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„Gerechter unter den Völkern“ – Zehlendorf verneigt sich vor Hans Söhnker

Steglitz-Zehlendorf – „Ich rede nicht gern über sogenannte gute Werke, die eigentlich nichts anderes als selbstverständliche Menschenpflicht sind“ – eher beiläufig und schlicht kommt der Schauspieler Hans Söhnker in seinen 1974 erschienenen Memoiren auf das Thema Zivilcourage zu sprechen. Und dennoch: Manchmal verbirgt sich tiefe Weisheit und Menschlichkeit hinter denkbar einfachen Worten.

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Bild: Israelische Botschaft

Feierstunde in der Gedenkstätte „Stille Helden“

Am 7. November 2018 lud die Botschaft des Staates Israel zu einer Feierstunde in die Gedenkstätte „Stille Helden“ nach Berlin-Mitte ein. Seit 2008 wird in dieser Gedenkstätte jener mutigen Frauen und Männer gedacht, die während der NS-Herrschaft in aller Stille verfolgten Juden zu Hilfe kamen.

Zu den geladenen Gästen zählten auch die hochbetagten Eheleute Erich (93) und Gisela Engel (91), die seit 1952 zusammen im Ortsteil Lankwitz wohnen. Dieses Jahr begehen sie ihren 68. Hochzeitstag und teilen seit Jahrzehnten ihre Begeisterung für Hans Söhnker. Leidenschaftlich setzen sie sich dafür ein, ihr großes Vorbild in Form einer Platz- oder Straßenbenennung zu ehren. Erich Engel war ein junger Mann von nicht mal Mitte 20, als er sein Idol nach einer Vorstellung im Steglitzer Schlosspark-Theater zum ersten Mal persönlich erlebte. Das war im Jahre 1952. Kaum überraschend, dass die gemeinsame Tochter der Engels den Namen der Titelfigur aus dem 1956 gedrehten Filmmelodram „Geliebte Corinna“ erhielt. Auch Corinna ist also mit dem Söhnker-Bazillus infiziert, „aber nicht ganz so verrückt“, ergänzt Erich Engel mit einem Augenzwinkern. Prall gefüllt ist seine Schatzkiste mit Hans-Söhnker-Devotionalien, die er jedem Besucher stolz vorzeigt: Zeitungsausschnitte sind dabei, Filme natürlich, dazu persönliche Briefe und Fotos, Hörspiele, Radiomitschnitte und als besonderes Juwel die handsignierte Autobiographie.

Hans Söhnker mit Yad-Vashem-Medaille geehrt

Einer der mutigen Männer in einer finsteren Zeit, die verfolgten und drangsalierten jüdischen Mitbürgern zu Hilfe kamen, hieß Hans Söhnker. In den Kriegsjahren 1943 bis 1945 versteckte und beherbergte er unter größtem persönlichem Risiko in seinem Wochenendhaus am Wünsdorfer See bei Zossen zunächst den Druckereibesitzer Ludwig Lichtwitz, der zusammen mit Werner Scharff aus einem Sammellager ausgebrochen war, später den aus Königsberg stammenden jüdischen Orthopäden Kurt Hirschfeldt. Es ist eine glückliche Fügung des Schicksals, dass die Gestapo seiner nicht habhaft wurde.

Der Initiative eines mittlerweile 95-jährigen Holocaust-Überlebenden und Cousins von Kurt Hirschfeldt, dem in Schweden lebenden Walter Frankenstein, ist es zu verdanken, dass Hans Söhnker posthum mit der Yad-Vashem-Medaille ausgezeichnet und in die Riege der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen wurde. Damit ist er einer der über 600 Deutschen, denen dieser wichtige Ehrentitel bereits verliehen wurde. Einem Gesetz der Knesset von 1953 zufolge soll besonders an diejenigen Einzelpersonen aus allen Völkern erinnert werden, denen das Schicksal der jüdischen Mitbürger nicht gleichgültig war, sondern die tatkräftig, mutig und uneigennützig Hilfe angeboten und Schutz gewährt haben, ganz im Geiste des Talmud-Wortes „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet“. Als „Gerechter unter den Völkern“ steht Hans Söhnker nun in einer Reihe mit anderen bekannten und posthum ausgezeichneten Preisträgern aus Deutschland: Bernhard Lichtenberg (1857-1943), Dompropst der katholischen Hedwigs-Kathedrale zu Berlin und 1996 in Berlin seliggesprochener Märtyrer, Oskar Schindler (1908-1974) und dessen Gemahlin Emilie (1907-2001), der ehemalige DDR-Regimekritiker Robert Havemann (1910-1982), um nur einige besonders prominente Beispiele zu nennen. Die Ehrung aus den Händen des israelischen Botschafters Jeremy Issacharoff nahm Hans Söhnkers Urgroßnichte Anneke Kim Sarnau (geb. 1972) entgegen, die in Charlottenburg lebt und wie ihr berühmter Vorfahr erfolgreiche Theater- und Filmschauspielerin ist.

