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Denkmaldatenbank

Mehringplatz

Obj.-Dok.-Nr.: 09097784,T
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Mehringplatz
Hausnummer: 6 & 7 & 8 & 9 & 10 & 11 & 12 & 13 & 14 & 15 & 20 & 21 & 22 & 23 & 24 & 25 & 26 & 27 & 28 & 29 & 30 & 31 & 32 & 33 & 34 & 35 & 36
Strasse: Brandesstraße
Hausnummer: 7
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Stadtplatz
Entwurf: Scharoun, Hans & Düttmann, Werner (Architekt)

Der heutige Mehringplatz geht auf eine Erweiterung der Friedrichstadt in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts zurück. Im letzten Jahrzehnt der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. entstand der damals "Rondeel" genannte Platz als südlicher Abschluss der Friedrichstadt vor der gleichfalls neu errichteten Akzisemauer mit dem Halleschen Tor. In diesen Platz mündeten die drei Hauptstraßen der Friedrichstadt: die Wilhelmstraße im Westen, die Friedrichstraße als Mittelachse und die Lindenstraße im Osten. Der Platz war - wie die gesamte barocke Stadterweiterung - mit zweistöckigen Bürgerhäusern umbaut. 1815 erfolgte die Benennung in Belle-Alliance-Platz in Erinnerung an den Sieg über Napoleon. Erst 1839-43 nahm der Platz "Gestalt an" und in seinem Mittelpunkt wurde die Friedenssäule mit der Nike von Christian Daniel Rauch aufgestellt. Die gärtnerische Gestaltung des Platzes übernahm der Königliche Gartendirektor Peter Joseph Lenné. (1)

Die Bebauung des Platzes wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts fast ausgetauscht, bis er 1879, nach dem Abriss der Akzisemauer, mit den klassizistischen Torhäusern von Johann Heinrich Strack seine eindrucksvolle Form als südlicher, verkehrsreicher Eingang und Abschluss der Innenstadt angenommen hatte. Der Bau der Hochbahn im Jahr 1902 parallel zum Landwehrkanal mit dem Bahnhof Hallesches Tor und der U-Bahnbau zwischen 1923-25 werteten den Platz zusätzlich auf.

Das Gebiet der barocken Stadterweiterung Berlins mit den drei geometrischen Plätzen Pariser Platz, Leipziger Platz und Belle-Alliance-Platz wurde im Krieg stark zerstört. Der unmittelbar nach dem Krieg nach Franz Mehring umbenannte Platz konnte als erster wieder aufgebaut werden, weil er auf West-Berliner Gebiet lag und nicht wie die beiden anderen Plätze im Grenz- beziehungsweise Mauerstreifen zwischen Ost- und West-Berlin. Luftbilder der Nachkriegszeit zeigen den Platz vollständig abgeräumt. Während der gesamten 1950er Jahre lag das Gelände brach, doch fand die historische Form des Platzes in städtebaulichen Planungen der Nachkriegszeit Beachtung (2) wie zum Beispiel in einigen Beiträgen zum Wettbewerb "Bundeshauptstadt Berlin" 1957/58. (3) Diese Planungen nutzten das Rondell als überlieferten Orientierungspunkt in einer ansonsten neu zu gestaltenden Stadtlandschaft.

Erst 1962 wurde ein Wettbewerb für das Gebiet rund um den Mehringplatz ausgeschrieben, den Hans Scharoun gewann. Er hatte seine Lösung aus seinem Beitrag für den Hauptstadtwettbewerb übernommen, für den er den 2. Preis errungen hatte. Die markante Kreisform des Platzes, das Rondell, wollte er wieder erstehen lassen, aber er lenkte die Wilhelmstraße im Westen und die Lindenstraße im Osten und damit den gesamten Autoverkehr am Platz vorbei und machte ihn zu einer Fußgängerzone. Scharoun begründete die Übernahme der historischen Form folgendermaßen: "Die stetige Änderung des Stadtgefüges aufgrund der strukturellen Wandlung lässt Gebilde von besonderer Atmosphäre entstehen und überdauern. Es sind Orte denkmalhafter Struktur und Träger einer lebendigen Tradition. ... Heute können Rondell und Hallesches Tor in einer dritten Phase wieder Auferstehung erleben - als Raum der Besinnung." (4)

Die historische Platzform übernahm Scharoun aber nur in ihrer geometrischen Grundform: Tatsächlich verkleinerte er den Durchmesser nicht unerheblich. Dort, wo vor dem Krieg der Autoverkehr rund um den Platz geführt wurde, war nun der innere Gebäudering angeordnet. Auch der hermetische Abschluss der Fläche veränderte die Raumwirkung. Der Platz war nicht nur kleiner geworden, sondern auch privater.

