Report: Wie der Weihnachtsurwald entsteht

Report: Wie der Weihnachtsurwald entsteht

Warum schiefe Weihnachtsbäume weniger giftig sind.

  • Weihnachtsurwald (1)© Plant Storage
  • Weihnachtsurwald (5)© Plant Storage
  • Weihnachtsurwald (3)© Plant Storage
  • Weihnachtsurwald (2)© Plant Storage
  • Weihnachtsurwald (4)© Plant Storage
  • Weihnachtsurwald (1)© Plant Storage

Andreas Frädrich steht in der Plantage mit den Nordmanntannen. Es ist wie Landschaft aus überquellendem, sattem Grün, Tannen aller Größen und Farben soweit der Blick reicht. Hier aber ein Tuff meterhohe Brennnesseln, mittendrin haben sich die Brombeeren mächtig ausgebreitet und wachsen unverschämt rein in die Weihnachtsbäume. Da etwas Schilfgras, und dann wieder ganz freie Partien von Moos durchzogen, da könnte man sich glatt reinlegen so sattgrün und weich ist der Boden. „Bei den Brombeeren muss man schon mit schwerem Gerät ran. Unangenehme Arbeit“, ächzt Frädrich und macht weiter: Er sucht B-Ware aus - Nordmanntannen für den Weihnachtsurwald, Weihnachtsbäume die per Definition zu hässlich sind als Weihnachtsbaum. Er markiert große und kleine Bäume und ist ganz versunken in seine Tätigkeit. Es nieselt etwas, November eben, ideales Gärtnerwetter eigentlich. “Bäume markieren ist fast schon eine meditative Arbeit“, erklärt er, während er in den schottischgrünen Gummistiefeln weiter bottet. Ein Feldhase, aufgeschreckt, hoppelt weiter. „Immer wieder sehe ich einen ganz besonders gewachsenen Baum, ein Unikat, dann bin ich ganz begeistert“, so Frädrich. Und schwupp ist die Markierung dran. Ein Fasan ruft, fast eine kitschige Szene ein bißchen wie aus Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, aber der Schnee fehlt noch. mehr

Der Weihnachtsurwald lebt

Zurück auf den Boden der Realität. „Das Unkraut ist ein naturgemäßes Dickicht, was nicht besonders vorteilhaft ist in der Weihnachtsbaumzucht. Die unteren Äste der Tannen verkahlen. Woanders kommt da einfach Glyphosat rauf und fertig“, so Frädrich, während er wieder an einer Tanne ein bunten Wimpel anbringt. Hier geht es nicht zu wie in auf vielen konventionellen Plantagen: Damit die Bäume sattgrün und symmetrisch angeboten werden können, wird über ein knappes Jahrzehnt oft massiv Chemie eingesetzt. Der Baum darf da nicht wachsen, wie er es im Wald täte. Soll heißen: besonders schöne Bäume sind besonders viel gespritzt. Aber nicht hier im Weihnachtsurwald. Es ist der Wald der krummen und ungehörigen Weihnachtsbäume – authentischer geht es nicht.

Er freut sich wieder mal: „Dies Tanne ist besonders kurios“. Es ist eigentlich kein Baum, sondern ein Nadelbusch, wie eine Knüppelkiefer, noch viel schlimmer. Die Spitze fehlt komplett. Früher ein Scheidungsgrund, wenn der Familienvater damit nach Hause käme. Frädrich klärt auf. „Dies sind Bäume, die wir in Dekoration zum Beispiel für Veranstaltungen einsetzen und dann eine wunderschöne skandinavische oder alpine Anmutung erzeugen“, so Frädrich. Überhaupt setzt er auf Natur auch bei der Dekoration. „Es gibt ein zunehmendes Überangebot billig produzierter Artikel aus Fernost“, ärgert sich Frädrich. Kein Wunder dass die Meere im Plastikmüll ersticken. „Uns wird uns suggeriert, ein paar Zweige vom Nadelbaum und eine Kerze sind nicht genug. Dabei gibt es super Dekorationsmöglichkeiten mit Moosen, altem Geästen, Tannenzapfen oder Heidekraut. Er sieht darin auch einen neuen Trend, übrigens auch zu echten Mini-Weihnachtsbäumen etwa auf der Kommode. Im Weihnachtsurwald bekommen Interessierte dazu auch Ratschläge und Material. mehr

Gesunde Bäume sind Voraussetzung

Wonach er die Bäume hier aussucht?“ Unbedingt gesund müssen sie sein, keine Schädlinge oder Krankheiten. Dann sucht er gerne auffällige Laubfarben aus. Und besonders flauschige Nadeln, oder ganz kurze. Er mag besonders hellgrüne Exemplare. Manche sehe aus wie 1000-Euro teure Bonsais, schwärmt Frädrich, und hält inne: Am liebsten würde er alle mitnehmen. Es ist ein wenig wie Weihnachtsbaumgott spielen. „Die wollen doch alle mit und ein neues Zuhause finden, meint er und macht wieder einen Wimpel ran und bekennt Farbe: “Die sind hier doch extra für Weihnachten gemacht. Als Wildfutter sind die doch die meisten zu schade.“ Bei den allermeisten Bäumen würde der Kunde gar nicht bemerken, dass die nicht 1A gewachsen wären.