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Bild: Israelische Botschaft

Hans Söhnker – Ein Leben für Theater, Film und Fernsehen

Wer war nun eigentlich dieser Hans Söhnker? – Der jüngeren Generation ist er leider kein Begriff mehr, ganz anders ist das bei der Generation 55+. 1903 in Kiel geboren, führten ihn zahlreiche Engagements an mehreren Standorten zunächst auf die Theater- und Operettenbühne, ehe ihm 1933 mit der Ufa-Produktion „Der Zarewitsch“ der Durchbruch auch als Filmschauspieler gelang. Großen Erfolg erlangte er 1941 in „Auf Wiedersehn, Franziska“, mit Marianne Hoppe als Filmpartnerin und Helmut Käutner als Regisseur. Im Klassiker „Große Freiheit Nr. 7“ von 1944, für den ebenso Helmut Käutner Regie führte, stand Söhnker zusammen mit damaligen Filmgrößen wie Hans Albers, Ilse Werner und Gustav Knuth vor der Kamera.

Dem nationalsozialistischen Regime stand Söhnker von Anfang an mehr als reserviert gegenüber, wenngleich er als berühmter Schauspieler permanent im Fokus des von Goebbels geleiteten Propagandaministeriums stand. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Hans Söhnker zum Theater und damit zu den Anfängen seiner Karriere zurück. Mit Intendant Boleslav Barlog (1906-1999) zählte er zu den prägenden Figuren der „Stunde Null“ am Steglitzer Schlosspark-Theater. Inmitten der Nachkriegswirren fand dort am 10. Oktober 1945 die Premiere des Stücks „Hokuspokus“ statt. Bühnenpartnerin war die damals noch weithin unbekannte Hildegard Knef (1925-2002). In den späten 1960er Jahren entdeckte Söhnker nach Theater und Film auch das Fernsehen für sich: Einem Millionenpublikum war er als Zirkusdirektor Kogler in der Serie „Salto Mortale“ (1969-1972) oder als Hotelier Otto Buchner in der Südwestfunk-Produktion „Forellenhof“ von 1965 bekannt. Seine Verdienste wurden 1968 mit der Ernennung zum „Staatsschauspieler“ und 1973 mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gewürdigt. Von 1936 bis zu seinem Tod im Jahr 1981 lebte Hans Söhnker in Zehlendorf. Dieser seiner Wahlheimat ist er bis zuletzt treu geblieben. Seinem Wunsch als Schleswig-Holsteiner Küstenkind gemäß, wurde seine Urne auf hoher See vor Travemünde beigesetzt.

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Bild: Israelische Botschaft

Bezirksstadtrat Frank Mückisch unterstützt Antrag auf Straßen- oder Platzbenennung

Die Berliner – und besonders die Steglitz-Zehlendorfer – haben „ihren“ Hans Söhnker ins Herz geschlossen. Vielleicht weil er Bescheidenheit und gelebte Mitmenschlichkeit glaubhaft vorgelebt hat – ein „Star“ im besten Sinne des Wortes, der ohne jede Allüren auskam. Söhnker selbst wollte nie ein Star sein und machte „am liebsten einen großen Bogen um diesen aufgedonnerten, nur selten angemessenen Begriff“, wie er in seiner Autobiographie in entwaffnender Ehrlichkeit schreibt. Zehlendorf schuldet diesem großen Volksschauspieler und „Gerechten unter den Völkern“ Dank.

Der größte Wunsch der Eheleute Engel ist, dass ihr großer Lebenstraum noch zu ihren Lebzeiten in Erfüllung geht – die Benennung eines Platzes oder einer Straße in Zehlendorf nach ihrem Idol. Tatsächlich stieß dieser Wunsch auch bei den politisch Verantwortlichen auf großes Verständnis. Am 26. März nahm der zuständige Ausschuss für Schule, Bildung und Kultur einen Antrag auf Straßen- oder Platzbenennung einstimmig an. „Das Bezirksamt wird ersucht, eine Straße oder einen Platz nach dem bekannten Schauspieler Hans Söhnker zu benennen“, liest sich das im Beschluss Nr. 787/V der 29. Sitzung des BVV-Plenums vom 10. April 2019.

Der für Kulturangelegenheiten zuständige Bezirksstadtrat Frank Mückisch hat den Befürwortern der Straßen- oder Platzbenennung seine Unterstützung zugesagt und begrüßt die vom BVV-Plenum getroffene Entscheidung nachdrücklich. Für das Ehepaar Engel und viele andere Bewunderer von Hans Söhnker ist der Beschluss ein großer Grund zur Freude.