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Einweihung des „Onkel-Emil-Parks“ in Steglitz

Benennung des Onkel-Emil-Parks

Einweihung des „Onkel-Emil-Parks“
Bild: Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf

Auf Anregung von Bürgerinnen und Bürgern hat das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin in seiner Sitzung vom 02.02.2021 beschlossen, die bis dato unbenannte Grünanlage zwischen Gutsmuthsstraße und Bornstraße, an der Hackerstraße in Berlin Steglitz „Onkel-Emil-Park“ zu benennen.

Mit der Benennung der Grünanlage soll die Gruppe „Onkel Emil“ geehrt werden.

Mehr zum geschichtlichen Hintergrund.

Die Gruppe „Onkel Emil“

Bildvergrößerung: Einweihung des „Onkel-Emil-Parks“
Bild: Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf

Von 1938 bis 1945 unterstützte ein Kreis von Gleichgesinnten um die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich und den Dirigenten Leo Borchard von den Nationalsozialisten verfolgte Menschen.

Aus Menschlichkeit und Protest versorgten sie vor allem untergetauchte Juden mit Lebensmitteln, Quartier und Papieren und leisteten auf diese Weise Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

In den letzten Kriegswochen rief die Gruppe, die später unter dem Decknamen „Onkel Emil“ bekannt wurde, zum Widerstand gegen Hitler auf.

Domizil der Gruppe war das Wohnhaus von Ruth Andreas-Friedrich und Leo Borchard im Hünensteig 6 in Steglitz.

Einweihung

Die offizielle Einweihung des „Onkel-Emil-Parks“ fand am 15.07.2021 durch die Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski und die Bezirksstadträtin Maren Schellenberg statt.

Einweihung des „Onkel-Emil-Parks“ durch Bezirksstadträtin Schellenberg und Bezirksbürgermeisterin Richter-Kotowski
Bezirksstadträtin Schellenberg und Bezirksbürgermeisterin Richter-Kotowski bei der Enthüllung des Schildes
Bild: Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf

Geschichtlicher Hintergrund

Selbstverständnis und Hintergrund der Widerstandsgruppe im Überblick

Die Gruppe „Onkel“ Emil gruppierte sich unter dem Eindruck der November-Pogrome („Reichskristallnacht“) vom 9. November 1938 um die Schriftstellerin und Journalistin Ruth Andreas-Friedrich (1901-1977) und deren Lebensgefährten, den Dirigenten Leo Borchard (1899-1945). Die gemeinsame Gegnerschaft zum NS-Regime verband den Freundeskreis, der sich selbst „Clique“ nannte. Die Novemberpogrome markieren den Beginn einer noch stärkeren Entrechtung und Verfolgung der Juden. Sie sind zentral und einschneidend für die Herausbildung des Freundeskreises. Neben untergetauchten Juden unterstützte die Gruppe auch desertierte Soldaten. Zur Gruppe gehörten Ärzte, Musiker, Journalisten, Juristen, Kaufleute, Pfarrer, aber auch ein Konditormeister mit seiner Frau. Somit bildet der Freundeskreis einen Querschnitt der Bevölkerung ab. Er bestand aus nichtjüdischen und jüdischen Mitgliedern und Sympathisanten und war weltanschaulich-ideologisch nicht gebunden: Damit hatte er keine Berührungsängste gegenüber verschiedenen Strängen des deutschen Widerstands, auch nicht gegenüber dem kommunistisch motivierten Widerstand. Verbindungen gab es zur „Roten Kapelle“, aber auch zum „Kreisauer Kreis“ um den Grafen von Moltke und den Grafen Yorck von Wartenberg, die sich Gedanken über die Neuordnung Deutschlands nach der Überwindung der Diktatur machten. Mit Sympathie begegnete man dem studentischen Widerstand der „Weißen Rose“. Zentraler Versammlungs- und Treffpunkt der Gruppe war das Wohnhaus Hünensteig 6 in Steglitz. Diese Adresse wurde auch zum Unterschlupf für Verfolgte. Zusammen mit den aktivsten Mitliedern umfasste die Stammgruppe etwa 20 Personen. Steglitz war damals NSDAP-Hochburg, daher erforderte die Hilfsbereitschaft der Gruppenmitglieder ein erhebliches Maß an Mut und Zivilcourage.

