BENN - Berlin entwickelt neue Nachbarschaften

Das BENN-Straßenfest ist vor dem neuen Nachbarschaftsbüro im Gange.
Das BENN-Straßenfest vor dem neuen Nachbarschaftsbüro
Bild: Publiplikator GmbH

In einer neuen Heimat ankommen, lässt viele Geflüchtete isoliert in Unterkünften zurück. Dort kommen Sie zwar mit einheimischen Helfern, aber selten mit Anwohnern in Kontakt.

Das vom Berliner Senat initiierte BENN-Programm soll Nachbarschaften mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Unterkünfte zusammenführen und so einen gesellschaftlichen Mehrwert für alle schaffen. An insgesamt zwanzig Orten in Berlin kooperiert BENN mit ansässigen sozialen Organisationen. Ihr Auftrag: Nicht für, sondern zusammen mit Geflüchteten und Anwohnern Probleme im Kiez lösen.

Auftakt in Hohenschönhausen-Nord

Fabio Reinhardt (rechts) präsentiert das neue Nachbarschaftsbüro in der Warnitzer Straße
Fabio Reinhardt (rechts) präsentiert das neue Nachbarschaftsbüro
Bild: Publiplikator GmbH

In Hohenschönhausen arbeitet BENN mit Fabio Reinhardt und seinem Team von der SozDia-Stiftung-Berlin zusammen. Im Bezirk hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Insgesamt drei Flüchtlingsunterkünfte finden sich in einer Umgebung wieder, die oft mit der sozialen Schwäche ihrer einheimischen Bewohner assoziiert wird. Damit treffen in der Nachbarschaft zwei grundverschiedene Bevölkerungsgruppen aufeinander, die jedoch mit sehr ähnlichen Problemen konfrontiert sind. Soziale Isolation ist ein großes Thema. Nicht nur der soziale Status vieler Anwohner kann dazu führen, sondern auch die Wohnbedingungen. In Hohenschönhausen gibt es viele Hochhäuser, in denen man zwar mit vielen Menschen auf engem Raum lebt, sich jedoch selten begegnet. Genau dort will Fabio Reinhardt mit seinem Team Abhilfe schaffen.

Ein erstes Projekt des BENN-Teams steht bereits. Seit neuestem gibt es Gemeinschaftsgärten, die von allen Anwohnerinnen und Anwohnern zusammen gepflegt werden. Das neue BENN-Büro in der Warnitzer Straße soll zudem als Anlaufpunkt für die Nachbarschaft dienen. Mit ihren öffentlichen Präsenzen will das Team die Nachbarschaft kennen lernen und so viele Menschen wie möglich in die Gestaltung der Aktivitäten mit einbeziehen. Die große Herausforderung ist es, einen Zugang zu allen Gesellschaftsschichten innerhalb der Nachbarschaft zu finden. Das Wichtigste dabei: Ein offenes Ohr bieten und zuhören, damit es irgendwann nicht mehr heißt Geflüchtete und Einheimische, sondern Nachbarn.

Das BENN-Nachbarschaftsfest

Die Nachbarschaft genießt zusammen den Nachmittag vor dem BENN-Büro
Die Nachbarschaft genießt zusammen den Nachmittag
Bild: Publiplikator GmbH

Den Startschuss gab in Hohenschönhausen ein Nachbarschaftsfest am 16. Juni, dem Tag der offenen Gesellschaft. Es wird zusammen gegessen, gesungen und gefeiert. Schon vor dem eigentlichen Beginn, um 17 Uhr, herrscht reger Betrieb. Einer der frühen Gäste ist Rami (39). Zusammen mit seiner Familie ist er schon mittags zum Park gekommen, um Speisen zuzubereiten und beim Aufbau zu helfen. Er freut sich nicht nur, neue Bekanntschaften zu machen, sondern hofft, seinen Kindern einen tollen Nachmittag bereiten zu können.

Ein bunter Teller mit Speisen aus aller Welt
Ein bunter Teller
Bild: Publiplikator GmbH

Die ganze Nachbarschaft hat ein buntes Buffet aus selbst zubereiteten Speisen zusammengestellt. Neben Rami hat auch Parwaneh (27) gekocht und typische Süßigkeiten aus ihrer afghanischen Heimat mitgebracht. Der Tisch ist mit allerlei Speisen aus der ganzen Welt gedeckt. Er spiegelt schon jetzt die Vielfalt des Kiezes wider.

Um 17 Uhr begrüßen Fabio Reinhardt und sein Team ihre Gäste. Neben den Nachbarinnen und Nachbarn sind auch Gäste aus der lokalen Politik gekommen. Später singt ein internationaler Chor und es gibt %[en]Live%-Musik.

Nachbarn werden für eine gemeinsame Zukunft

Basim (links) und Hamid (rechts) leben in der nahegelegenen Unterkunft für Geflüchtete
Basim (links) und Hamid (rechts)
Bild: Publiplikator GmbH

Besonderer Clou des Festes sind Unmengen von Luftballons, die über die große Tafel verteilt sind. An ihnen kleben Zettel auf denen die Bewohnerinnen und Bewohner ihren Namen und ihre Wünsche für die Zukunft der Nachbarschaft aufschreiben. Später lassen alle zusammen ihre Ballons fliegen. Rami (39) hofft auf weitere Veranstaltungen und Spielmöglichkeiten für seine Kinder, auch auf Bekanntschaften außerhalb des Heims. Auch die eingesessenen Berliner Vicky (31) und Pascal (32) wollen neue Kontakte knüpfen und wünschen sich außerdem mehr Spielplätze in der Umgebung. Parwaneh (27) hat einen Job gefunden und träumt davon, bald in eine eigene Wohnung ziehen zu können. Hamid (50) hat sehr schnell Deutsch gelernt, da er in Bagdad als Sprachlehrer gearbeitet hat. Jetzt würde gerne wieder unterrichten.

Die Luftballons werden von den Gästen in den Hohenschönhausener Himmel entlassen
Die Luftballons steigen in den Hohenschönhausener Himmel
Bild: Publiplikator GmbH

Ein gemeinsamer Wunsch aller Gäste ist es jedoch zusammen, außerhalb der Isolation der Hochhäuser und Unterkünfte, eine neue Gemeinschaft aus Alt- und Neuberlinern zu bilden. Auch für Fabio Reinhardt und sein Team war das Fest ein voller Erfolg: “Wir haben hier auf jeden Fall eine dreistellige Anzahl an Menschen vor Ort gehabt. Wir hatten alte und neue Nachbarn und Nachbarinnen und viele Leute die sich schon jetzt mit eingebracht haben.” Diese Präsenz und Energie in der Nachbarschaft, will das Team jetzt für ihre Projekte und die tägliche Arbeit nutzen.

Jeffrey Ziegler