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Denkmaldatenbank

Bahnbetriebswerk des Anhalter Bahnhofs

Obj.-Dok.-Nr.: 09097788,T
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Trebbiner Straße
Hausnummer: 8 & 9
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Bahnbetriebswerk
Datierung: 1874-1879 & 1908 & 1912
Entwurf: Faulhaber
Bauherr: Berlin Anhaltische Eisenbahngesellschaft

Auch das Bahnbetriebswerk des Anhalter Bahnhofs, Trebbiner Straße 8-9, ist seit 1987/88 Teil des Deutschen Technikmuseums. Das Museum zeigt dort seine Eisenbahnsammlung in einem historischen Ambiente. Das Betriebswerk setzt sich zusammen aus zwei Rundlokschuppen, die ein Werkstattgebäude und ein Beamtenwohnhaus flankieren. In den Schuppen wurden Dampflokomotiven gereinigt, gewartet, mit Kohle, Wasser und Sand befüllt und kleinere Defekte repariert. Das Werkstattgebäude enthielt ursprünglich ein Wasserreservoir und eine Schmiede, das Beamtenhaus Aufenthalts- und Übernachtungsräume für das Lokpersonal. (1)

Der Entwurf für das Ensemble aus den Jahren 1873-74 stammt von dem Abteilungsbaumeister der Berlin-Anhaltischen Eisenbahngesellschaft Paul Faulhaber. Errichtet wurde es in Etappen: Zunächst entstanden der nördliche Lokschuppen mit 21 Ständen, das Werkstatt- und Beamtenwohnhaus sowie sieben Stände des südlichen Lokomotivschuppens. 1895, 1898 und 1905 wurde es auf 19 Stände und seine heutige Halbkreisform erweitert. In dieser Möglichkeit der Erweiterung lag der Vorteil des Rundschuppens, aufgrund dessen er sich ab 1870 gegenüber dem rechteckigen Typus durchgesetzt hatte. Ausbaufähig war auch der Hallenquerschnitt, der bis in die 1940er Jahre von ursprünglich 18 Metern auf 23,50 Meter wuchs, teils durch Verwendung einer asymmetrischen Trägerkonstruktion, teils durch seitenschiffartige Anbauten. Auf diese "Wachstumsringe" ist die vielgestaltige Ausformung der Hallenrückseite zurückzuführen. Die ursprüngliche Deckenkonstruktion der Hallen aus sehr fein profilierten, stählernen Fischbauchträgern ist noch erhalten. Sie liegen an der Innenseite des Halbkreises auf Stahlstützen auf und an der Außenseite auf Mauerwerkspfeilern. Die Traveen werden ganz von Holztoren ausgefüllt, die zur Drehscheibe führen.

Besonderes Augenmerk der Architekten galt der Ostseite des Ensembles, das in der spiegelbildlichen Anordnung der Rundschuppen mit ihren aufwendigen Giebeln rechts und links des Mittelbaus ein imposantes und repräsentatives Bild bietet. Aus gelbem Klinker aufgemauert, mit Zierformen, Schmuckfriesen und Konsolgesimsen aus roten Backsteinen, durch Wandpfeiler in Risalite gegliedert und durchbrochen durch Rundbogenfenster in mannigfachen Größen und Kombinationen wird hier ein für ein Zweckgebäude hoher Aufwand betrieben, der wohl dadurch zu erklären ist, dass das Betriebswerk für den von Süden nach Berlin Reisenden die erste "Visitenkarte" des noch imposanteren Bahnhofs der Berlin-Anhaltischen Eisenbahngesellschaft bildete. Um so mehr fällt die sparsame Gestaltung des an der Rückseite gelegenen Beamtenwohnhauses auf, eines dreieinhalbgeschossigen, im Grundriss trapezförmigen Backsteingebäudes mit gleichen Segmentbogenfenstern und Walmdach.

Als das Volumen des Wasserreservoirs im Anbau des Werkstättengebäudes für die neueren und größeren Lokomotiven nicht mehr ausreichte, errichtete 1908 die Dortmunder Firma August Klönne einen stählernen Wasserturm an der Südwestseite der Lokschuppen. Anders als die Wassertürme im städtischen Umfeld, die meist mit Mauerwerk ummantelt und architektonisch gestaltet sind, zeigt er seine Stahlkonstruktion und den kugelförmigen Wasserbehälter unverhüllt und entwickelt in seiner konstruktiven Direktheit und dem Gegensatz von Fachwerk und geschlossener Form eine ästhetische Qualität.

Drei Jahre später musste auch die Rauchabführung der Lokschuppen erneuert werden. In diesem Zusammenhang wurden drei neue, freistehende Schornsteine errichtet, von denen zwei erhalten sind.

