Enthüllung der Informationsstele „Das Oskar-Helene-Heim“ am 04.10.2014

Pressemitteilung Nr. 554 vom 26.09.2014

Die Stele, nach einem Entwurf von Karin Rosenberg, erinnert an den ehemaligen Standort des Oskar-Helene-Heims in unmittelbarer Nähe des gleichnamigen
U-Bahnhofs. Die Stele wird am Sonnabend, den 4. Oktober 2014, um 14 Uhr,
vor dem U-Bahn-Eingang Oskar-Helene-Heim in der Clayallee der Öffentlichkeit übergeben.
Zur Einführung sprechen Dr. Philipp Osten und Werner Ukas (Stiftung Oskar-Helene-Heim).

Hintergrundinformationen:
Das Oskar-Helene-Heim war eine Modellanstalt für die Betreuung körperbehinderter Kinder. Die hier erprobte Verbindung von medizinischer Behandlung, Erziehung und Ausbildung gilt als Ursprung der Rehabilitation. Mit der Geschichte der Klinik verbindet sich die Etablierung der Sonderpädagogik und der medizinischen Fachdisziplin Orthopädie.
1907 diagnostizierten Schulärzte bei jedem vierten Berliner Erstklässler Symptome der Mangelkrankheit Rachitis. Knochen- und Gelenktuberkulose war die häufigste Todesursache bei Jugendlichen im Alter zwischen 9 und 14 Jahren. Die Kinderlähmung war eine allgegenwärtige Infektionskrankheit noch unbekannter Ursache. Dennoch hatten Menschen mit körperlichen Behinderungen keinen gesetzlich geregelten Anspruch auf medizinische Versorgung. Im selben Jahr gründeten Verwaltungsbeamte, Geistliche und Ärzte den „Krüppelkinder Heil- und Fürsorgeverein für Berlin und Brandenburg“. Mit dem Slogan „Almosenempfänger zu Steuerzahlern“ warben sie in Ausstellungen, Vorträgen, Zeitungsartikeln, Flugblättern und Filmen um Geld für körperbehinderte Kinder. Der Fabrikant Oskar Pintsch und seine Frau Helene stifteten eine Million Goldmark für die Errichtung des nach ihnen benannten Oskar-Helene-Heims und der Chirurg Konrad Biesalski überzeugte die kommunalen Armenbehörden, die laufenden Kosten für die Behandlung und Ausbildung seiner Patienten zu tragen.
Neben gewöhnlichen Treppen bot das 1914 errichtete Hauptgebäude „schiefe Ebenen“ für Rollstuhlfahrer. Eine Rampe ermöglichte den barrierefreien Zugang zum zehn Hektar großen Waldgrundstück. Dort im Freien fand von Mai bis Oktober der Schulunterricht statt. Patientinnen wurden in Zusammenarbeit mit dem Lette-Verein zu Fotografinnen und Röntgenassistentinnen ausgebildet, männliche Zöglinge lernten traditionelle Handwerksberufe. 16 Ausbildungsgänge wurden angeboten, vom Gärtner bis zum Orthopädiemechaniker.
Im Ersten Weltkrieg machte die Rehabilitation der „Kriegskrüppel“ das Oskar-Helene-Heim zu einer der bekanntesten Kliniken des Deutschen Reiches. Nach Kriegsende verschlang die Inflation das Vermögen der Stiftung.
Zu den Errungenschaften der frühen Weimarer Republik gehörte eine verbesserte Sozialpolitik. Die Preußische Landesversammlung verabschiedete 1920 ein von Klinikdirektor Biesalski konzipiertes „Gesetz für Krüppelfürsorge“. Es garantierte die Behandlung und Ausbildung körperbehinderter Kinder nach dem hier entwickelten Modell. Allerdings sah es neben einer Meldepflicht auch eine zwangsweise Heimunterbringung vor, oft gegen den Willen der Patienten und ihrer Eltern. Der pädagogische Leiter Hans Würtz vertrat die Ansicht, Körperbehinderte sollten isoliert von der Außenwelt eine Gemeinschaft bilden. Sein umstrittenes Konzept gilt als Ursprung der Sonderpädagogik.
Abrupt endete das Modellprojekt 1933 durch die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten. Direktor Würtz wurde aus dem Amt verhaftet. Der Orthopäde und SS-Offizier Lothar Kreuz, 1942 bis 1945 Rektor der Berliner Universität, bereitete die Klinik auf die Anforderungen des Krieges vor. 1945 wurde das Hauptgebäude durch Brandbomben zu 50 % zerstört.
Der rasche Wiederaufbau wurde von der US-Armee unterstützt. Bewährungsproben waren die Polio-Epidemie von 1947 und die Contergankatastrophe 1957-1961. Ab 1954, bis zur Schließung des Standortes im Jahr 2000, war das Oskar-Helene-Heim die orthopädische Universitätsklinik der Freien Universität Berlin.

Philipp Osten

————————————————————————————————————————————————————
Pressematerial: www.kultur-steglitz-zehlendorf.de/presse.html

Pressekontakt:
Heike Stange, Kulturamt Steglitz-Zehlendorf, E-Mail, Tel.: (030) 90299-4516