Exil-Journalismus und YouTube-Shows: Geflüchtete machen Medien

Die Media Residents sitzen an verschiedenen Plätzen in ihrem Coworking-Space
Das Co-Working-Space von Media Residents
Bild: Publiplikator GmbH

Er ist Journalist aus Leidenschaft. In der Schulzeit schrieb er seine ersten Texte. Als Chefredakteur eines Studentenmagazins an seiner Uni wurde er verhaftet. Er hatte die Regierung in seinen Artikeln zu sehr kritisiert. Omid Rezaee kommt aus dem Iran und ist 2015 nach Deutschland geflohen. „Was mich in Deutschland jeden Tag immer wieder wundert, ist die Pressefreiheit. Deren Grenze habe ich immer noch nicht gefunden – weil es die wahrscheinlich einfach nicht gibt. Immer wieder lese ich etwas, wo ich denke: Wow! Das dürfte man eigentlich nicht sagen. Und dann kommt das nächste Mal wieder etwas, das ich mir vorher nicht hatte vorstellen können.“

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Formate: video/youtube

Neu-Start-Hilfe für Menschen mit Publikationshintergrund

Omid Rezaee im Media Residents Coworking-Space
Omid Rezaee
Bild: Publiplikator GmbH

Gerade sitzt er an einem Text für seine Webseite „Perspektive Iran“, wo Rezaee eine Berichterstattung jenseits von Iran-Klischees anstrebt. Sein Arbeitsplatz befindet sich im Co-Working-Space der Media-Residents im Verlagsgebäude der Zeitung „Neues Deutschland“. Ein Raum, der von der Organisation Gesicht Zeigen! ins Leben gerufen wurde, um „Menschen mit Publikationshintergrund“ den Start in journalistische Berufsleben in Deutschland leichter zu machen. In erster Linie richtet sich das Angebot an geflüchtete Journalistinnen, Journalisten und Medieninteressentinnen und Medieninteressenten, Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger sind aber genauso willkommen. Bei Media-Residents können sie Equipment für Videodrehs ausleihen, an Workshops und Seminaren teilnehmen, werden vom Team beraten und unterstützt und bekommen einen Arbeitsplatz im Co-Working-Space. „Im Endeffekt läuft alles unter dem Oberbegriff Netzwerk“, sagt Mitarbeiterin Alma Dewerny, 19-jährige Nachwuchsjournalistin im Freiwilligen Sozialen Jahr. Dies bestätigt Omid Rezaee mit seiner Antwort auf die Frage, was ihm das Projekt bedeute: „Media-Residents ist für mich wie eine Brücke zu der Medienszene in Deutschland.“

Der Blick von Journalistinnen und Journalisten aus anderen Ländern ist eine Chance für die deutschen Redaktionen

Omid Rezaee arbeitet am Computer.
Omid Razaee bei der Arbeit
Bild: Publiplikator GmbH

Wenn man aus einem ganz anderen Sprach- und Kulturkreis kommt, ist es – unabhängig von journalistischem Talent und Berufserfahrung im Herkunftsland – schwierig, im deutschen Medienmarkt Fuß zu fassen. Dabei bieten die Neu-Deutschen den Redaktionen die Chance, aus der eigenen Filterblase herauszusehen. „Die Sache mit der Pressefreiheit in Deutschland ist, dass diejenigen sich äußern können, die Zugang zu den Medien haben. Man darf zwar alles sagen; aber viele haben nicht die Möglichkeit sich zu äußern“, analysiert Rezaee. „Wir wissen, dass viele Stimmen in den Medien fehlen. Wir hören kaum etwas von den Kleinstädten und Dörfern, kaum etwas von den Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund. Das haben auch die deutschen Redaktionen inzwischen gemerkt.“ Omid Rezaee selbst hat inzwischen in diversen namhaften Publikationen Artikel veröffentlicht: Berliner Zeitung, Bento, Neues Deutschland, Tagesspiegel, taz, Zett. Anfangs habe er nicht daran geglaubt, seinem eigenen journalistischen Anspruch auf Deutsch gerecht werden zu können. Jetzt plant er, künftig sowohl in seiner Muttersprache Farsi zu publizieren, als auch immer mehr auf Deutsch. „Es gibt keine Garantie, aber es gibt die Chance. Ich mache weiter und hoffe, dass ich in Zukunft meinen Lebensunterhalt als Journalist in Deutschland zu hundert Prozent bestreiten kann.“