Am Museumsparkplatz liegt das ehemalige Stellwerkgebäude aus dem Jahr 1912, das der Weichenregelung am Verbindungsgleis zwischen Anhalter und Postbahnhof diente. Seine Architektur knüpft nicht mehr an historische Stile an, sondern erinnert an die malerisch gruppierte Kompositionsweise der Landhausarchitektur nach 1900. Ein gesonderter Dachaufbau, eine umlaufende Durchfensterung und Klinkerverkleidung hebt das oberste Geschoss mit der "Kanzel" des Stellwerkleiters hervor.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die gesamte Anlage erheblich beschädigt, der nördliche Lokschuppen 1 teilweise zerstört. Bei der Umnutzung zum Museum wurde das Bahnbetriebswerk wieder aufgebaut, beim Lokschuppen 1 entschied man sich gegen eine vollständige Wiederherstellung und beließ, von einem gläsernen Durchgang aus erlebbar, einen ruinenhaften Hallenabschnitt mit zufälligem Bewuchs.


(1) BusB 1877, 3. Abschnitt, S. 72-73 und Beilage 5; Umbau des Anhalter Bahnhofes zu Berlin. Lokomotiv-Schuppen für 42 Personenzug-Lokomotiven. In: Zeitschrift des Architekten und Ingenieur Vereins zu Hannover 4 (1884), Blatt 17; BusB 1896, S. 283; Gleisdreieck. Ein Bahngelände in Berlin. Photographien von Hans W. Mende, Berlin 1982; Streckebach, Klaus: Die Baugeschichte des Bahnhofsgeländes. In: Museum für Verkehr und Technik, Schätze und Perspektiven. Ein Wegweiser zu den Sammlungen, Berliner Beiträge zur Technikgeschichte und Industriekultur, Schriftenreihe des Museums für Verkehr und Technik, Bd. 1, Berlin 1983, S. 8 ff.; Gottwald, Alfred B.: Der Anhalter Bahnhof und seine Lokomotiven, Düsseldorf 1986; BusB X B, S. 83 ff.; Klien, Peter/Noack, Klaus: Berlin Anhalter Bahnhof, Frankfurt a. M., Berlin - Wien 1984; Maier, Helmut: Berlin Anhalter Bahnhof. Architekt, Ingenieure und ausführende Firmen, Berlin 1984; Woll, Stefan: Berliner Wassertürme, Berlin 1986, S. 65 ff.; Janoschewski, Michael: Der Wasserturm der Bauart A. Klönne des Bahnbetriebswerkes Anhalter Bahnhof, Dokumentation eines technischen Baudenkmales, o. O., o. J.

Literatur:
  • BusB I 1877 / Seite 72-73 (3. Abschnitt und Beilage 5.)
  • BusB I 1896 / Seite 283
  • Klaus Streckebach: Die Baugeschichte des Bahnhofsgeländes in
    Museum für Verkehr und Technik, Schätze und Perspektiven. Ein Wegweiser zu den Sammlungen, Berliner Beiträge zur Technikgeschichte und Industriekultur, Schriftenreihe des Museums für Verke / Seite 8ff.
  • BusB X B 2 1984 / Seite 83ff.
  • Umbau des Anhalter Bahnhofes zu Berlin. Lokomotiv-Schuppen für 42 Personenzug-Lokomotiven in
    Zeitschrift des Architekten und Ingenieur Vereins zu Hannover (1884) 4 / Seite Blatt 17.
  • Stefan Woll: Berliner Wassertürme, Berlin 1986 / Seite 65ff.
  • Michael Janoschewski: Der Wasserturm der Bauart A. Klönne des Bahnbetriebswerkes Anhalter Bahnhof. Dokumentation eines technischen Baudenkmales, o.O., o.J.
    Helmut Maier, Berlin Anhalter Bahnhof. Architekt, Ingenieure und ausführende Firmen, Berlin 1 / Seite .
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 180 f.
Teilobjekt Lokschuppen
Teil-Nr.: 09097788,T,001
Sachbegriff: Lokomotivschuppen
Datierung: 1873-1879
Umbau: 1895 & 1898 & 1905 & 1906 & 1920 & 1922
Entwurf: Faulhaber
Teilobjekt Werkstattgebäude
Teil-Nr.: 09097788,T,002
Sachbegriff: Werkstatt
Datierung: 1873-1879
Entwurf: Faulhaber
Teilobjekt Beamtenhaus
Teil-Nr.: 09097788,T,003
Sachbegriff: Beamtenwohnhaus
Datierung: 1873-1879
Umbau: 1906
Entwurf: Faulhaber
Teilobjekt Wasserturm
Teil-Nr.: 09097788,T,004
Sachbegriff: Wasserturm
Datierung: 1908
Teilobjekt Stellwerksgebäude
Teil-Nr.: 09097788,T,005
Sachbegriff: Stellwerk
Datierung: 1912