Seit Herbst 1941 durften Juden nicht mehr legal emigrieren und mussten den gelben Judenstern als Zeichen gesellschaftlicher Stigmatisierung tragen. Viele hatten keine andere Wahl als unterzutauchen. Ohne weltanschauliche Prämissen halfen die Mitglieder der Gruppe untergetauchten Juden, versorgten sie mit Lebensmitteln, gewährten ihnen Unterschlupf und statteten sie mit gefälschten Papieren aus. Zunächst kümmerte man sich um jüdische Freunde, später wurde die Hilfe aber auch auf unbekannte Personen ausgedehnt. Es war den Mitgliedern wichtig, der Außenwelt zu zeigen, dass es auch ein „anderes Deutschland“ gab und die Zustimmung zur NS-Gewaltherrschaft nicht die gesamte deutsche Bevölkerung umfasste. Entscheidend war, dass die Hilfe und Zuwendung für untergetauchte Juden unentgeltlich und ohne irgendwelche Gegenleistung erfolgt ist. Dieser Umstand war auch zentral für die Entscheidung nach dem Zweiten Weltkrieg, zentrale Figuren der Widerstandsgruppe in die Schar der „Unbesungenen Helden“ bzw. „Stille Helden“ einzureihen bzw. sie von Seiten der Gedenkstätte Yad Vashem zu „Gerechten unter den Völkern der Welt“ zu erklären. Zur uneigennützigen Hilfe für jüdische Freunde und Kollegen gesellten sich in der Endphase des Krieges 1945 auch Sabotageakte und Aktionen wie z.B. das Entfernen von Naziflaggen von öffentlichen Gebäuden oder die Verbreitung antinazistischer Parolen.

Die Mitglieder der Gruppe „Onkel Emil“ erhielten Tarnnamen, um die Kommunikation untereinander und mit den Juden, denen man half, nicht zu gefährden. „Onkel Emil“ galt als Warnruf. Der eigentlich für den Mediziner Walter Seitz (1905-1997) gedachte Tarnname wurde später zu dem Namen, unter dem die gleichnamige Widerstandsgruppe bekannt wurde.

Im letzten Absatz des „Tätigkeitsberichts“ vom 14.05.1945 schreiben die Unterzeichner: „Alle Gruppenmitglieder haben während des Naziregimes größtenteils erhebliche persönliche und berufliche Opfer gebracht. Sie fühlten sich verpflichtet, bis zuletzt unmittelbar am Ort der Gefahr für ihre Überzeugung einzutreten und alle Bemühungen daranzusetzen, im Dienste der Menschlichkeit zu wirken“.

