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Denkmaldatenbank

Rathaus Schöneberg

Obj.-Dok.-Nr.: 09066565
Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
Ortsteil: Schöneberg
Strasse: Am Rathaus
Hausnummer: 9
Strasse: John-F.-Kennedy-Platz
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Rathaus
Datierung: 1911-1914 & 1950
Entwurf: Dübbers, Kurt
Entwurf: Jürgensen und Bachmann

Auch das 1911-14 nach Entwurf des Architekturbüros Jürgensen & Bachmann errichtete Rathaus Schöneberg, John-F.-Kennedy-Platz, wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und ab 1948 zum Teil vereinfacht wieder aufgebaut. (1) Das als Rathaus der aufstrebenden Großstadt Schöneberg erbaute Gebäude, das ab 1920 nur noch der Verwaltung des Groß-Berliner Bezirks Schöneberg diente (2), erlangte vor allem zwischen 1949 und 1993 als Regierungssitz West-Berlins (3) überregionale Bekanntheit. Als Schauplatz bedeutender Ereignisse der Berliner Nachkriegsgeschichte wurde das Schöneberger Rathaus zu einem der wichtigsten Symbole für die geteilte Stadt. Bekannt sind die Reden des Bürgermeisters Ernst Reuter 1948 oder des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1963, dem zu Ehren später der Rathausplatz benannt wurde, wie auch die Proteste anlässlich des Schah-Besuchs 1967 oder der Auftritt der Regierenden nach der Maueröffnung im November 1989. (4)

Die Entstehungsgeschichte des Gebäudes begann bereits um 1900, kaum zehn Jahre nach der Fertigstellung des "Alten Rathauses" am Kaiser-Wilhelm-Platz. (5) Diskussionen um das Baugrundstück und den Architektenentwurf verzögerten jedoch den Baubeginn bis 1911. Ab Anfang 1913 konnte das neue Gebäude bezogen werden, zur ersten Sitzung im neuen Haus trafen sich die Stadtverordneten im März 1914. (6) Die architektonische Gestaltung des renommierten Architektenduos Peter Jürgensen und Jürgen Bachmann (7) war typisch für die Zeit um 1910, als die Städte vor den Toren Berlins Bedeutung und Anspruch ihrer immens gewachsenen Kommunen mit repräsentativen Monumentalbauten zum Ausdruck zu bringen suchten. (8) So ist auch das Schöneberger Rathaus als imposante, unregelmäßig gegliederte Mehrflügelanlage mit markantem Uhrturm freistehend an einem großzügigen Platz und entlang des damals neu angelegten Stadtparks errichtet worden. Aufwendig gestaltete Repräsentationsräume und Sitzungssäle sowie die zweigeschossige Eingangshalle mit breiten Treppenaufgängen sind zum Vorplatz orientiert, die rückwärtigen Bauteile beherbergen die Bürotrakte. Das Äußere des viergeschossigen Baus mit hohen Walmdächern ist durch verputzte Fassaden mit ionischen Kolossalpilastern und eine hohe Sockelzone in Sandstein gestaltet. Auch die gliedernden Architekturteile (Gesimse und Bauschmuck), die in Sandstein ausgeführt sind, und der reiche plastische Fassadenschmuck, Figuren der Bildhauer Johannes Hinrichsen und Ludwig Isenbeck, tragen zum abwechslungsreichen Erscheinungsbild bei. Als Wandrelief an der Südseite des Gebäudes ist ein Denkmal für den Freiherrn vom Stein von Hugo Lederer (1914) und neben dem Hauptportal eine Gedenktafel für John F. Kennedy von Richard Scheibe (1964) angebracht. (9)

In den ersten Nachkriegsjahren konnten im zerstörten Rathaus nur Aufräumungsarbeiten durchgeführt werden. Erst nach der Teilung Deutschlands und dem Einzug der West-Berliner Stadtverordnetenversammlung samt Senat und Regierendem Bürgermeister im Dezember 1948 war der Wiederaufbau des Rathauses, der zwei zerstörten Flügel und des Turmes möglich geworden, der bis 1955 abgeschlossen war. Bereits 1950 waren der Plenarsaal fertig gestellt und der Turm in veränderter Form (ohne Turmhaube und mit offenen Schallluken) für die Aufnahme der Freiheitsglocke nach Entwurf von Kurt Dübbers neu aufgebaut. (10) Die Glocke, ein Geschenk der Amerikaner an die Bürger Berlins, läutete am 24. Oktober 1950 zum ersten Mal. Umfangreiche Umbau- und Renovierungsarbeiten wurden 1978-88 durchgeführt. (11) Seit der Rückkehr der Berliner Landesregierung in das Rote Rathaus in Berlin-Mitte 1993 wird das Schöneberger Rathaus wieder ausschließlich von der Bezirksverwaltung genutzt. Von der ursprünglichen Ausstattung im Inneren haben sich trotz der zahlreichen Baumaßnahmen bedeutende Teile erhalten. Dazu gehören unter anderem das Vestibül, die Haupthalle mit ihren figürlichen und ornamentalen Majolika-Schmuckplatten, die Brandenburghalle mit großformatigen Fresken, Teile des Goldenen Saales, des Bürgermeisterzimmers oder der Verwaltungsbücherei sowie die Ausstellungshalle und mehrere Säle und Treppenhäuser. (12)


