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Denkmaldatenbank

Kammergericht (ehem. Alliierter Kontrollrat)

Obj.-Dok.-Nr.: 09066442
Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
Ortsteil: Schöneberg
Strasse: Elßholzstraße
Hausnummer: 30 & 31 & 32 & 33
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Gericht
Datierung: 1909-1913
Entwurf: Thoemer, Paul & Mönnich, Rudolf & Vohl, Carl (Architekt)
Bauherr: Preußische Bau- und Finanzdirektion

Als einer der am besten überlieferten Staatsbauten des Deutschen Kaiserreichs dokumentiert das 1913 fertig gestellte Gebäude des Kammergerichts, Elßholzstraße 30-33, mit seiner mehr als einhundertjährigen Nutzungsgeschichte sämtliche Epochen des 20. Jahrhunderts: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit, Nachkriegszeit und Kalter Krieg, Maueröffnung und Wiedervereinigung. Als Preußisches Kammergericht, Reichsgerichtshof, Sitz des Alliierten Kontrollrats und der Alliierten Luftsicherheitszentrale für Berlin bis 1990 und seitdem als Kammergericht, dem höchsten Berliner Gericht, wurde das 1991-97 restaurierte Bauwerk (1) am westlichen Rand des Kleistparks zu einem unvergleichlichen Zeugen der Zeitgeschichte. (2) Darüber hinaus vertritt der breit gelagerte neobarocke Gerichtspalast, 1909-13 unter Leitung von Rudolf Paul Thoemer und Rudolf Mönnich errichtet, eindrucksvoll den auf Repräsentation abzielenden Stil offizieller wilhelminischer Architektur. (3) Mit seiner imposanten Hauptfront wendet er sich zum Park und zu den 1910 an die Potsdamer Straße versetzten Königskolonnaden.

Die gewaltigen Baumassen des insgesamt fünfgeschossigen Gebäudes sind in drei parallele Längsflügel gegliedert und durch kurze Querriegel miteinander verbunden, sodass sieben unterschiedlich dimensionierte Innenhöfe ausgespart sind. Im Gegensatz zu den schlichten Rück- und Nebenfassaden ist die parkseitige Hauptfassade mit ihrem weit vorspringenden Mittelrisalit mit breiter Vorfahrt durch plastischen Schmuck in Schlesischem Sandstein besonders hervorgehoben: Über den drei Rundbogenportalen des Eingangs mit reich dekorierten Eisen-Rahmungen erhebt sich der Balkon der Beletage, mit Balustrade und behelmten Putten geschmückt. Kolossale Halbsäulen und Pilaster gliedern den Mittelteil, über dem im Frontispiz eine mächtige vergoldete Wappenkartusche prangt. Antike Frauenköpfe, Adler und kleinere Kartuschen über den Fenstern ergänzen das ikonographische Programm, das sich mit seinen allegorischen Darstellungen auf Macht und Anspruch der staatlichen Gerichtsbarkeit und des Kaiserreichs bezieht. Im Inneren des mehr als 500 Räume und 17 Säle fassenden Gebäudes entfaltet die elliptische Haupttreppenhalle mit geschwungener Freitreppe, offenen Rundbogenumgängen und einer reich stuckierten Kuppel eine besondere Pracht. Auch die Nebentreppenhäuser sind mit bronzenen Treppengeländern und Holzvertäfelungen kunstvoll ausgestattet. Der mehr als 200 Quadratmeter große Plenarsitzungssaal mit Parkettboden, Stuck und einem Deckengemälde von Albert Maennchen, in dessen Mittelbild allegorische Frauengestalten die Begriffe Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit darstellen, ist sowohl gestalterischer Höhepunkt als auch geschichtsträchtiger Ort. Hier fand der Schauprozess des "Volksgerichtshofes" gegen Beteiligte am Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 statt, hier konstituierte sich der Alliierte Militärgerichtshof, der seine Fortsetzung in den "Nürnberger Prozessen" fand. Für die an den Saal anschließende Präsidentenwohnung hat der Architekt und Raumkünstler Bruno Paul die Gesellschaftsräume entworfen. (4)


(1) Restaurierung, Umbau und Erweiterung durch Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte (Dachausbau, Aufzüge, Restaurierung der Treppenhäuser, Flure, Haupttreppenhalle, Türen, Holzvertäfelungen, Stuck, Sitzungsräume, Empfangs- und Arbeitszimmer des Präsidenten und des Oberstaatsanwalts, Bibliothek, im Plenarsaal Erhalt des Parketts und der Deckengemälde).