Eine Auswahl zentraler Figuren der Gruppe „Onkel Emil“

  • Ruth Andreas-Friedrich (1901-1977)
    Seit Ende 1933 wohnt die Journalistin zusammen mit ihrer Tochter Karin im Haus Hünensteig 6 in Steglitz. Mutter und Tochter wohnen im zweiten, Leo Borchard im dritten Stock. Sie schreibt für Frauenzeitschriften und gibt Ratgeberbücher heraus. Walter Seitz, ihr späterer Ehemann, hat sie als „Herz und Flamme der Clique“ bezeichnet. Tatsächlich ist sie neben Leo Borchard deren zentrale Figur. Ihr zu Ehren wurde eine Parkanlage am Steglitzer Fichtenberg 1990 in „Ruth-Andreas-Friedrich-Park“ benannt. Dort erinnert ein Gedenkstein an sie. Am 20. Oktober 1988 wurde am Wohnhaus Hünensteig 6 eine „Berliner Gedenktafel“ angebracht. Auf ihm steht über R. Andreas-Friedrich und Leo Borchard zu lesen: „Als Begründer der Widerstandsgruppe ‚Onkel Emil‘ halfen sie seit 1938 von den Nationalsozialisten verfolgten Menschen“. 25 Jahre nach ihrem Freitod 1977 erhielt Ruth Andreas-Friedrich in Anerkennung ihrer Verdienste im Jahre 2002 von Seiten der Gedenkstätte Yad Vashem den Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen. Damit ehrt der Staat Israel aufgrund eines Knesset-Beschlusses von 1953 nichtjüdische Menschen, die sich unter Inkaufnahme persönlicher Gefahr (und ohne davon zu profitieren) um die Rettung von Juden verdient gemacht haben. Es ist die höchste Auszeichnung, die Israel für Nichtjuden zu vergeben hat. Der Berliner Senat hatte sich 1965 geweigert, Andreas-Friedrich in die Reihe der „Unbesungenen Helden“ aufzunehmen. Argument: Ihr Hauptwohnsitz ist München, nicht Berlin.
  • Leo Borchard (1899-1945)
    Seit 1931 sind der russisch-deutsche Dirigent Leo Borchard und Ruth Andreas-Friedrich ein Paar, leben eine „offene Beziehung“. Seit 5. April 1990 trägt die Musikschule Steglitz den Namen „Leo-Borchard-Musikschule“. Sie gilt als eine der größten, wenn nicht die größte Musikschule Deutschlands. Für zwei Monate war Leo Borchard erster Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nach dem Kriege. Sein erstes Konzert nach dem Kriege dirigierte er am 26.05.1945 im Titaniapalast, einem Kino an der Grenze zwischen Steglitz und Friedenau. Sein Tod am 23. August 1945 ist Ergebnis einer tragischen Verwechslung: Bei der Einfahrt von der britischen in die amerikanische Besatzungszone wurde er von einem amerikanischen Besatzungssoldaten erschossen. Laut Senatsbeschluss vom 25. Mai 2004 erhielt Leo Borchard ein Ehrengrab der Stadt Berlin, das sich auf dem Friedhof Steglitz befindet. Während seiner Zeit in der Gruppe „Onkel Emil“ erteilte er u.a. dem jüdischen Musiker Konrad Latte Unterricht im Dirigieren, obwohl er wusste, dass dieser Jude war. Latte war zusammen mit Ludwig Lichtwitz 1943 aus Gestapo-Untersuchungshaft geflohen.
  • Karin Friedrich (1925-2015)
    Tochter von Ruth Andreas-Friedrich aus erster Ehe. Die Journalistin und Schauspielerin arbeitete zwischen 1953 und 1992 als Reporterin und Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung. Im Alter von 79 Jahren wurde sie 2004 als „Gerechte unter den Völkern“ von Yad Vashem ausgezeichnet. Karin Friedrich war persönlich zugegen, als Bezirksbürgermeister Klaus Dieter Friedrich und Volksbildungsstadtrat Thomas Härtel am 20. Oktober 1988 eine Gedenktafel am Hünensteig 6 anbrachten.
  • Walter Seitz (1905-1997), aus München stammend
    Sein Tarnname lautete „Onkel Emil“, der später auf die gesamte Clique übertragen wurde. Seit 1936 Facharzt für Innere Medizin, war er an der Charité tätig. Als zweiter Ehemann von Ruth Andreas Friedrich wurde er nach dem Krieg erster Amtsarzt in Steglitz und übersiedelte dann, zusammen mit Ruth, als Hochschullehrer nach München. 1947 wurde er als Direktor der Medizinischen Universitäts-Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität berufen. Zwischen 1950 und 1954 saß er für die SPD als Abgeordneter im Bayerischen Landtag.
  • Ludwig Lichtwitz (1903-1961)
    Als gelernter Drucker und mithilfe eines offiziellen Nazi-Behördenstempels, in dessen Besitz die Gruppe gelangte, betätigte er sich in einer Fälscherwerkstatt an der Anfertigung gefälschter Papiere. Zusammen mit dem jüdischen Musiker Konrad Latte, konnte er 1943 aus den Fängen der Gestapo fliehen. Der Schauspieler Hans Söhnker (1903-1981) versteckte Lichtwitz in seinem Wochenendhaus am Wünsdorfer See in der Nähe von Zossen.

Schriftliche Zeugnisse über das Wirken von „Onkel Emil“

  • Wichtigste Quelle sind die Tagebuchaufzeichnungen von Ruth Andreas-Friedrich, die 1947 unter dem Titel „Der Schattenmann“ erschienen sind. Sie beschreiben (unter Verwendung von Tarnnamen) die Zeit zwischen 1938 und 1945. Es ist eines der wenigen literarischen Zeugnisse, die aus den inneren Zirkeln des deutschen Widerstands überliefert sind.
  • „Tätigkeitsbericht der Gruppe ‚Onkel Emil‘ aus den letzten Monaten der Kampfjahre“ = eine Art Manifest der Gruppenmitglieder, die deren Mitglieder und Aktivitäten auflistet, für die Nachwelt gedacht. Unterzeichnet von sechs Mitgliedern, versehen mit Datum 14. Mai 1945.
  • Die Tochter von R. Andreas Friedrich, Karin Friedrich, verfasste 2000 ihr Buch „Zeitfunken“, in dem sie das Wissen über die Gruppe „Onkel Emil“ erweiterte.
  • 2017 legte Mathias Sträßner eine große Leo-Borchard-Biographie unter dem Titel „Der Dirigent, der nicht mitspielte“ vor.
  • Amtliche Dokumente des NS-Staates über die Widerstandsgruppe gibt es nicht. Grund: Die Gruppe wurde nie entdeckt, deshalb fehlen Verhörprotokolle, Gerichtsurteile u. dgl. völlig.