Weiter Schreiben - Schreiben und Gelesenwerden gehört zusammen

Auf dem Poduium sitzen die Initiatoren und Autoren Annika Reich, Lina Atfah, Ahmed Katlesch, Ulla Lenze, Omar Al-Jaffal, Kristine Bilkau
Auf dem Poduium (v.li): Annika Reich, Lina Atfah, Ahmed Katlesch, Ulla Lenze, Omar Al-Jaffal, Kristine Bilkau
Bild: Publiplikator GmbH

Als Schriftstellerin oder Schriftsteller in der anderssprachigen Fremde zu publizieren, ist schwer. Sich dort eine Existenz aufzubauen, noch schwerer. So kann es passieren, dass sich ausgezeichnete und preisgekrönte Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach ihrer Flucht in einem deutschen Jobcenter wiederfinden, mit der Frage konfrontiert: „Was können Sie denn?“ Die Initiative weiterschreiben.jetzt zeigt Alternativen auf und vernetzt Autorinnen und Autoren aus Kriegs- und Krisengebieten mit deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen.

“Wegen der Ungerechtigkeit, der Armut und der fortgesetzten Kriege in ihren Ländern flüchteten Hunderttausende aus dem Osten der Erdkugel nach Europa, erschöpft von Kriegen, Krankheiten und Hungersnöten und auf der Suche nach Hoffnung.”
(Omar Al-Jaffal: Brief aus einer zugrundegehenden Welt an Heinrich Böll)

Als 2015 die vielen Menschen auf der Flucht nach Berlin kamen, meldete sich Annika Reich wie viele Berlinerinnen und Berliner als freiwillige Helferin. Irgendwann konnte sie die ständige Konfrontation mit den unzähligen sich an Tragik, Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Verzweiflung übertreffenden Einzelschicksalen nicht mehr ertragen – der eigene Freundeskreis legte ihr nahe, aufzuhören. Das wollte sie nicht, aber sie hatte eine Idee, wie sie ihr Talent, Erfahrung und Netzwerk als Schriftstellerin gewinnbringend für die geflüchteten Menschen einsetzen konnte. „Wenn ich geflüchtete Schriftsteller frage, was ihr dringendstes Bedürfnis in Deutschland ist, sagen sie: Sicherheit. Und gleich danach kommt: Weiterschreiben.“ So rief sie gemeinsam mit Ines Kappert von der Heinrich-Böll-Stiftung das Projekt weiterschreiben.jetzt ins Leben. Autorinnen und Autoren aus Kriegs- und Krisengebieten werden mit deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen zu Tandems verkuppelt – wie sich die Zusammenarbeit dann konkret entwickelt, wie oft sie einander treffen, schreiben, skypen, ob sie sich ein gemeinsames Arbeitsprojekt wählen, ist individuell.

Preisgekrönte Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus unterschiedlichen Kulturen

Außenansicht des Literarischen Colloquiums
Im Literarischen Colloquium Berlin wird Literatur über Sprachgrenzen hinweg vermittelt
Bild: Publipkator GmbH

Sechs Schriftstellerinnen und Schriftsteller sitzen an diesem Abend auf dem Podium im Literarischen Colloquium Berlin-Wannsee. Neben Annika Reich (aktuelle Werke: „Die Nächte auf ihrer Seite“, „34 Meter über dem Meer“) zwei weitere namhafte deutsche Autorinnen: Kristine Bilkau („Die Glücklichen“, „Eine Liebe, in Gedanken“) und Ulla Lenze („Die endlose Stadt“, „Der kleine Rest des Todes“). Die anderen drei sind ebenfalls preisgekrönte Schriftsteller. Hierzulande jedoch relativ unbekannt, da sie bis zu ihrer Flucht in der arabischsprachigen Literaturwelt publizierten.

Jetzt sind sie aus ihren Heimatländern geflohen, mit Literatur-Stipendien nach Deutschland gekommen und im Begriff, Existenzen als Autorinnen und Autoren aufzubauen.

