Das Gerichtsgebäude Tegeler Weg

Um 1900 setzte in Berlin auf dem Gebiet des Gerichtswesens eine umfassende Bautätigkeit ein. Insgesamt 17 Neubauten entstanden. Für die Einrichtung eines dritten Landgerichtsbezirks, zuständig für die nordwestlich bis nordöstlich gelegenen, stadtnahen Kreise von Nauen und Bernau bis Strausberg, stellte die Stadt Charlottenburg ein Grundstück in landschaftlich schöner Umgebung an einer im Entstehen begriffenen, im Angesicht des Charlottenburger Schlossparks verlaufenden Spreeuferstraße zur Verfügung.

Das Gebäude wurde als Königliches Landgericht III Berlin in Charlottenburg in zwei Abschnitten 1901 bis 1906 und 1912 bis 1915 von dem Wirklichen Geheimen Oberbaurat Paul Thoermer und dem Regierungs- und Geheimen Baurat Rudolf Mönnich errichtet. Es ist dem vom damaligen Kaiser Wilhelm II bevorzugten Baustil der Romanik nachempfunden. Ende des letzten Jahrhunderts wurde am Tegeler Weg ein weiterer Bauteil angegliedert.

Der erste Bauteil bildete einen langgestreckten Baukörper mit geringer Tiefe entlang des Tegeler Wegs bis zur Osnabrücker Straße. Hoch oben über dem Eingangsportal steht der preußische Wahlspruch „suum cuique“ (lat. „Jedem das Seine“). Der Eingangsbereich wird von einer auf einem Löwenthron sitzenden Justitia beherrscht. Ihre Augen sind verbunden. Auf ihrem rechten Knie ruht ein Gesetzbuch, ihre linke Hand ist auf einen „fasces“ (lat.: „Rutenbündel“) gestützt. Infolge des unerwartet schnellen Anwachsens der Geschäfte in Zivilsachen wurde es erforderlich, die Erweiterung des Gebäudes in Angriff zu nehmen. Es entstand auf dem Grundstück entlang der Osnabrücker Straße und der neu angelegten Herschelstraße ein zweiter Bauteil. Der im August 1914 beginnende Erste Weltkrieg verzögerte die Bauarbeiten nur kurze Zeit.

Im Juli 1933 wurden die drei Landgerichte zu einem Landgericht Berlin am Standort in der Littenstraße verschmolzen. Am Tegeler Weg waren in der Folgezeit das Arbeitsgericht, danach ein Teil des Bezirksamtes Charlottenburg und ein Postamt untergebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm mit amerikanischer Unterstützung ein als Gegengewicht zu dem von der sowjetischen Besatzungsmacht im Ostteil Berlins eingerichteten Bezirksgericht gebildetes, mit sechs Zivilkammern ausgestattetes Landgericht seine Tätigkeit auf. Es residierte in mehreren Villen in Zehlendorf und wurde vom Berliner Volksmund bald „Villengericht“ genannt. Erst Ende 1950 kehrten die Zivilkammern in das Gebäude des ehemaligen Landgerichts III am Tegeler Weg zurück.

Das weitere Ansteigen des Geschäftsanfalls führte bald zu erneuter Raumnot. 1987 konnte ein am Tegeler Weg in nördlicher Richtung angefügter Erweiterungsbau dem Landgericht übergeben werden. Der architektonischen Herausforderung, ein altes mit einem neuen Gebäude zu verbinden, stellte sich der Architekt Gerd Rümmler.

Nach der Wiedervereinigung der Stadt im Oktober 1990 sind die Zivilkammern und die Gerichtsverwaltung zunächst in Berlin-Charlottenburg verblieben. Im Zuge zahlreicher Veränderungen sind sie in den Folgejahren zwischen den Standorten Tegeler Weg und Littenstraße verteilt worden. Auch die Präsidentin des Landgerichts hat ihren Sitz seit dem Jahr 2006 im Dienstgebäude Littenstraße.