Kabelwerk Oberspree

Kabelwerk Oberspree
Kabelwerk Oberspree
Bild: Landesdenkmalamt Berlin

Der Aufstieg Oberschöneweides zu einem der bedeutendsten industriellen Zentren Deutschlands begann 1889 mit der Erschließung weiter Flussauen an der Spree durch die Grundrentengesellschaft Wilhelminenhof. Die verkehrsgünstige Lage an der Wasserstraße und die Nähe der Eisenbahnverbindung Berlin-Görlitz war für die Industrieansiedlung ausschlaggebend. Der Aufbau der Industrieanlagen auf der “schönen Weide” begann ab 1895 im Zuge der “Randwanderung”, wie man die Auslagerung von Industriebetrieben aus der Stadt Berlin entlang wichtiger Verkehrsadern auch nennt.

Für den Aufschwung an diesem Ort maßgeblich verantwortlich war Emil Rathenau (1838-1915), der Gründer der AEG, der 1897 in Oberschöneweide das erste Drehstromkraftwerk Europas in Betrieb nahm. Mit der modernen Drehstromtechnik (dem heutigen Wechselstrom vergleichbar) konnte man im Gegensatz zum Gleichstrom erstmals die Stromversorgung über weite Strecken wirtschaftlich organisieren. Oberschöneweide steht also für den Beginn der flächendeckenden Elektrifizierung in Deutschland und Europa.

Mit der Entwicklung eines Drehstrommotors durch die AEG konnte diese neue Energie auch für die Revolutionierung der Produktionstechnik eingesetzt werden. Direkt neben dem neuen Kraftwerk erbaute die AEG die damals modernste Fabrik Europas, das Kabelwerk Oberspree, in dem auf Dampfmaschinen und umständliche Transmissionsantriebe verzichtet werden konnte, weil jede einzelne Maschine direkt durch einen eigenen elektrischen Motor angetrieben wurde. Die Produktion in großen, luftigen und hellen Hallen mit vergleichbar geringem Geräuschpegel begann.

In mehreren Bauphasen entstand ein einheitliches Ensemble aus Hallen und Stockwerksfabriken, einem Verwaltungsgebäude, in dem Rathenau selbst arbeitete, und einer Fabrikantenvilla. Für die Kabelherstellung waren Metallverarbeitung und die Produktion von Isoliermaterialien wie Gummi oder Textilien erforderlich. Um Synergieeffekte auszunutzen, baute Rathenau 1903 neben das Kabelwerk eine Automobilfabrik, in der auch Personenwagen zum Teil mit elektrischem Motor hergestellt wurden (NAG). Besonders während des Ersten Weltkrieges, als Walter Rathenau, der spätere deutsche Außenminister und Sohn von Emil Rathenau, die deutsche Rüstungsproduktion koordinierte, kam es zu weiteren Ausbaustufen. Die Automobilfabrik wurde in einen von Peter Behrens 1913-17 errichteten Neubau auf der gegenüberliegenden Straßenseite verlagert und das gesamte Gelände mit Kraftwerk, Kabelwerk und alter Automobilfabrik für das Kabelwerk genutzt.

Nach 1952 wurde das Kabelwerk als Volkseigener Betrieb (VEB) weitergeführt, konnte aber nach der Wende nicht mehr weiter bestehen. Ein Teil der Gebäude des Kabelwerks Oberspree wird seit 2006 von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) genutzt, für die die historische Anlage durch moderne Bauten ergänzt wurde.

Die Gestaltung der umfangreichen Fabrikanlagen in gelben Ziegelsteinen bindet die Anlage zu einer unverwechselbaren Einheit zusammen. Die Gesamtanlage der historischen Industriebauten ist nahezu vollständig erhalten und in der Berliner Denkmalliste verzeichnet.

Auszug aus der Denkmalkarte, 2014

Bildvergrößerung: Auszug aus der Denkmalkarte, 2014
Auszug aus der Denkmalkarte, 2014
Bild: Kohl, Ulrike
  1. Drahtfabrik, 1897, daneben Verwaltungsgebäude, 1897-98 von Paul Tropp
  2. Hallenblock I, darin Fabrik für Isoliermaterial, 1897, 1928 von Paul Tropp u.a.
  3. Hallenblock V, 1899-1900, 1929 von Paul Tropp u.a.
  4. Direktorenwohnhaus, 1901-1902 von Johannes Kraatz
  5. Press- und Stanzwerk, 1916 von Peter Behrens
  6. Hafenkran, nach 1950
  7. Kraftwerk Oberspree, 1895-1905 von Paul Tropp u.a.
  8. Nationale Automobilgesellschaft, 1913-17 von Peter Behrens

HTW-Campus
A. Dekanat Fachbereich 5 (ehem. Lagergebäude)
B. Information, AStA, FSR, Café (ehem. Automobilfabrik)
C. Dekanate Fachbereich 1, 2, 4, Computermuseum (ehem. Gummifabrik)
D. Hallen 5-7 Fachbereich 2
E. Fachbereich 2
F. Fachbereiche 1+2
G. Bibliothek, Mensa, Hörsäle, Kaffeebar
H. Forschungs- und Weiterbildungszentrum für Kultur und Informatik

Stand: 6/2014

Faltblatt-Impressum

  • Herausgeber: Landesdenkmalamt Berlin
  • Abbildungen:
    Luftbild – Philipp Meuser, HTW Berlin
    alle anderen Farbaufnahmen – Wolfgang Bittner, Landesdenkmalamt Berlin
    Karte – Ulrike Kohl, Landesdenkmalamt Berlin
  • Text: Ulrike Kohl, Landesdenkmalamt Berlin
  • Redaktion: Gesine Sturm, Landesdenkmalamt Berlin
  • Herstellung / Gestaltung: pro.fund gmbh / © Jo Hartmann
  • Aus der Reihe: Erkennen und Erhalten in Berlin 2014, Nr. 45