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Denkmaldatenbank

Gaswerk Schöneberg

Obj.-Dok.-Nr.: 09066707,T
Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
Ortsteil: Schöneberg
Strasse: EUREF-Campus
Hausnummer: 3 & 15 & 15B & 16 & 17 & 18 & 19 & 20 & 21 & 22 & 23 & 24 & 25
Strasse: Torgauer Straße
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Gaswerk
Datierung: 1890-1951

Im Dreieck zwischen dem Cheruskerpark (1) sowie den Gleisen von Ring- und Wannseebahn erinnert das hoch aufragende eiserne Gerüst des "Schöneberger Gasometers" an den Standort des ehemaligen Gaswerks Schöneberg, Torgauer Straße 12-15. (2) Auf dem Gelände der 1871 von der englischen Imperial Continental Gas Association (ICGA) in Betrieb genommenen Gasanstalt, die bis 1945 das Gas für die Versorgung Schönebergs und der südwestlichen Vorortgemeinden herstellte, sind darüber hinaus weitere Bauten aus unterschiedlichen Ausbauphasen des Werkes erhalten; von diesen stehen sechs noch im Zusammenhang mit der ursprünglichen Gasproduktion. Sie dokumentieren die wechselvolle Baugeschichte des Gaswerks, das zu den ersten Betrieben außerhalb der Berliner Innenstadt und später zu den größten im Berliner Raum zählte. Insbesondere das erhaltene Traggerüst des 1910 fertig gestellten Gasbehälters, der damals einer der drei größten auf dem Kontinent war, ist heute ein in Berlin äußerst seltenes Dokument für die Entwicklung der Stadttechnik und für den Weg der Reichshauptstadt zur modernen Metropole. (3) Darüber hinaus zeugt die offene Eisenkonstruktion des Gasometers - im Unterschied zu früheren Gasbehältern mit massiver Ummauerung - vom Mut der englischen Gasgesellschaft, die erstmals und allen Widerständen und Protesten zum Trotz mit der reinen Ingenieursform - einem "Bauwerk von außerordentlicher Kühnheit" (4) - die Abkehr von traditionellen Architekturformen wagte. Zahlreiche Darstellungen des Schöneberger Gasometers in der zeitgenössischen Kunst demonstrieren die Radikalität und die Faszination, die diese Industrieanlage damals auch auslösen konnte. (5)

Der rasante Anstieg des Gasverbrauchs in Berlin und seinen Vororten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte den stetigen Neu- und Ausbau von Anlagen für die Gasproduktion erforderlich. Nachdem die ICGA die beiden ersten Gaswerke für die Berliner Straßenbeleuchtung knapp 20 Jahre erfolgreich betrieben hatte, richtete der Berliner Magistrat in den 1840er Jahren zusätzlich eigene Städtische Gasanstalten ein. Verfügbarkeit und Akzeptanz des Brennstoffs für die Beleuchtung von Straßen und Gebäuden, später auch für das Heizen und Kochen, nahmen in der Folgezeit - unter anderem auch durch die Konkurrenz der beiden Betriebe - innerhalb weniger Jahrzehnte enorm zu; um 1910 hatten in Berlin mehr als 98 Prozent aller Grundstücke einen Gasanschluss, 1914 gab es 33 Gaswerke. Das Schöneberger Gaswerk war 1871 als dritte Anlage der ICGA erbaut worden. Bereits Ende der 1880er Jahre reichte auch hier die Kapazität nicht mehr aus; 1889-91 wurde auf dem hinzu gekauften nördlichen Teil des heutigen Areals ein zweites Gaswerk neu errichtet, während die alten Anlagen nach und nach abgebaut wurden. In einer dritten Ausbauphase bis 1911 entstand der große Gasbehälter, dessen Außengerüst bis heute erhalten ist. 1917 wurde die im Ersten Weltkrieg liquidierte englische Gasgesellschaft von der Deutschen Gasbetriebs AG (6) übernommen. Da das Gaswerk Schöneberg wegen seines von Gleisen umschlossenen Standortes nicht erweitert werden konnte, wurden in den 1920er Jahren die technischen Anlagen zwar noch modernisiert und einige Gebäude verändert. Aber in den 1930er Jahren nahm seine Bedeutung als Produktionsstätte bereits ab; nach Kriegsschäden wurde hier 1946 die Gasherstellung endgültig eingestellt. Bis zu ihrer Stilllegung 1995 diente die Anlage der GASAG als Gasspeicher sowie als Lager-, Werkstätten- und Verwaltungskomplex. 2007 an ein privates Immobilienunternehmen verkauft, wird das Gelände seitdem als Gewerbe- und Veranstaltungsort entwickelt. (7)

