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Jüdischer Friedhof Weißensee

Jüdischer Friedhof Weißensee
Jüdischer Friedhof Weißensee
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner
Bildvergrößerung: Schmiedeeiserne Grabanlage Lewinsohn / Netter, 2009
Schmiedeeiserne Grabanlage Lewinsohn / Netter, 2009
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner

Der Friedhof Weißensee entstand ab 1878 als vierter Jüdischer Friedhof in Berlin. In einem Wettbewerb wurde der Entwurf von Hugo Licht mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Der Architekt entwarf die in gelbem Backstein ausgeführten Friedhofsgebäude und gliederte die Grabfelder in Dreiecke, Rechtecke oder Trapeze. Die Kreuzungen der durch Baumalleen eingefassten Hauptwege bildeten einen Kreis, ein Quadrat oder ein Oktogon. Unmittelbar hinter dem Eingang liegt ein Rondell mit einem Gedenkstein für die 6 Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Juden. Rechts vom Eingang ist nahe der Trauerhalle eine Ehrenreihe für namhafte Persönlichkeiten jüdischen Glaubens aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft angelegt. Auf jüdischen Friedhöfen wird die Gleichheit der Menschen im Tode durch gleichhohe, schmucklose Grabsteine symbolisiert, die Grabstätten werden nicht neubelegt. In Weißensee besteht ebenfalls ewiges Ruherecht, aber die sich assimilierenden Juden übernahmen die zu wilhelminischen Zeiten auf deutschen Friedhöfen übliche, aufwendige Grabgestaltung. Daher befinden sich hier neben traditionell schlichten Grabsteinen auch prunkvolle Grabstätten. Insbesondere die architektonisch gestalteten Erbbegräbnisse sind von überdurchschnittlicher Qualität. Der Friedhof hat den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet überstanden und gilt heute als einer der größten seiner Art in Europa.

Historische Jüdische Friedhöfe Berlins: Digitales Leitsystem entwickelt

Bildvergrößerung: Wandelgang zur Trauerhalle, 2012
Wandelgang zur Trauerhalle, 2012
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Gesine Sturm

In Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt Berlin hat die Jüdische Gemeinde zu Berlin ein digitales Leitsystem für ihre drei historischen Friedhöfe entwickelt: für die jüdischen Friedhöfe in der Großen Hamburger Straße, in der Schönhauser Allee und in Weissensee.

Im Internet können die Informationen unter www.juedische-friedhoefe-berlin.de abgerufen werden, aber auch vor Ort mit Hilfe von Smartphones (QR-Code). In deutscher und in englischer Sprache bieten die neuen Seiten Informationen zur Geschichte der Friedhöfe und stellen einzelne Grabmale und die dort bestatteten Personen vor.

Bildvergrößerung: Grabstätte für geschändete Thorarollen, 2009
Grabstätte für geschändete Thorarollen, 2009
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Gesine Sturm

Gerade für den sehr großen Friedhof Weißensee – mehr als 115.000 Grabstellen auf ca. 40 ha – bietet das Informationssystem eine wertvolle Unterstützung. 1880 von dem Architekten Hugo Licht (1841–1923) im Nordosten Berlins angelegt, ist er heute Ruhestätte zahlreicher namhafter Persönlichkeiten aus dem Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftsleben des Deutschen Kaiserreiches (1871–1918) und der Weimarer Republik (1919–1933). Als bedeutendstes Geschichts- und Gartendenkmal seiner Art in Deutschland gehört er zudem zu den größten und besterhaltenen ausschließlich nach jüdischem Ritus belegte Begräbnisplätzen in Europa. Er repräsentiert eine viel beachtete Reform der traditionellen jüdischen Friedhofs- und Grabmalskultur und ist in der Diskussion als potenzieller Welterbe-Kandidat bei der UNESCO. 81 Grabanlagen mit ihren Verstorbenen werden nun mit näheren Informationen vorgestellt.

Jüdische Friedhöfe in Mittel- und Osteuropa

Fortsetzung der polnisch-ungarisch-deutschen Zusammenarbeit zum Thema „Jüdische Friedhöfe in Mittel- und Osteuropa“

Das Landesdenkmalamt Berlin setzt die bereits seit mehreren Jahren bestehende Zusammenarbeit mit polnischen, ungarischen und deutschen Vertretern Jüdischer Gemeinden, Wissenschaftlern, Denkmalpflegern und Kommunen, in deren Verantwortung sich Jüdische Friedhöfe befinden, fort. Berlin verfügt über einen bedeutenden Bestand an Zeugnissen jüdischer Bestattungskultur. Schon im Jahr 2006 haben der Berliner Senat und das Abgeordnetenhaus von Berlin auf Anregung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin beschlossen, den Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee aufgrund seiner außergewöhnlichen Bedeutung für die Vorschlagsliste der Bundesrepublik Deutschland zur Nominierung als Weltkulturerbe anzumelden; denn Grab- und Friedhofskultur zählen zu den weniger stark vertretenen Kategorien auf der Welterbeliste.

Der Jüdische Friedhof in Weißensee ist mit über 115.000 Grabstellen einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas und ein herausragendes kulturhistorisches Zeugnis. Das vollständig erhaltene Totenregister ist ein einzigartiges Dokument der Zeitgeschichte. Mit Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 12. Juni 2014 wurde empfohlen, für den Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee eine internationale serielle Nominierung unter dem Thema „Aschkenasische Friedhofskultur“ zu prüfen. Mit Weißensee vergleichbar sind in Europa bezüglich der Friedhofsgröße und des Grabmalbestands vor allem die jüdischen Friedhöfe in Warschau und Lodz sowie in Budapest.

Im Rahmen internationaler Arbeitstagungen zum Thema „Jüdische Friedhöfe in Mittel- und Osteuropa“ wurden 2016 sowie 2018 die Erkenntnisse eines ersten Vergleichs vorgestellt und diskutiert. Zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 legten das Landesdenkmalamt Berlin und ICOMOS Deutschland zudem eine von Rudolf Klein erarbeitete Studie zu 20 bedeutenden jüdischen Großstadtfriedhöfen in Mittel- und Osteuropa vor. Die detaillierte Untersuchung „Metropolitan Jewish Cemeteries of the 19th and 20th Centuries in Central and Eastern Europe” versteht sich auch als Beitrag zur Ermittlung von Welterbequalitäten jüdischer Friedhöfe und möchte Möglichkeiten einer transnationalen seriellen Welterbenominierung von jüdischen Begräbnisstätten in Europa ausloten.

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Restaurierte Wandgräber, 2010
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Gesine Sturm