Grüne Welle für Toleranz und Mitmenschlichkeit: 125 Jahre „Berliner Ruder-Club Welle-Poseidon e.V.“

Steglitz-Zehlendorf – Das Rudern gehört nicht unbedingt zu den wichtigsten Disziplinen von Politikerinnen und Politikern. Nur hin und wieder müssen sie „zurückrudern“, um diese überstrapazierte Metapher zu bemühen. Am Großen Wannsee wird viel und gerne gerudert, und zwar im Vor- und Rückwärtsgang. Am 12. März 2019 wurde aber ausnahmsweise nicht gerudert, sondern ordentlich gefeiert, galt es doch das 125. Gründungsjubiläum des Traditionsvereins „Welle-Poseidon“ würdig zu begehen. Politik und Sport waren aus diesem Anlass reichlich im Clubhaus direkt am See vertreten.

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Bild: BRC Welle-Poseidon e.V.

Historischer Überblick seit 1894

Als der „Berliner Ruderclub Welle“ 1894 aus der Taufe gehoben wurde, saß Kaiser Wilhelm II. auf dem Hohenzollernthron und amtierte ein gewisser Robert Zelle (1892-1898) als „Oberbürgermeister der Königlichen Hauptstadt Berlin“. Den Zeitgenossen galt das Rudern damals als „Boom-Sportart“, Vereine schossen in den 1890er Jahren wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. 1906 fusionierte der „Berliner Ruderclub Welle“ mit dem 1896 gegründeten „Berliner Ruder-Club Poseidon“ zum „Berliner Ruder-Club Welle-Poseidon e.V.“ und entwickelte sich zum durch und durch bürgerlichen Verein im Südwesten der Stadt. Jahrzehntelang war Frauen die Vereinsmitgliedschaft versperrt, was sich erst durch eine Satzungsänderung 1975 endgültig änderte. Unter Druck der Gestapo musste man sich im Olympiajahr 1936 zwangsweise in „Jüdischer Ruder-Club Welle-Poseidon in Berlin“ umbenennen. Bemerkenswert ist die unmittelbare Vorgeschichte: Anstatt die jüdischen Vereinskameraden aktiv auszuschließen, hatten sich die christlichen bzw. nichtjüdischen Mitglieder spontan entschlossen, ihrerseits den Verein zu verlassen. Dazu muss man wissen, dass sich Welle-Poseidon von Anfang an weltanschaulich-religiöse Neutralität auf die Fahnen geschrieben hat. Noch 1933 bestand der Verein etwa zur Hälfte aus Juden und sogenannten „Ariern“. Während der Nazizeit wurden zahlreiche Vereinsmitglieder in die Emigration getrieben und auf alle Kontinente verstreut. Von dort aus wurde die Verbindung mit den in Deutschland verbliebenen Vereinskameraden noch jahrzehntelang aufrechterhalten. Nach etlichen Turbulenzen im Zusammenhang mit Nachkriegs-Wiedergründung, Berlin-Blockade und Teilung Berlins ist Welle-Poseidon spätestens in den 1960er Jahren dauerhaft am Wannsee angekommen: Der Grundstein für das aktuell noch genutzte Bootshaus wurde Anfang Dezember 1962 gelegt, die Einweihung erfolgte im September 1964. Seither rudert man in ruhigem Fahrwasser und erfreut sich steigender Mitgliederzahlen.

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Bild: BRC Welle-Poseidon e.V.

Bezirksamt und Senat unter den Festgästen

Mit Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski und dem für Sport zuständigen Bezirksstadtrat Frank Mückisch war das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf bei der Jubiläumsveranstaltung ebenso vertreten wie die Senatsverwaltung für Inneres und Sport: Als Bremerin ähnlich nahe am Wasser gebaut wie die Wannseer Ruderfreunde, überbrachte Anke Precht die Glückwünsche des Senats. „Leidenschaften werden in der Jugend entfacht“, stellte die Koordinatorin der landeseigenen Sportstätten treffend fest und appellierte an den Verein, die „tolle Jugendarbeit“ fortzusetzen. Frau Richter-Kotowski schloss ihre Ansprache mit der Ermutigung an den Verein, den Weg der Toleranz und Mitmenschlichkeit weiterzugehen, am parallelen Angebot von Leistungs- und Breitensport festzuhalten und für Jung und Alt offen zu bleiben: „Alles richtig gemacht. Weiter so!“ Das Berliner Abgeordnetenhaus war durch den lokalen Mandatsträger Stephan Standfuß vertreten.

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Bild: BRC Welle-Poseidon e.V.