Die drei ältesten der heute auf dem Gelände vorhandenen Bauten wurden im Zusammenhang mit dem Bau des Gaswerks ab 1889 errichtet. Der Entwurf der gesamten Anlage stammte - wie bereits 1871 - von Leonard George Drory, dem Leiter der Gasanstalt; für Konstruktion und Gestaltung der schlichten roten Rohziegelbauten, die mit Elementen der Märkischen Backsteingotik (Gesimse, Pfeilervorlagen, Blendgiebel etc.) gegliedert sind, zeichneten der Ingenieur Richard Cramer und der Architekt Alfred Messel verantwortlich. (8) Von dieser zweiten Bauphase zeugen noch die östliche Hälfte des ehemaligen Retortenhauses und das Kesselhaus mit Wasserturm, beide 1889-91 errichtet. Das Retortenhaus, in dem ursprünglich in einer hohen offenen Halle lange Ofenbatterien für die Herstellung von Gas aus Steinkohle standen, war als Eisenkonstruktion mit gusseisernen Stützen, Fachwerkträgern und eisernen Dachbindern sowie verklinkerten Außenwänden ausgeführt. Die Ostfassade gliederte Messel horizontal mit wuchtigen abgetreppten Strebepfeilern, die dem Bau einst eine repräsentative Wirkung verliehen. 1927-28 wurde das Retortenhaus vom Architekten Paul Karchow umgebaut, wobei die bis heute erhaltene Osthälfte mit Zwischendecken und Sheddächern zu einem Lager- und Werkstattgebäude umfunktioniert und die Öfen abgerissen wurden; der Westteil wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Das ehemalige Kesselhaus von 1890 mit Wasserturm, der 1923-24 um ein Geschoss erhöht wurde, ist hingegen weitgehend erhalten. Das lang gestreckte zweigeschossige Gebäude, ebenfalls ganz aus Eisenstützen und Ziegeln errichtet, ist mit Blendbögen, Strebepfeilern und Segmentbogenfenstern gegliedert; der Wasserturm erhielt bei der Aufstockung ein Satteldach mit Treppengiebeln. (9) Das Magazingebäude im südlichen Teil des Geländes wurde 1890 errichtet, möglicherweise unter Verwendung älterer Bauteile eines Reinigerhauses, und 1898 durch die Architekten Schulz & Schlichting erweitert. Umbauten im Jahr 1907 und eine Aufstockung mit Eisentragwerk 1911 führte Paul Karchow durch. Das lang gestreckte zweigeschossige Backsteingebäude ist mit Blendgiebeln, Segmentbogenfenstern und sparsamem Dekor gestaltet.

Im Zuge des stetigen Ausbaus der Gasanstalt war südlich der Einfahrt von der Torgauer Straße 1898 nach Entwurf von Schulz & Schlichting das so genannte Reglerhaus als kleines Backsteingebäude mit Satteldach, Firstlaterne und Treppengiebel entstanden; es erhielt 1950 einen niedrigen Flachdachanbau am Westgiebel. Ebenfalls von Schulz & Schlichting wurde im Jahr 1900 im nördlichen Teil des Geländes eine Schmiede errichtet. Sie wurde 1904 durch einen Werkstattanbau von Paul Karchow erweitert; das Glasvordach an der Westseite wurde 1953 angefügt. Das eingeschossige, aus zwei leicht unterschiedlich hohen Bauteilen bestehende Backsteingebäude ist wie die übrigen Bauten mit abgetreppten Blendgiebeln, strebepfeilerartigen Wandvorlagen, Segmentbogenfenstern und Zahnschnitt gegliedert und in vielen Details gut erhalten.


(1) Der Cheruskerpark wurde in den 1950er Jahren auf dem Bahndamm der ehemaligen Südring-Spitzkehre angelegt. Diese Gleise verbanden zwischen 1882 und 1945 die Ringbahn mit der Potsdamer bzw. Wannseebahn.

