Landgericht Berlin: Gewalttätige Flucht aus Gerichtssaal mit Freiheitsstrafe (PM 45/08)

Pressemitteilung vom 20.10.2008

Die Präsidentin des Kammergerichts
- Pressestelle der Berliner Strafgerichte -

Die 2. große Strafkammer des Landgerichts Berlin hat heute den Angeklagten Martin R. wegen vorsätzlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Freiheitsberaubung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Hintergrund der heutigen Verhandlung war die spektakuläre Flucht des Angeklagten am 5. September 2006 während der Mittagspause einer gegen ihn geführten Hauptverhandlung vor einer großen Strafkammer des Landgerichts Berlin.
R. hatte einen Justizwachtmeister während der am 50. Verhandlungstag erfolgten mittäglichen Rückführung im hinter dem Verhandlungssaal gelegenen Sicherheitsbereich von hinten überwältigt, nach mehrminütigem Kampf gefesselt, geknebelt und unter Drohungen an einen Heizkörper gebunden. Bedient hatte sich der Angeklagte hierfür mehrerer selbst gefertigter Streifen von Geschirrhandtüchern, die er trotz intensiver Kontrollen in den Vorführbereich verbracht hatte. Mithilfe der Schlüssel des Wachtmeisters schloss sich der Angeklagte aus dem Sicherheitsbereich aus, ließ den leeren Saal hinter sich und verließ unentdeckt das Kriminalgericht Moabit über den Haupteingang. Der geschädigte Justizwachtmeister erlitt Prellungen und eine Schürfwunde am Hals, vor allem aber war er durch das Geschehen traumatisiert: Angstzustände bestimmten zunächst sein Leben und bedingten seine Arbeitsunfähigkeit für ein halbes Jahr. Noch heute ist er an einem anderen Standort des Landgerichts eingesetzt.

Martin R. wurde in Abwesenheit am 19. September 2006 u.a. wegen gewerbsmäßigen Betrugs zunächst zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von elf Jahren und sechs Monaten verurteilt; nach einer teilweisen Aufhebung dieses Urteils und Zurückverweisung durch den Bundesgerichtshof hat ihn kürzlich die 11. große Strafkammer des Landgerichts Berlin zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von acht Jahren und neun Monaten verurteilt. Bei dieser Verhandlung war der Angeklagte wieder anwesend: Bereits am 23. Januar 2007 konnte er erneut festgenommen und in Untersuchungshaft genommen werden.

Er zeigte sich heute im Wesentlichen geständig, entschuldigte sich bei dem Geschädigten und erklärte, die Flucht sei eine Verzweiflungstat gewesen, er habe unter der bereits seit über zwei Jahren andauernden Untersuchungshaft unter verschärften Bedingungen gelit-ten. Diese indes fanden ihren Grund auch in einem Kassiber, bei das man dem Angeklagten bereits im Dezember 2004 gefunden hatte und das handschriftliche Aufzeichnungen des Angeklagten enthielt, die auf einen geplanten gewaltsamen Ausbruch aus der Untersuchungshaft hindeuteten.

So nahm ihm die Strafkammer seine Einlassung, die Flucht sei gewaltlos geplant gewesen, er habe einen Überraschungsmoment ausnutzen, zum Saalfenster „sprinten“ und mit zuvor aus Geschirrhandtuch gefertigten Streifen aus dem 3. Stock des Kriminalgerichts abseilen wollen, auch nicht ab. „Wir sind überzeugt, dass es von Anfang an genauso geplant war“, erklärte der Vorsitzende im Rahmen seiner mündlichen Urteilsbegründung.

Das Urteil ist rechtskräftig; sowohl Angeklagter als auch Staatsanwaltschaft haben auf die Einlegung von Rechtsmitteln verzichtet.

Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Justiz Nr. 73 / 2006 vom 6. September 2006
Pressemitteilungen der Pressestelle der Berliner Strafgerichte Nr. 31/2006 vom 5. Sep-tember 2006
Nr. 34/2006 vom 19. September 2006
Nr. 4/2007 vom 24. Januar 2007
Pressemitteilung der Generalstaatsanwaltschaft Berlin 47 / 2005 vom 3. Juni 2005
Presseberichterstattung vom 24. August 2005 bis 17. Juli 2008

Iris Berger
Pressesprecherin