Media Residents heißen Geflüchtete willkommen und bieten ihnen Chancen

Dustin Ueckert (links) und Omid Feroozi (rechts) arbeiten an einer Kamera
Dustin Ueckert (links) und Omid Feroozi (rechts)
Bild: Publiplikator GmbH

Das Talent von Omid Feroozi (20) entfaltet sich eher vor der Kamera als hinter politischen Texten. Die Sprachbarriere hat auch er überwunden – wenn auch unter Zwang. „Ich wollte meine Show in Englisch machen – aber dann hat Bastian Koch gesagt: Nein, Du musst es auf Deutsch machen“, erzählt er und ergänzt nicht ohne Stolz: „Und das habe ich geschafft. Ganz gut… “ Omid Feroozi und Bastian Koch haben sich auf dem ersten Welcome Camp kennengelernt. Koch ist einer der Projektleiter von Media-Residents, er entdeckte das Talent und Omid wurde Youtube-Frontman von Media-Residents.

Für Omid eine entscheidende Begegnung, denn heute sagt er über Media-Residents: „Für mich sind Media-Residents nicht einfach nur Mitarbeiter, sondern eine Familie. Wenn ich sage: Hey, ich habe eine Idee – helfen sie mir sie umzusetzen und zu finanzieren. Wenn ich sage: Ich habe ein Problem, sind sie für mich da. Die haben die beste Rolle in meinem Leben gespielt!“ Neben den beiden Projektleitern Bastian Koch und John Brüggemann, gehören zum festen Team Dustin Ueckert, Viola Fehn und Alma Dewerny.

Alma Dewerny (links) und Viola Fehn (rechts) arbeiten am Computer
Alma Dewerny (links) und Viola Fehn (rechts)
Bild: Publiplikator GmbH

Mit einer Youtube-Show Deutschland erklären: Für In- und Ausländer

Dank Media-Residents hat Omid inzwischen seine zweite eigene Web-Show. Nach dem Erfolg von „Auf 1 Mate mit Omid“ folgt das Format „The Friendies“. In jeder Folge lädt Omid einen oder eine Gesprächspartnerin mit Fluchthintergrund in seine Show. Dari, Farsi, Paschto, Urdu, Hindi, Tadjiki, Englisch, Deutsch. Alle acht Sprachen, die der gebürtige Afghane spricht, kommen zum Einsatz. In Afghanistan arbeitete Omid Feroozi als Übersetzer und seine Sprachexpertise setzt er jetzt als Helfer für andere Neuankommende ein. Doch obwohl Übersetzer in Deutschland händeringend gesucht werden, ist er vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Erstens fehlen ihm die Zertifikate, zweitens die nötige Aufenthaltsgenehmigung.

Omid Feroozi sitzt auf einer Couch
Omid Feroozi
Bild: Publiplikator GmbH

Auf den ersten Blick erfüllen Omids Shows vor allem die Kriterien hip, urban, amüsant und – wie es die Regel bei Youtube-Stars ist – selbstdarstellerisch. Doch der Kerngedanke ist ein anderer: „Ich will den anderen Geflüchteten helfen, in Deutschland anzukommen, indem ich ihnen erzähle, wie es funktioniert. Und Leuten in meiner Heimat zeigen, wie Deutschland wirklich tickt.“ Nur ein Thema meidet er: „Ich rede nicht gerne über Politik. Weil ich vor allem die afghanische Politik kenne – und da lügen alle.“ Politisch sind beide Shows dennoch; beispielsweise geht es um den Vergleich von Frauenrechten in Deutschland und Afghanistan, über die Rolle der Religion und die Möglichkeiten und Angebote für geflüchtete Menschen.

Unlängst hat Omid einen Ausweisungsbescheid erhalten. „Ich will niemals zurück nach Afghanistan. Ich habe hier Perspektiven und möchte an denen weiterarbeiten. Mit Medien und Youtube kann ich in Afghanistan gar nichts machen – ich möchte aber Journalist werden. Außerdem sind wir einfach nicht safe. Es gibt keine Sicherheit.“ Es sieht gut aus, dass Omid Feroozi ein 18-monatiges Volontariat bei der Deutschen Welle machen kann. Das würde eine potenzielle Abschiebung zumindest um 18 Monate verzögern.

Annekathrin Ruhose