(2) BusB 1896, Bd. I, S. 376 f., 379 ff.; Der Schöneberger Gasometer. In: Die Bauwelt 1 (1910), Nr. 18, S. 19; Haspel, Jörg: Gasometer-Denkmalpflege. In: Großstadtdenkmalpflege, Erfahrungen und Perspektiven (Beiträge zur Denkmalpflege, Heft 12), hrsg. vom Landesdenkmalamt Berlin, Berlin 1997, S. 45-48; Eggert, Stefan: Spaziergänge in Schöneberg, Berliner Reminiszenzen Nr. 78, Berlin 1997, S. 94 ff.; Lepiorz, Stephan: Das Gaswerk Schöneberg in der Torgauer Straße, Berlin 2005; BusB X A (2), S. 21, 26 f., 29, 39 f., 42, 325, 329 f.; Tomisch, Jürgen: Gaswerk Schöneberg, Berlin, Torgauer Straße 12-15, Baugeschichtliche Dokumentation, unveröff. Gutachten, Berlin 2007.

(3) Von ehemals 33 Gasbehältern (bis 1914) gibt es heute noch drei in Berlin: Neben dem Schöneberger Gasometer sind das der gemauerte Gasometer in der Fichtestraße 4-12 in Kreuzberg und der Gasbehälter des Gaswerks Mariendorf in der Lankwitzer Straße. Vgl. Haspel, Jörg: Gasometer-Denkmalpflege. In: Großstadtdenkmalpflege, Erfahrungen und Perspektiven (Beiträge zur Denkmalpflege, Heft 12), hrsg. vom Landesdenkmalamt Berlin, Berlin 1997, S. 45-48.

(4) Bruno Möhring, Gutachten zur Genehmigung des Gasometers, 1912. Zit. n. Haspel, Jörg: Gasometer-Denkmalpflege. In: Großstadtdenkmalpflege, Erfahrungen und Perspektiven (Beiträge zur Denkmalpflege, Heft 12), hrsg. vom Landesdenkmalamt Berlin, Berlin 1997, S. 48.

(5) U.a. von Lyonel Feininger, Ludwig Meitner, Ludwig Kirchner, Hams Baluschek. Vgl. Tomisch, Jürgen: Gaswerk Schöneberg, Berlin, Torgauer Straße 12-15, Baugeschichtliche Dokumentation, unveröff. Gutachten, Berlin 2007, S. 196 ff.

(6) Heute GASAG. Zur Geschichte der Gasunternehmen in Berlin vgl. Lepiorz, Stephan: Das Gaswerk Schöneberg in der Torgauer Straße, Berlin 2005, S. 87 ff.

(7) Der so genannte EUREF-Campus (Europäische Energie Forum) wird als Standort für Unternehmen aus der Energie- und Technologie-Branche vermarktet, anfangs mit der Idee, eine private Energie-Universität zu gründen.

(8) Die Beteiligung Messels ist nicht in den Bauakten, sondern nur in der zeitgenössischen Literatur (Deutsche Bauzeitung 24 (1890), S. 455 f.) zu finden. Jedoch hatte Alfred Messel, der seit 1888 als selbstständiger Architekt in Berlin arbeitete, bereits bei seinem ersten eigenständigen Bau mit Cramer zusammengearbeitet. Vgl. Lepiorz, Stephan: Das Gaswerk Schöneberg in der Torgauer Straße, Berlin 2005, S. 49 f.

(9) 2009-11 wurde das Retortenhaus saniert und Büro-, Gastronomie- und Ausstellungsräume darin untergebracht. Das 2011-12 sanierte Kesselhaus verfügt über unterschiedlich große Räume für Veranstaltungen und ein Café im Wasserturm.