(2) Nägele/Markert 2006, S. 32 ff.; Draeger, Volkmar: Wie geht's altes Haus? Auf Schatzsuche zu Berliner Baudenkmalen, Berlin 2006, S. 77 ff. Das 1468 erstmals urkundlich erwähnte Kammergericht war seit 1879 Oberlandesgericht für die gesamte Provinz Brandenburg und oberstes Landesgericht für das Königreich Preußen. Es war untergebracht im 1734-35 von Philipp Gerlach errichteten "Collegienhaus" in der Lindenstraße (heute Teil des Jüdischen Museums). Seit 1904 gab es Überlegungen zu einem Neubau. In der NS-Zeit fanden im Gerichtsgebäude am Kleistpark "Schauprozesse" des Reichsgerichtshofes (Sitz in der Bellevuestraße) statt. 1945-90 wurde das Gebäude von den Alliierten genutzt, heute ist es Sitz des Kammergerichts (Oberlandesgericht Land Berlin) wie auch des Verfassungsgerichtshofes (Land Berlin) und der Generalstaatsanwaltschaft Berlin.

(3) Rudolf Paul Thoemer (1851-1918) und Rudolf Mönnich (1854-1922), mit ihren Mitarbeitern Carl Vohl (1853-1932) und Baurat Fasquel, waren als Baubeamte zuständig für zahlreiche Justizgebäude in Berlin, u.a. für das Land- und Amtsgericht in der Littenstraße (1896-1904), das Amtsgericht Schöneberg (1901-06) oder das Kriminalgericht Moabit (1902-06). Vgl. Kieling 2003, S. 336.

(4) Bauwelt 4 (1913), Nr. 49, S. 21; Moderne Bauformen 12 (1913/14), S. 35-46 (Max Osborn: Bruno Pauls Säle im Neuen Kammergericht zu Berlin). Einrichtung von Bruno Paul und seinen Schülern von der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums Berlin, aus den Fachklassen des Bildhauers Wackerle und des Malers Emil Rudolf Weiß. Möbel und Textilien sind nicht mehr vorhanden, Wandfassungen und plastischer Schmuck, Parkett, Kamin und Türen wurden 1991-97 freigelegt und restauriert.

Literatur:
  • Zentralblatt der Bauverwaltung 33 (1913) 75 / Seite 489-492
  • Holtze, F., 500 Jahre Geschichte des Kammergerichts in
    Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins (1913) 47 / Seite 246-247
  • Bauwelt 4 (1913) 49 / Seite 21
  • Vohl, C., Der Neubau für das Kammergericht in Berlin in
    Zeitschrift für Bauwesen 65 (1915) 10-12 / Seite 519-548
  • Popp, Joseph/ Bruno Paul, München o.J. (1916) / Seite 46-55
  • BusB III 1966 / Seite 75
  • Wille, Klaus-Dieter/ Spaziergänge in Schöneberg, Berlin 1981 / Seite 27-35
  • Viergutz/ Schöneberg, 1988 / Seite 79-80
  • Architekturführer Berlin, 1991 / Seite 124, Obj. 203
  • Gutzke, Peter-Jörg/ Kammergerichtsgebäude Elßholzstraße in
    In/ Reparieren, Renovieren, Restaurieren. Vorbildliche Denkmalpflege in Berlin, Berlin 1998 / Seite 58f.
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Ortsteil Schöneberg, Petersberg 2018 / Seite 97f.