Nur Schweben ist schöner: Trendsportart „Discgolf“ schwer im Kommen

Steglitz-Zehlendorf – In unserer Nachbarstadt Potsdam, kaum einen Frisbeewurf von Steglitz-Zehlendorf entfernt, hat sich ein Verein mit Namen „Hyzernauts e.V.“ etabliert, der sich den verschiedenen Disziplinen des Sports mit der flachen Wurfscheibe verschrieben hat. Schwerpunktmäßig betreiben die Potsdamer Sportsfreunde eine besondere Variante ihrer Sportart, die sich „Discgolf“ nennt und in Deutschland noch weithin unbekannt ist. Das soll sich bald ändern, wie man nicht nur in Brandenburgs Hauptstadt, sondern auch jenseits der Ufer von Havel und Wannsee meint. Hyzernauts e.V. hat seinen Webauftritt mit dem leicht skurrilen Schriftzug „Neuste Nachrichten aus der Wurfscheibenkultur“ überschrieben und damit fast automatisch für Assoziationen in Richtung „fliegende Untertassen“ gesorgt. Das Berliner „Städtische Institut für Flugscheiben-Angelegenheiten“ (SIfFA) setzt hier in Sachen wunderliche Namensgebung noch einen drauf. Entgegen ersten Befürchtungen befasst sich dieses Institut mitnichten mit aerodynamischen Grundsatzfragen, sondern mit – manuell durch die Gegend geschleuderten Mini-UFOs. Überhaupt fliegende Untertassen: Wer hat sich nicht schon zur Genüge darüber geärgert, beim Picknicken oder sommerlichen Grillen im Park, im Freibad, See oder am Meeresstrande permanent Gefahr zu laufen, eines der tellergroßen Gummigeschosse bei deren Landung zielgenau ins Genick oder an/auf sonstige Extremitäten zu kriegen? Das muss nicht sein, obwohl es gegen solch schmerzhafte Treffer ausnahmsweise mal nichts von Ratiopharm gibt.

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TuS Lichterfelde ins Boot geholt

Die Lösung ist viel einfacher: Man nehme einen Park, zum Beispiel im Ortsteil Lichterfelde. Man suche sich einen kompetenten Kooperationspartner aus dem Bereich des lokalen Sports, den man im „Turn- und Sportverein Lichterfelde von 1887 e.V.“ finde und wende sich mit einem politischen Begehren an die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf: Die BVV möge beschließen, einen geeigneten Ort für die Ausübung einer neuen Sportart namens „Discgolf“ festzulegen. Einer Trendsportart, die vor allem in Nordamerika und Skandinavien seit mehreren Jahrzehnten verbreitet und dabei höchst populär ist. Und die man ohne große Vorbereitung und finanziellen Aufwand fast überall betreiben kann, ohne Erholungsbedürftige dabei zu stören – sofern es einen geeigneten Ort gibt, um einen Parcours einzurichten. Wenn man es etwas flapsig formuliert, ist mit Discgolf so etwas wie eine Kreuzung aus Frisbee und Golf gelungen. Von seinem Abwurfpunkt aus versucht der Spieler, das Spielgerät mit möglichst wenigen Würfen in einen Metallkorb zu befördern. Alle weiteren Würfe auf einer festgelegten Bahn erfolgen dann von dem Punkt aus, an dem die Scheibe zuletzt zum Liegen kam. Die Einzelheiten, Tricks und Kniffe veröffentlicht der „Deutsche Frisbeesport-Verband e.V.“ (DFV) auf seiner Webseite www.discgolf.de. Seit März 2015 existiert auch ein Landesverband in Berlin.