Es gibt auch einige die sind völlig kahl, da steht nur noch ein Holzgerippe. Frädrich lacht: „Das ist was für welche, die zu Weihnachten richtig schocken wollen.“ Hier ist eben alles Natur. Nicht so geleckt wie in der Bilderbuchwelt aus dem Computer, die vielen Verbrauchern vorgegaukelt wird. Warum Frädrich hier durch die Botanik robbt, hat auch einen schnöden Grund. „Der Kunde gibt für Nachhaltigkeit und Qualität ungern mehr Geld aus“, beklagt er und führt weiter aus: „ Baumschulware hat aber ihren Preis. Es ist wie mit dem Fleisch beim Discounter. Die Leute nehmen noch lieber die billige Ware.“ Manche können es sich auch schlichtweg nicht leisten. „Aber beim Geschmack beim Fleisch, da werden die Leute immer kritischer.“ Daher grämt er sich nicht, sondern sieht in seinem Projekt Weihnachtsurwald eine riesen Chance - und es macht ihm mächtig viel Spaß. mehr

Weihnachtliche Naturlandschaft mitten in Berlin

Spaß weil kleine Landschaften entstehen mitten in der Stadt, die mehr mit Weihnachtsromantik zu tun haben als die lieblos übereinander gestapelten, abgeholzten Kameraden, die nach den Festtagen wieder massenhaft entsorgt würden. Freude bereite es ihm auch, da er mit allen Billiganbietern preislich mithalten kann. Plastikbäume, ausgestochene oder abgeholzte Bäume kosten genauso viel wie seine Bäume, die man aber nach dem Weihnachtsfest wieder auspflanzen kann. „Das sind hier echte wertvolle Lebewesen, Nutzpflanzen“, ist Frädrich überzeugt. „Nach Weihnachten wird der Baum wieder ausgepflanzt, und wird eben nicht weggeschmissen“, so Frädrich und kommt in Fahrt: „Da wird immer was von klimaneutralen Weihnachtsbäumen erzählt, und trotzdem werden jeden Weihnachten Flächen abgeholzt in der Größe des halben Schwarzwalds – nämlich 29 Millionen Bäume. Und Frädrich macht die Rechnung auf: Lässt man einen Weihnachtbaum 100 Jahre wachsen, dann würde dieser 0,7 Tonnen Kohlenstoff speichern bzw. 2,6 Tonnen Co2 absorbiert. „Alles was platt gemacht wird für ein paar Tage Glanz im Wohnzimmer kann nicht klimaneutral sein“, bringt Frädrich es auf den Punkt.

6 Monate Garantie gibt er auf jeden verkauften Baum, die er zuweilen auch die „lustigen Tannen“ nennt. „Lustig ist ja schon ein Hinweis, dass unsere Kunden viel Freude mit unseren Bäumen haben“ - Erfahrungswerte aus dem letzten Jahr. Frädrich zeigt dabei wieder auf einen unmöglichen Baum, oben mit dicken Zapfen drauf wie aus dem Märchenwald, aber unten ganz schön rasiert. Es stecke so viel Arbeit, Zeit und Geld drin – 8 bis 10 Jahre in jedem Tannenbaum. Ein kleiner schwarzer Schlauch ist verbunden mit jedem Bäumchen hier. „Alles computergesteuert“, so Frädrich. Die Düngergabe, das Bewässerung. Jahrelang werden die Tannen bemuttert. Was für ein Aufwand. Nicht nur das. Jeder Baum ist Topf-in-Topf gezogen bzw. „verschult“ wie man das in der Fachsprache auch nennt, denn die Pfahlwurzel würde sonst ihren Weg durch den Topf hindurch suchen und gekappt werden bei der Ernte. Also steht ein Topf in dem anderen. Der Wurzelballen bleibt im Topf. Sonst wäre ein Wiederauspflanzen erfolglos. „Im Topf gezogen“ nennt man dieses Prinzip auch im Handel. mehr

Weihnachtsbäume zur Miete

Manche der Bäume hier heute fallen endgültig durch das Raster, wenn Frädrich nicht mit der Knipse kommt und den bunten Wimpel festmacht, der einem Freifahrtschein gleichkommt in die leuchtende Weihnachtswelt. Viele der Bäume kommen dann an verschiedene Plätze in Berlin und werden dort zu Weihnachtsurwald liebevoll gestaltet, wo man sich seinen günstigen Lieblingsbaum aussuchen kann. Ohne Axt im Walde, versteht sich. Natürlich hat nicht jeder einen Garten oder Wald. Daher werden die Weihnachtsäume auch hauptsächlich vermietet.

Das geht sogar elektrisch. Früher kam der Weihnachtsmann mit dem Schlitten, Frädrich fährt los mit dem E-Mobil, ganz leise, mit einem Streetscooter wie die Post ihn auch hat. Ein Rentier prankt da auf der Seitentür und drüber steht: Ich stehe ganz schön unter Strom. „Wenn schon klimaneutral dann richtig. Ich bin Co2-frei unterwegs in doppelter Mission“, gesagt, getan, und Frädrich braust lautlos davon wie in einem Film aus Starwars, den Kofferraum voller Tannen für den nächsten Kunden.

Frädrich hat sich viel Gedanken gemacht mit dem Klimawandel. Unglaublich auch wie viele Unternehmen oder Politiker urplötzlich sich nachhaltig geben. Greenwashing hin oder her, Frädrich sieht die Protestbewegungen sehr positiv und auch seine Zeit gekommen. Er sieht mehr Chancen als Risiken und setzt auf Innovationsgeist. Ein Mann muss einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen und ein Haus bauen, heißt ein altes Sprichwort. Frädrich schmunzelt, denn die allermeisten, die einen Weihnachtsbaum aussuchen, sind Kundinnen. Zu 85%, ergänzt er. Einige kämen mit der ganzen Familie, um mal zu sehen wo so ein Baum herkommt und das Pflanzen nach Weihnachten nicht auf den Müll gehören: „Es ist ein bißchen wie mit der Lila-Kuh: Die Zeiten ändern sich, und das ist auch gut so.“ mehr

Aktualisierung: 20. November 2019