Literatur:
  • BusB I 1896 / Seite 379 - 383
  • N.N./ Das Schöneberger Gasometer in Bauwelt 1 (1910) 18 / Seite 19 (Abb.)
  • Körting, E., Über Gasbehälter in
    Journal für Gasbeleuchtungund Wasserversorgung 56 (1913) 27 / Seite 650-656 (s. besonders S. 655-656, Figur 657)
  • Möhring, Bruno: Gutachten, in: Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung 56 (1913) 27 / Seite 656 - 658
  • Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 8 (1921/22) / Seite 17, 25, 76-77 (Abb.)
  • Bamag 1872 - 1922. Festausgabe zur Halbjahrhundertfeier der Berlin-Anhaltischen Machinenbau-Aktien-Gesellschaft, Berlin (1922) / Seite 334-335 (Abb.)
  • Meyer, Peter, Über die Schönheit der Ingenieurbauten in
    Schweizerische Bauzeitung 84 (1924) 14 / Seite 165, 167
  • Winz: Es war in Schöneberg, 1964 / Seite 68-69, 90
  • Bethold, Werner, Schöneberg - eine Gegend in Berlin, Berlin 1977 / Seite 101 (Abb.)
  • Lange, Karl-Ludwig: Plickart, Peter:... und jetzt schauen wiruns einen Gasometer an; in: Bauwelt 72 (1981) 47 / Seite 2086 - 2094 (mit Abb.)
  • Schul-Opela, Jan: In 72 Meter Höhe über den DächernSchönebergs. Der Gasspeicher an der Torgauer Straße wird Jahre 75 alt, in: Tagesspiegel, 07.04 1985 / Seite .
  • Hoff: Streifzüge, 1985 / Seite 35-38 (Abb.)
  • Karner, Stefan; Wichniarz, Peter J.: Berliner Wassertürme, Berlin 1987 / Seite 249-346 (Abb.)
  • Knapp, Christian, Die Englische Gasanstalt, in: Die Rote Insel, 1989 / Seite 73-78
  • Gruhn-Zimmermann, Antonia: Berliner Baudenkmale. Beispiele. Niederdruck-Gasbehälter, Gaswerk Schöneberg, Torgauer Straße 12-15, in: Verloren - gefährdet - geschützt, Berlin 1988 / Seite 192 (mit Abb.)
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland - Denkmale in Berlin, Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Ortsteil Schöneberg, Petersberg 2018 / Seite 269-298
  • Lepiorz, Stephan: Das Gaswerk Schöneberg in der Torgauer Straße, Berlin 2005 Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Ortsteil Schöneberg, Petersberg 2018 / Seite S. 296 f.
Teilobjekt Reglerhaus EUREF-Campus 25
Teil-Nr.: 09066707,T,001
Sachbegriff: Reglerhaus
Strasse: EUREF-Campus
Hausnummer: 25
Datierung: 1898
Entwurf: Schulz & Schlichting (Architekt)
Teilobjekt Magazin EUREF-Campus 3
Teil-Nr.: 09066707,T,002
Sachbegriff: Magazin
Strasse: EUREF-Campus
Hausnummer: 3
Datierung: 1890
Umbau: 1898
Entwurf: Schulz & Schlichting (Architekt)
Teilobjekt Kesselhaus & Wasserturm EUREF-Campus 18 & 19
Teil-Nr.: 09066707,T,003
Sachbegriff: Kesselhaus & Wasserturm
Strasse: EUREF-Campus
Hausnummer: 18 & 19
Datierung: 1890-1891
Umbau: 1923-1924
Entwurf: Droyr, Leonard & Cremer, Richard & Messel, Alfred (Architekt)
Teilobjekt Schleusenhaus EUREF-Campus 20
Teil-Nr.: 09066707,T,004
Sachbegriff: Schleusenhaus
Strasse: EUREF-Campus
Hausnummer: 20
Datierung: um 1951
Teilobjekt Niederdruckgasbehälter "Schöneberg IV"
Teil-Nr.: 09066707,T,005
Sachbegriff: Gasbehälter
Strasse: EUREF-Campus
Hausnummer: 17
Datierung: 1908-1910
Entwurf: BAMAG
Teilobjekt Retortenhaus EUREF-Campus 16
Teil-Nr.: 09066707,T,006
Sachbegriff: Retortenhaus
Strasse: EUREF-Campus
Hausnummer: 16
Datierung: 1889-1891
Datierung: 1927-1928
Entwurf: Drory, Leonard & Cremer, Richard & Messel, Alfred (Architekt)
Teilobjekt Schmiede
Teil-Nr.: 09066707,T,007
Sachbegriff: Schmiede & Werkstatt & Lagerhaus
Strasse: EUREF-Campus
Hausnummer: 15
Datierung: 1900
Umbau: 1904
Entwurf: Schulz & Schlichting (Architekt)
Entwurf: Karchow, P.