Streetfood aus der Heimat

Aymann Azzawi steht mit seinem REFUEAT-Stand auf dem Markt am Maybachufer
„Essen spricht seine eigene Sprache und verbindet die Kulturen", sagt der Berliner und REFUEAT-Gründer Aymann Azzawi Bild: Publiplikator

Es gibt eine Sache, die alle Menschen verbindet, egal welcher Religion oder Kultur sie angehören: Essen. Das dachte sich auch Aymann Azzawi, als er zusammen mit Constantin Bartning im August 2016 die Idee zu REFUEAT hatte: Geflüchtete verkaufen auf Berliner Märkten Streetfood aus ihrer Heimat und kommen so in Kontakt mit Einheimischen und der deutschen Sprache, bekommen eine Beschäftigung und ein Einkommen. Den Unternehmensnamen REFUEAT fügten sie zusammen aus den englischen Wörtern für Flüchtling (Refugee) und Essen (eat).

Seitdem fahren Initiator Aymann Azzawi und seine beiden syrischen Mitstreiter Yusuf und Ahmed jede Woche abwechselnd zum Hermannplatz, Karl-Marx-Platz oder Maybachufer, um dort ihre Speisen zu verkaufen: gegrillte Sandwiches mit Hühnchen, Falafel oder Halloumi-Käse sowie veganer Linseneintopf. Der absolute Verkaufshit aber ist ihre eigens kreierte Spezialität, der arabische Hot Dog: drei würzige Merguez-Würstchen mit Salat, Bratkartoffeln und Sauce nach Geheimrezept, garniert mit frischen Granatapfelkernen und einem Spritzer Zitronensaft, vereint in einem nach syrischem Rezept gebackenen Brot.

Video: Streetfood als Neuanfang

Formate: video/youtube

Essen spricht seine eigene Sprache

Aymann Azzawi ist gebürtiger Berliner mit syrischen Wurzeln, auch seine Ehefrau lebte bis zu ihrer Heirat in dem Land, wo seit Jahren Bürgerkrieg herrscht. Als er sie vor zwei Jahren unter Strapazen nach Deutschland brachte, erlebte der heute 30-Jährige, wie Geflüchtete in Deutschland leben. Daraufhin wollte er etwas ins Leben rufen, was den Gemeinnutzen fördert und von dem beide Seiten profitieren. So kam er auf den Verkauf von arabischem Streetfood. „Essen spricht seine eigene Sprache und verbindet die Kulturen. Es schlägt Brücken zwischen Geflüchteten und der deutschen Community“, sagt der REFUEAT-Initiator, der früher als Mediendienstleister unter anderem in Dubai arbeitete.

In der Straße in Syrien, wo seine Oma wohnte, gab es auch einen Markt. 500 Leute stellten sich auf die Straße und bauten ihren Stand auf. Sobald das Ordnungsamt kam, rannte ein fünfjähriger Junge durch die Gruppe der Händlerinnen und Händler und schrie laut: Das Ordnungsamt ist da! Innerhalb von fünf Minuten war der komplette Schwarzmarkt leer und die Leute in die Hinterhöfe geflohen. Wenn die Luft rein war, kamen alle wieder nach vorn und trieben weiter Handel.

Yusuf von REFUEAT bietet einen arabischen Hot Dog an, daneben steht Aymann Azzawi am Grill
Einen arabischen Hot Dog gefällig? REFUEAT-Mitarbeiter Yusuf bereitet die syrische Speise frisch zu Bild: Publiplikator

Wichtige Entscheidungen gemeinsam treffen

In Deutschland werden Ware, mobile Küche und ausklappbarer Stand – ganz legal natürlich – auf Lastenfahrrädern transportiert, eine in Syrien weit verbreitete Verkaufsart. Die Investitionskosten seien vergleichsweise gering, jeder könne sie fahren ‒ auch ohne Führerschein ‒, sie seien umweltfreundlich und „halten sportlich“, sagt Aymann Azzawi. Gerade planen sie ein drittes Fahrrad mit umgedrehter Wok-Pfanne, in der arabische Fladen wahlweise mit Paprikapaste, Käse, Öl und Thymian oder mit Nutella und Apfelmus gebacken werden können.

In Zukunft soll REFUEAT eine Genossenschaft werden, an der alle Beteiligten auch wirtschaftliche Verantwortung tragen. „Die Geflüchteten bekommen nicht nur einen Arbeitsvertrag und Lohn, sondern werden am Geschäft beteiligt und erhalten ein Stimmrecht“, sagt der 30-Jährige. „So kann man wichtige Entscheidungen gemeinsam treffen und das Ganze gemeinsam in die richtige Richtung lenken.“

Denn das Geschäft soll wachsen, auch über Berlin hinaus. Inzwischen erreichen REFUEAT Anfragen aus München oder Frankfurt, Veranstaltungen beliefern sie bereits mit ihrem Essen. „Wir haben mit syrischer Küche begonnen, weil ich selber aus Syrien komme, der Draht zur syrischen Flüchtlings-Community da war und wir auf Anhieb Mitarbeiter akquirieren konnten. Wir entwickeln die Rezepte aber ständig weiter als Bestandteil unserer Lebensfreude, Integrationskultur und als unsere Geschäftsgrundlage“, sagt Aymann Azzawi. Vielleicht gibt es also bald Hot Dogs aus allen Winkeln der Erde.

Julia Raunick