Scharoun erhielt 1966 den Auftrag für einen ersten Bauabschnitt und errichtete zusammen mit Bodo Fleischer das Verwaltungsgebäude der Allgemeinen Ortskrankenkasse AOK im südwestlichen äußeren Ring mit einem angeschlossenen Hochhaus.

Werner Düttmann übernahm 1968 den ungleich umfangreicheren Auftrag für den zweiten Bauabschnitt. Die Planungsgrundlage für diesen Teil hatte sich inzwischen entscheidend verändert, da die Bebauung nun Wohnzwecken dienen sollte. Bauherr der Ringbebauung war die Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat. Düttmann behielt Scharouns Konzept der konzentrischen Ringe bei, zog diese aber weiter auseinander und fügte eine Wohn- und Einkaufsstraße zwischen die Ringe ein. Da er aber zugleich eine Geschossnutzungsflächenzahl von 2,0 (Kerngebiet) zu erzielen hatte, "erkaufte" er die niedrige Ringbebauung mit 10- bis 17-geschossigen, gestaffelten Hochhausscheiben im Norden und Osten, die das Areal unter anderem von der damals noch geplanten Autobahntangente abschirmen sollten. Insgesamt entstanden 1.550 Wohnungen, ein Altenwohnheim, ein "Gemeinschaftshaus" und eine Ladenzeile. Zum Denkmalbereich gehört jedoch nur der Platz mit der ringförmigen Bebauung.

Als "öffentlichen Platz und Wohnhof in einem" charakterisierte die Architekturkritikerin Martina Schneider den Mehringplatz 1975. (5) Damit beschrieb sie die Funktion des Platzes, die in Mauerzeiten konzipiert worden war. Heute endet die wieder durchgängige Nord-Süd-Verbindung Friedrichstraße in dieser von Wohnhäusern umgebenen Fußgängerzone, unter der ein viel benutzter U-Bahnhof liegt. Der Autoverkehr kann leicht von dem umgebenden Scharounschen Straßensystem aufgenommen werden.

Der von Hans Scharoun mit Bodo Fleischer entworfene Teil des äußeren Rings bildet mit einem außerhalb des Denkmalbereichs gelegenen Hochhaus die Hauptverwaltung der AOK. Der schlichte fünfgeschossige Abschnitt des äußeren Gebäuderings wird über einem leicht zurückspringenden, verglasten Erdgeschoss ausschließlich durch den Wechsel von gelb verklinkerten Brüstungs- und grün gerahmten Fensterbändern gegliedert und weist eine zwei Geschosse hohe, tief eingeschnittene Eingangshalle auf. (6)

Die viergeschossigen, auf Stelzen stehenden zweispännigen Wohngebäude des Innenrings von Werner Düttmann enthalten insgesamt hundert Drei- bis Dreieinhalb-Zimmer-Wohnungen. Die Hoffassade weist ein lebhaftes Relief auf: Mit jeder Fensterachse, die einem Zimmer im Inneren entspricht, springt die Flucht vor und zurück, den Takt geben dabei die leicht erhöhten Treppentürme vor, zumal nur sie auf dem Platzniveau stehen, während die Abschnitte dazwischen zu Durchgängen geöffnet sind. Über dem Durchgang zum Landwehrkanal ist eine zweigeschossige Brücke eingehängt, die Maisonettewohnungen enthält.