“Früher wusste ich nicht, was es heißt, in Häusern mit Holzfußboden zu wohnen. Sooft ich meine Schuhe ausziehe und barfuß gehe, falle ich hin.”
(Ahmend Katlesch: Wir sind die Kinder des Lehms)

Ahmend Katlesch ist in ein Gespräch verwickelt, Annika Reich und Ines Kappert sind im Hintergrund zu sehen.
Ahmend Katlesch im Gespräch, Annika Reich und Ines Kappert im Hintergrund
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Seit einem Jahr gibt es das Projekt weiterschreiben.jetzt und Annika Reich ist der Stolz anzuhören, als sie dem Publikum die bisherigen Erfolge aufzählt. Die Autorinnen und Autoren im Projekt konnten inzwischen mehrere Buchverträge mit Verlagen abschließen, haben Stipendien erhalten; es gibt Veröffentlichungen aller Art und die Einladung zu einer Lesereise auf Einladung des Goethe-Instituts nach Kanada. Ihre Teamkollegin Ines Kappert betont: „Es ist wichtig, die Expertise der Angekommenen wahrzunehmen und ihnen nicht nur aus der Helferperspektive zu begegnen. Nicht über Menschen zu reden, sondern mit ihnen.“ Kappert leitet aktuell das Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie der Böll-Stiftung und früher das Meinungsressort der Tageszeitung „taz“, wo sie zur Expertin für Syrien und Vertreibung wurde.

Sie ist Mitbegründerin von „Wir machen das“, einem „Bündnis von Neuankommenden und Einheimischen“, gegründet von 100 Frauen aus Kunst, Wissenschaft und öffentlichem Leben und inzwischen um viele Menschen angewachsen. Ziel ist es, „der Herausforderung weltweiter Migration mit Menschlichkeit und Sachverstand zu begegnen.“ Dahinter steckt die Idee, „wegzukommen von Mitleid und Meinung, Hilfe und Abwehr hin zu einer Kultur des Teilens und der selbstbestimmten Gestaltung unserer Welt.“ Weiterschreiben.jetzt ist eines von unterschiedlichen Projekten in der Verantwortung von „Wir machen das“.

Arabische Poesie: Gedichte wie Lieder

Lina Atfah liest ihren Text vor, Ahmed Katlesch und Ulla Lenze lauschen ihr.
Ahmed Katlesch und Ulla Lenze lauschen Lina Atfah
Bild: Publipkator GmbH

In der arabischen Welt spielt Poesie als die musikalischste Variante von Text eine viel größere Rolle als hierzulande. Deshalb ist den Veranstalterinnen die Zweisprachigkeit des Abends so wichtig. Es geht nicht nur um das Verstehen der Inhalte. „Die arabische Lyrik erinnert an Liedtexte“, sagt Annika Reich. Die Vertonung der eigenen Lyrik sei das größte Ziel arabischsprachiger Dichterinnen und Dichter.

Hinter allen diesen Welten, Augen, Lippen und Tränen,
hinter der Angst der Menschen voreinander,
weit weg von den Schwertern und den Steinigungen,
weit weg von allem, was die Vögel aus ihren Nestern fliehen lässt,
dort, wo das Wasser der Weiblichkeit das Universum zur Quelle führt,
dort, wo das Wasser der Weiblichkeit dem Universum seine Mündung zeigt,
von dort aus werde ich dir mehr und mehr erzählen.
Eine Rose nach der anderen
werde ich dir Gedichte schreiben.
(Lina Atfah, „In meiner Hand erblühte“)

Lina Atfah verbreitet gute Laune. Obwohl auch ihre Texte die Tragik des Krieges beschreiben und insbesondere von den Rahmenbedingungen erzählen, die der Krieg für das Leben der Frauen setzt.

Was passiert mit der Sprache im Krieg

Ramy Al-Asheq und das Publikum unterhalten sich im Außenbereich des literarischen Kolloquiums.
Nach der Lesung begegnen sich Autorinnen und Autoren mit dem Publikum
Bild: Publipkator GmbH

Als Omar Al-Jaffal beginnt auf Arabisch zu lesen, macht der schnelle Rhythmus den aus den Fugen geratenen Alltag im Kriegsgebiet schon für das Publikum fühlbar, bevor die Übersetzerin spricht. Der Text ist eine „Anleitung zum Überleben im Krieg“ – die Alltäglichkeit der Worte kontrastiert die beschriebene Verzweiflung. Wie soll eine Sprache des Krieges auch klingen?

“Du hörst in den Nachrichten, dass mehrere Explosionen die Stadt erschüttert haben. Sieh an dir runter: Hast du überlebt? (…) Dein Vater klammert sich an sein Buch und versucht, die Nachrichten zu ignorieren, frisst alles noch tiefer in sich hinein. Ruf auch deine Geschwister an. Du musst wissen, wo deine Freunde wohnen und arbeiten. Das verringert die Sorge um sie. Sprich dann mit einem neugierigen Freund, der über alle Bescheid weiß. Das spart eine Menge Anrufe und du hast einen Überblick, wer noch lebt und wer tot ist. Bestimmt gibt es mal wieder einen Kandidaten mit ausgeschaltetem Handy, der in der Nähe einer Explosion wohnt. Ihm ist schon nichts passiert!”
(Omar Al-Jaffal: Anleitung zum Überleben im Krieg)

Nur räumlich ist der Krieg weit weg

Omar Al-Jaffal, Ramy Al-Asheq sitzen an einem Tisch im Außenbereich.
Omar Al-Jaffal und Ramy Al-Asheq mit einem Besucher
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„Die Schriftsteller, mit denen wir arbeiten, waren fast alle Teil der Revolution. Die Texte handeln viel von Krieg und Tod“, erklärt Annika Reich.

