauft. Und warum gerade Taschen? Es sei ein Alltagsprodukt und für alle sichtbar, so die mimycri-Gründerinnen. Sollten irgendwann einmal keine kaputten Schlauchboote mehr an Stränden liegen, seien auch andere Materialien denkbar.

Mittlerweile hat Nora Azzaoui ihren Job als Unternehmensberaterin aufgegeben, um mimycri weiter voranzubringen, Kooperationen zu finden und eine Infrastruktur für Produktion, Lager und Vertrieb aufzubauen. Zudem soll das Projekt ein eingetragener Verein werden, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, zu denen auch Geflüchtete gehören, wenigstens eine Aufwandsentschädigung zahlen zu können. Bis jetzt fließen alle Einnahmen in den Betrieb und vor allem hochwertige Materialien wie Reißverschlüsse oder Fäden. Denn mimycris Anspruch lautet: stylische und soziale Produkte schaffen.

Dass das gelingt, liegt auch an den geschickten Händen von Abid Ali. Der 35-Jährige näht seit seinem zwölften Lebensjahr. Vor fast zwei Jahren flüchtete er aus Pakistan nach Deutschland. Über Facebook erfuhr er von dem Non-Profit -Projekt. Seitdem ist er mehrere Tage in der Woche in der Werkstatt, wo er hin und wieder auch defekte Maschinen repariert. Dass aus den Schlauchbooten, in denen Geflüchtete die Überfahrt nach Griechenland wagten, mal Designertaschen würden, hätte Abid Ali wohl nicht gedacht.

Julia Raunick