Grußworte aus dem Bereich Sport

Die Glückwünsche des Landessportbundes Berlin (LSB) überbrachte dessen Vorsitzender Thomas Härtel, vormaliger Bezirksstadtrat für Bildung, Kultur, Jugend und Sport im Bezirk Steglitz. Härtel zeichnete ein Rundum-Wohlfühl-Bild vom Rudersport: Dieser spiegele ein „Lebensgefühl“ wieder und sei zusammen mit den übrigen Wassersportarten in Berlin „toll aufgestellt“. Er könne durch Integration von Menschen mit Behinderung zudem auch ein deutliches Zeichen für Inklusion und gegen Ausgrenzung setzen. Die Riege der Sportfunktionäre rundeten Helmut Griep als Ehrenvorsitzender des Deutschen Ruderverbandes (DRV) sowie Karsten Finger, Vorsitzender des Landesruderverbandes Berlin (LRV), ab. Selbstkritisch räumte Finger Defizite seines Spitzenverbandes in der Aufarbeitung der unrühmlichen Zeit zwischen 1933 und 1945 ein. Tatsächlich haben Historiker herausgefunden, dass viele Vereine den „Arierparagraphen“ gründlich umsetzten und nichtarische Sportler ab 1933 in vorauseilendem Gehorsam mit aller Macht aus den Vereinen drängten. Karsten Finger, der auch Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona war, gelobte Besserung und forderte darüber hinaus, sich im Sinne einer „Gender-Parität“ noch mehr als bisher um weiblichen Nachwuchs im Rudersport zu bemühen. Gender-Parität ist bei Welle-Poseidon bereits erfüllt, wie Vereinsvorsitzender Detlef Heinrich in seiner Einführungsrede nicht ohne Stolz verkündete: Unter den rund 230 aktuellen Mitgliedern seien bereits die Frauen in der Mehrheit. Eine gute Nachricht wenige Tage nach dem 8. März, der im Land Berlin 2019 erstmals als gesetzlicher Feiertag begangen wurde. Heinrich ging sogar noch einen Schritt weiter und adelte das Rudern kurzerhand als „tolerantesten Sport der Welt“.

Musikalisches Bühnenprogramm mit den „Berlin Comedian Harmonists“

Als Conférencier der Festveranstaltung wusste der Theater- und Fernsehschauspieler Hans-Jürgen Schatz zu überzeugen. Mit geschliffener Rhetorik führte er durch das Programm und zählte dabei Welle-Poseidon „zu den besten Adressen“ im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Bei dieser Einschätzung regte sich zu Recht kein Widerspruch. Zu den Vertretern aus Politik und Sport gesellten sich schließlich die Vertreter hoher Sangeskunst: Dass es gelang, die „Berlin Comedian Harmonists“ ins sprichwörtliche Boot zu holen, spricht für den Stellenwert des Clubs. Das international renommierte Vokalensemble entführte mit seinen Gassenhauern in das Berlin der 1920er Jahre und sorgte mit seinen einfühlsamen Liedern („Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“) für die eine oder andere Träne der Rührung.

Frank Mückisch beglückwünscht „Welle-Poseidon e.V.“

„Warum rudern?“ fragt Welle-Poseidon auf seiner Internetseite und räumt gleichzeitig ein, dass der Rudersport „nicht gerade als Hype in aller Munde“ sei. Obwohl das so ist, stellt der Verein richtigerweise fest, dass das Rudern „Balsam für Körper und Seele und ein umweltfreundlicher Sport noch dazu ist“. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Sportstadtrat Frank Mückisch wünscht dem Club eine glückliche Hand bei der Mitgliederwerbung, damit der Rudersport und mit ihm die übrigen Wassersportarten eine gute Zukunft am Standort Wannsee haben. Welle-Poseidon hat das angesichts seiner Historie mehr als verdient. In vorbildlicher Weise wird Leistungs- und Breitensport am Wannsee gefördert, und zwar für alle Altersklassen und unabhängig vom Geschlecht. Der Verein hat sich zu Toleranz und Menschlichkeit verpflichtet, wie es auf einer 2014 am Eingangstor zum Clubgelände angebrachten Gedenktafel heißt. „Der Sportstandort Steglitz-Zehlendorf kann stolz auf den Jubilar sein, einem Verein, wo Toleranz und Zusammenhalt zwischen den Generationen tagtäglich gelebt werden“, betont Frank Mückisch. Die Villa, in der am 20. Januar 1942 die sogenannte „Wannseekonferenz“ stattfand und mit ihr der absolute Tiefpunkt dessen erreicht wurde, wozu Menschen in der Lage sind, liegt nur einen Steinwurf vom Vereinsgelände entfernt. Die geographische Nähe mahnt die Vereinsmitglieder immer wieder aufs Neue zu Toleranz und Zusammenhalt – über alle Grenzen von Religionen und Weltanschauungen hinweg. „Ohne Rücksicht auf Politik oder Konfession“ ist so etwas wie das Motto des Vereins. Der Verfasser der druckfrisch zum 125. Jubiläum erschienenen Festchronik hat es ganz bewusst als Überschrift gewählt. Gleich eingangs stellt die Festschrift Welle-Poseidon als einen Verein vor, „den es eigentlich gar nicht mehr geben sollte, wenn das nationalsozialistische Deutschland statt seiner überlebt hätte“. Gott sei Dank ist es anders gekommen. Der Verein und mit ihm der Wassersportstandort Wannsee lebt. Und wie!