Ramy al-Asheq lebte in Damaskus, war nach der Syrischen Revolution in Gefangenschaft, dann in Jordanien und kam 2014 mit einem Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung nach Deutschland. Drei Jahre lebte er in Köln, bevor er nach Berlin zog, wo er sich künstlerisch besser aufgehoben fühlt. „Trotzdem kann ich noch nicht sagen, dass ich angekommen bin“, sagt er. Ramy al-Asheq hat viele Revolutionslieder geschrieben.

“Fatma fürchtete die Politik, die Meere fürchtete sie nicht. Sie durchstreifte alle Behörden und schenkte jedem Polizisten ein wenig Mütterlichkeit. Sie schlug das alte Photoalbum auf, um ihn zu erweichen, um zu erfahren, wo ihr Sohn sich befindet.”
(Ramy Al-Asheq: Fatma trägt zwei Wunden in einer Hand)

Er ist Gründer der ersten arabischsprachigen Zeitung mit Nachrichten aus Deutschland, dem Nahen Osten und der ganzen Welt. Die Zeitung „Abwab“ (arabisch: Türen) entstand von Geflüchteten für Geflüchtete.

Inzwischen publiziert Al-Asheq auch in deutschen Medien. Er ist Kurator der arabisch-deutschen Literaturtage und Chefredakteur des arabisch-deutschen Kulturmagazins FANN. Annika Reich erklärt, was die Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten antreibt. „Weiter schreiben zu können heißt auch, weiter gelesen zu werden. Denn das Schreiben und das Gelesenwerden gehören zusammen.“

„Ich finde es toll, wenn deutsche Leser meine Texte lesen und diskutieren. Was die Zukunft bringt, kann ich nicht sagen. Deshalb schreibe und arbeite ich für das Hier und Jetzt“, sagt Ramy Al-Asheq und erzählt, wie er und seine Tandem-Partnerin von Weiterschreiben, Monika Rinck, die eigenen Texte und jene des Gegenübers hin- und her übersetzen

Jedes Tandem kreiert seine eigene Zusammenarbeit

Ulla Lenze und Omar Al-Jaffal auf dem Podium
Ulla Lenze und Omar Al-Jaffal
Bild: Publipkator GmbH

Auch Erfolgsautorin Ulla Lenze erzählt vom Austausch mit Rabab Haider, die noch in Damaskus lebt. Davon, wie ihre Tandempartnerin kurz nach ihrem Kennenlernen zufällig eine arabische Übersetzung des eigenen Romans im Regal in Damaskus entdeckt habe. „Sie hatte ihn nicht gelesen, aber irgendwie verkleinerte das Gefühl die große räumliche Entfernung zwischen uns.“

Ulla Lenzes Tandempartnerin fehlt an diesem Abend in Berlin-Wannsee. Rabab Haidar hat die notwendigen Ausreisepapiere nicht bis zum Neustart-Termin von weiterschreiben.jetzt erhalten.

Zu den positiven Aspekten des Krieges gehört die Erfahrung, wie flexibel, wandlungs- und entwicklungsfähig man ist. Man wird wieder erfinderisch: So entdeckt man, dass eine Jeans kräftiger und ausdauernder brennt als zwei Liter Heizöl (…). Natürlich muss man zwischendurch öfter den Kopf aus dem Fenster halten und ausgiebig Luft schnappen. (…) Der Überlebenstrieb tritt stärker, schärfer und reiner hervor. Man entdeckt wunderbare Fähigkeiten an sich, deren Existenz einem vor dem Krieg gänzlich unbekannt war. Beispielsweise hat man das Gefühl, dass die Bomben einen nicht umbringen werden, und sie tun es tatsächlich nicht. Oder man spürt, dass einem etwas zustoßen wird, und wird noch am selben Tag von einem vorbeifliegenden Splitter getroffen, ohne jedoch zu sterben. Es bringt einen auch nicht um, wenn man mehrere Tage gezwungenermaßen nichts isst, genauso wenig wie der Anblick eines Menschen, der kurz vorm Verhungern steht. Man stirbt nicht, es sei denn im äußersten Notfall, selbst wenn man es wünschte.
(Rabab Haider, „Ein Kriegsbericht, der nicht traurig sein soll“)

Annekathrin Ruhose