Historische Wegmarken einer jungen Sportart

Der Volkspark Potsdam war im Oktober 2018 Austragungsort der 33. Deutschen Discgolf-Meisterschaften. Damit hat der dortige Discgolf-Parcours seine Feuertaufe glänzend bestanden und kann zu Recht jenen als Vorbild dienen, die diese Sportart auch in unserem Bezirk heimisch machen wollen. Der aktuelle Titelträger bei den Herren heißt Kevin Konsorr und stammt aus Nordrhein-Westfalen. Einer Lokalzeitung verriet er im August 2018, dass Discgolf „ein unglaublich großartiger Sport für eine extrem große Zielgruppe“ sei, der Menschen jeden Alters erreichen könne. Zusammen mit dem einzigen richtigen deutschen Profi, Simon Lizotte aus Bremen, gehört Konsorr bei den Herren zur Elite des Discgolf-Sports hierzulande. Bei den Damen triumphierte in Potsdam Lokalmatadorin Antonia Faber aus Stahnsdorf (Landkreis Potsdam-Mittelmark). Mit Titelverteidiger Martin Doerken eroberte ein aus Berlin stammender Sportler in der Masters-Klasse der Ü40-Athleten immerhin Bronze. Gerade einmal 26 Jahre jung, gewann Simon Lizotte die 2018 in Kroatien ausgetragenen Kontinentalwettkämpfe und ist amtierender Europameister. Offizielle Discgolf-Europameisterschaften gibt es seit 1997. Von den bislang zwölf EM-Turnieren gewannen Sportler aus skandinavischen Ländern allein ein Drittel. Ein Blick in die Sporthistorie verrät, dass die Europameisterschaft auch schon einmal in Deutschland stattgefunden hat – 2008 in Söhnstetten auf der Schwäbischen Alb. Lizotte gehört einem Verein mit dem schwungvollen Namen „Drehmoment Discgolf-Verein Bremen e.V.“ an. In einem Interview beklagt er sich darüber, dass meistens der Fußball profitiere, wenn öffentliche Gelder in die Hand genommen würden. Besonders das kleine und bevölkerungsarme Finnland sei um die Vielzahl seiner Discolf-Anlagen zu beneiden, fügt er hinzu. Tatsächlich kann auch hierzulande jeder öffentliche Park mit einfachsten Mitteln zu einem Discgolf-Parcours umfunktioniert werden. Dazu bedarf es weder eines großen finanziellen Kraftaktes noch eines nennenswerten Eingriffs in Landschaft und Natur. Üblicherweise werden Discgolf-Spielstätten in bereits vorhandene öffentliche Grün- oder Sportanlagen integriert. Immerhin schon fünf Mal war Berlin Austragungsort der Deutschen Meisterschaften: 1987, 1995, 1999, 2003 und 2007. Quasi vor der Haustür wurde in Eberswalde (2012) und zuletzt in Potsdam (2018) um nationale Meriten gerungen. Insofern ist Berlin kein ganz weißer Fleck auf der Landkarte der Discgolfer, aber trotzdem täte ein Popularitätsschub dem Breitensport in unserer Stadt gut.

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Sportstadtrat Mückisch sagt Discgolfpark-Plänen Unterstützung zu

Frank Mückisch ist der für Sport zuständige Bezirksstadtrat in Steglitz-Zehlendorf. Seine Position zu den Plänen, einen Discgolfpark einzurichten, fasst er wie folgt zusammen: „Es wird immer schwieriger für unsere Sportvereine, Nachwuchs zu rekrutieren. Discgolf bietet auch denjenigen, die sich nicht fest an einen Verein binden möchten, eine gesunde, kostengünstige und zudem ökologische Alternative für sportliche Aktivität.“ Der Sportstadtrat fügte hinzu, dass dieser Sport „alters- und leistungsunabhängig“ betrieben werden könne. Ein klassischer Breitensport eben, geeignet für Jungen und Mädchen, Jugendliche und Senioren, trainiert und weniger trainiert, für Familien mit Kindern ebenso wie für Einzelspieler, völlig unabhängig von der Dicke des Geldbeutels. Die Förderung einer Trendsportart trägt nach Überzeugung von Frank Mückisch auch zur touristischen Erschließung des Bezirks bei. Durch die Einbindung eines Sportvereins in der Nachbarschaft wäre das für alle Beteiligten eine Win-win-Sitation. Am 15. Mai 2019 fasste die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) den Beschluss, die Einrichtung eines Discgolfparks in Lichterfelde zu prüfen. Es wäre allen Discgolfern und denen, die es (noch) werden wollen, ein großes Anliegen, dem Beispiel Potsdams zu folgen und ein solches Projekt in Steglitz-Zehlendorf Wirklichkeit werden zu lassen. Das sollte gerade in einem Bezirk möglich sein, der mit seinem Reichtum an Grün- und Wasserflächen geradezu prädestiniert für sportliche Betätigung an der frischen Luft ist.