Die Bauten des Außenrings sind ähnlich gestaltet, aber um einen zweigeschossigen Sockel ergänzt, der mit horizontal durchlaufenden Sichtbetonbrüstungen weit vorkragt. Hier befinden sich Ladenlokale und Praxen, in den Wohngeschossen darüber erschließt jedes Treppenhaus je zwei Drei- und eine Ein-Zimmer-Wohnung. Insgesamt gibt es 99 Wohnungen. Auch hier gliedern kräftige Vor- und Rücksprünge die Fassade. Die Treppentürme sind an die Außenseite des Rings gelegt und durch tiefe Rücksprünge an beiden Seiten besonders hervorgehoben.

Die heutige Platzgestaltung stammt von Werner Düttmann und dem Gartenarchitekten Wa-lter Rossow. Für die Freiflächengestaltung des Platzes lieferte Rossow 1968 und 1969 Entwürfe, die jedoch nur zum Teil ausgeführt worden sind. (7) Auf Düttmann gehen die Gliederung des Platzes mit einer Hauptachse im Zuge der Friedrichstraße und auch das strahlenförmige, auf die Mitte zuführende System der Nebenwege zurück. Rossow sind die Befestigung der Wege mit Betonsteinen und Pflasterungen, die Bepflanzung der Rasenkompartimente mit frei angeordneten Bäumen sowie die rahmenden Hochbeete am Platzrand zuzuschreiben. In den teils terrassenartig angelegten Hochbeeten befinden sich kleine Kinderspielplätze und Pflanzungen aus Sträuchern, Stauden, Gräsern und Immergrünen sowie zahlreiche Ahornbäume. Auch die Pflanzung einer Platanenreihe im Innenring, die eine Reminiszenz an die schon im 19. und 20. Jahrhundert vorhandene Randbepflanzung des Platzes ist, geht vermutlich auf ihn zurück. (8)

Die ausgeführte Ringbebauung könnte man als "Kritische Rekonstruktion" eines historischen Orts mit den Mitteln der zeitgenössischen Architektur bezeichnen. Aus stadtbaugeschichtlichen Gründen wurde die in den 1960er Jahren bevorzugte Orientierung an einer rein funktionalen Stadtplanung zugunsten eines historischen Programms aufgegeben, um die Wiedererkennbarkeit der verlorenen historischen Stadt in den Wiederaufbaugebieten zu garantieren. Die Aufstellung der Denkmäler rekonstruiert den Gedenkplatz (Belle-Alliance-Platz) an die Befreiungskriege gegen Napoleon.


(1) Plan 1863 "Der Belle alliance Platz". In: Günther, Harri; Harksen, Sibylle: Peter Joseph Lenné, Katalog der Zeichnungen, Tübingen, Berlin 1993, Kat. Nr. 333, S. 127, 350; Günther, Harri: Peter Joseph Lenné. Gärten/Parke/Landschaften, Stuttgart 1985, S. 187; Hinz, Gerhard: Peter Joseph Lenné. Das Gesamtwerk des Gartenarchitekten und Städteplaners, Hildesheim - Zürich - New York 1989, S. 191.

(2) Vgl. die Übersicht in: "Idee, Prozeß, Ergebnis" - vier Planungsbeispiele zusammengestellt von Urban Thelen. In: Idee, Prozeß, Ergebnis. Die Reparatur und Rekonstruktion der Stadt, Ausst.-Kat., Berlin 1984, S. 374.

(3) Vgl. den Lageplan von Le Corbusier, abgebildet in: Hauptstadt Berlin, Internationaler Wettbewerb 1957/58, Ausst.-Kat., hrsg. v. Berlinische Galerie e.V., Berlin 1990, S. 118, darin sind unter anderem auch die Pläne von Walter Schwagenscheidt/Tassilo Sitmann (S. 138) und Johannes Hendrik van den Broek/Jacob Berend Bakema (S. 162) abgebildet. Schäche, Wolfgang: Der Hauptstadtwettbewerb 1957/58, Entwürfe gegen die Vergangenheit. In: Scheer, Thorsten/Kleihues, Josef Paul/Kahlfeldt, Paul: Stadt der Architektur, Architektur der Stadt, Ausst.-Kat., Berlin 2000, S. 251 ff.