(1) Willen 2014; Welz/Goeters 1995; Welz, Wilfried: Rathaus Schöneberg, Ein Rathaus in und für Berlin, Berlin 1989; Welz, Wilfried: Das Rathaus Schöneberg im Wandel der Zeiten, Berlin 1987; BusB III, S. 14 ff., 54 f.

(2) Mit dem "Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin" wurden Schöneberg und Friedenau 1920 als Bezirk Schöneberg nach Groß-Berlin eingemeindet. Das Rathaus wurde Sitz des Bezirksbürgermeisters.

(3) 1945-93 Sitz des Berliner Abgeordnetenhauses, 1949-91 Sitz des Regierenden Bürgermeisters, 1914-2001 Verwaltung von Berlin-Schöneberg, seit der Fusion mit dem Bezirk Tempelhof Verwaltung des Bezirks Tempelhof-Schöneberg.

(4) Willen 2014, S. 16 ff.; Welz/Goeters 1995, S. 81 ff.

(5) Altes Rathaus (ehem. Kaiser-Wilhelm-Platz 3-3A): 1890-92 nach Entwurf des Baurats Friedrich Schulze errichtet, im Zweiten Weltkrieg zerstört, 1954 abgerissen. Vgl. Willen 2014, S. 9 f.; Welz/Goeters 1995, S. 10.

(6) Endgültige Fertigstellung und Bauabnahme im Februar 1917. Vgl. Willen 2014, S. 14.

(7) Peter Jürgensen (1873-1954) und Jürgen Bachmann (1872-1951) kannten sich seit ihrer Ausbildung in Eckernförde und dem Studium an der Technischen Hochschule Berlin in Charlottenburg. Von 1903 bis 1918 arbeiteten sie als Bürogemeinschaft. Werke in Berlin u.a.: Gymnasium in Friedrichshagen, St. Markuskirche in Steglitz, Pfarrkirche Karlshorst, Taborkirche in Wilhelmshagen, Jesus-Christus-Kirche in Dahlem (nur Jürgen Bachmann). Vgl. Ribbe/Schäche 1987, S. 598, 629.

(8) Zum Beispiel die Rathäuser in Charlottenburg (1899-1905), Steglitz (1896-97), Treptow (1909-10) oder Spandau (1910-13), alle vom Architekturbüro Reinhardt & Süßenguth entworfen und ausgeführt.

(9) Zum plastischen Schmuck: Darstellungen verschiedener Handwerks- und Handelstätigkeiten sowie bürgerlicher Tugenden (das sog. "Gute Regiment"). Vgl. Willen 2014, S. 32 ff.; Welz/Goeters 1995, S. 33 ff.

(10) Wiederaufbau 1950-55: Im Turm wurden zwei Betondecken eingezogen (1966 Auffangwanne eingebaut, nachdem sich der Klöppel gelöst hatte). Mitte der 1970er Jahre Restaurierung der Glocke und der Betondecken, dabei die Figuren am Turm durch Abgüsse ersetzt. Vgl. Willen 2014, S. 41 ff.; Welz/Goeters 1995, S. 68 ff., 76 ff.

(10) Umbau- und Renovierungsarbeiten 1978-88: Modernisierung von Plenarsaal und Empfangshalle, Ausbau von Dach- und Sockelgeschoss, Neugestaltung Casino, Erweiterung Bibliothek, Sanierung Sanitäranlagen etc., 1986/87 im Goldenen Saal Gemälde des Malers Matthias Koeppel.

(11) Vgl. Willen 2014, S. 21 ff.; Welz/Goeters 1995, S. 92 ff.

(12) Sämtliche Innenräume des Schöneberger Rathauses werden mit allen Details ihres historischen Bestandes ausführlich beschrieben in: Willen 2014, S. 54 ff.

Literatur:
  • Wille, Klaus-Dieter/ Spaziergänge in Schöneberg, Berlin 1981 / Seite S. 87f.
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Ortsteil Schöneberg, Petersberg 2018 / Seite 213 f.