(4) Scharoun, Hans: Erläuterungsbericht zum Wettbewerbsentwurf Mehringplatz, zit. n.: Hans Scharoun Bauten, Entwürfe, Texte, Neuausgabe des Bandes 10 der Schriftenreihe der Akademie der Künste, hrsg. v. Peter Pfankuch, Berlin 1993, S. 298-299. Immer wieder abgebildet wird ein Modellfoto, das, so die Bauwelt 41 (1966), S. 1135, die letzte Fassung des Bebauungsplans von Mai 1966 zeigt.

(5) Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg. In: Stadt und Wohnung, 4 (1975), S. 6.

(6) Die Scharoun/Fleischersche Fassung ist durch eine Sanierung bis 2014 verändert worden.

(7) Kuhn, Jörg, Büro Müller & Altmeyer: Kunsthistorisches Gutachten zum Projekt Neugestaltung des Mehringplatzes, Berlin 2001, S. 17.

(8) Kuhn 2001, S. 17 f.; Gröning, Gert/Wolschke-Bulmahn, Joachim: Grüne Biographien. Biographisches Handbuch zur Landschaftsarchitektur des 20. Jahrhunderts in Deutschland, Berlin - Hannover 1997, S. 323.

Literatur:
  • Der Kreuersche Plan für den Mehringplatz in Bauwelt 44 (1953) 3. / Seite 45
  • Günther Kühne: Die Bebauung des Mehringplatzes in Berlin in Bauwelt 57 (1966) 41. / Seite 1135
  • Hans Reuther, Die große Zerstörung Berlins: 200 Jahre Stadtbaugeschichte, Frankfurt a.M., Berlin 1985. / Seite 191
  • Am Mehringplatz "geht es rund" in Neue Heimat 4 (1971). / Seite 1ff
  • BusB IV B 1974 / Seite 594
  • Martina Schneider: Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg in Stadt und Wohnung, 11 (1975) 4 / Seite 1ff
  • Wolfgang Schäche: Zur Geschichte der südlichen Friedrichstadt in
    Josef Paul Kleihues (Hrsg.): Schriftenreihe zur Int. Bauausstellung 1984/87, Bd. 3, Südliche Friedrichstadt, Stuttgart 1987. / Seite 55ff
  • Justus Burtin: Vom Rondell zum Mehringplatz in
    Haila Ochs: Werner Düttmann, verliebt ins Bauen: Architekt für Berlin 1921-1983, Basel, Berlin, Boston 1990. / Seite 190ff
  • Berlinische Galerie e.V. (Hrsg.): Hauptstadt Berlin. Internationaler Wettbewerb 1957/58, Ausst.-Kat., Berlin 1990. / Seite S. 197
  • Peter Pfankuch (Hrsg.): Hans Scharoun Bauten, Entwürfe, Texte, Neuausgabe des Bandes 10 der Schriftenreihe der Akademie der Baukünste, Berlin 1993. / Seite 298f
  • Henry Nielebock: Berlin und seine Plätze, Potsdam 1996. / Seite 134f
  • Dieter Hoffmann-Axthelm: Das abreißbare Klassenbewusstsein, Gießen 1975. / Seite .
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 133 ff.
Teilobjekt Geschäftshaus & Mietshaus
Teil-Nr.: 09097784,T,001
Sachbegriff: Geschäftshaus & Mietshaus
Datierung: 1967-1975
Entwurf: Scharoun, Hans & Düttmann, Werner (Architekt)
Entwurf: Fleischer, Bodo (Gartenarchitekt)
Entwurf: Rossow, Walter
Bauherr: AOK & Neue Heimat
Teilobjekt Friedenssäule mit bekrönender "Viktoria"
Teil-Nr.: 09097784,T,002
Sachbegriff: Säule & Plastik
Datierung: 1840-1843
Entwurf: Cantian, Christian & Rauch, Christian Daniel (Bildhauer)
Teilobjekt Sitzfiguren "Friede" und "Klio"
Teil-Nr.: 09097784,T,003
Sachbegriff: Plastik
Datierung: 1878 & 1879
Entwurf & Ausführung: Wolff, Albert (Bildhauer)
Entwurf & Ausführung: Harzer, Ferdinand (Bildhauer)