13 Stolpersteine für mutige Menschen verlegt

Pressemitteilung Nr. 4906 vom 26.03.2015

Die Reinickendorfer „Mannhart-Gruppe“ leistete seit Beginn des 2. Weltkrieges organisierten Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur.
Stellvertretend für die Mitglieder dieser Gruppe wurden am 25. März insgesamt 13 Stolpersteine an der Berliner Straße 26 in Tegel vom Künstler Gunter Demnig verlegt.

„Seit 1996 wurden 47.000 Stolpersteine in 18 europäischen Staaten, verlegt; darunter befinden sich allein 6000 dieser Steine in Berlin“, sagte Andreas Höhne, stellvertretender Bezirksbürgermeister (SPD). „All diese Steine wurden verlegt mit dem Ziel, die Erinnerung wach zu halten an die Menschen, die verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Das Stolpern erinnert mich an das Innehalten, an das Nachdenken. Und einen solchen Stolperstein auf dem Gehweg zu haben, wo der Mensch gelebt oder gearbeitet hat, ist besonders für junge Menschen eine gute Art, Geschichte als etwas zu verstehen, das nicht abstrakt und weit weg, sondern direkt hier geschehen ist. Das Grauen von damals bekommt einen Ort, das Opfer einen Namen“, fügte er hinzu.
Die Reinickendorfer „Mannhart-Gruppe“ leistete seit Beginn des 2. Weltkrieges organisierten Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur. Der Heiligenseer Arzt Dr. Max Klesse war es, der die Widerstandsgruppe „Mannhart“ ins Leben rief. Gemeinsam mit seiner Frau Maria begann er, antinazistische Flugblätter zu verfassen, zu vervielfältigen, zu verteilen und anonym per Post zu versenden. Auch nach der Verhaftung und Ermordung einer ganzen Reihe von Gruppenmitgliedern konnte er die Arbeit mit seiner angehenden zweiten Frau Sophie bis Kriegsende fortsetzen. Durch geschicktes, professionelles Verhalten und dank der Standhaftigkeit und des eisernen Schweigens der verhafteten Gruppenmitglieder, besonders des Bauarbeiters Otto Dressler, konnte er den Naziterror überleben.

Die Aktiven der Mannhart-Gruppe trafen sich regelmäßig zu geheimen Zusammenkünften. Sie hörten gemeinsam ausländische Sender, halfen illegal Verfolgten und sammelten Geld, aber stellten auch Flugblätter zum Sturz des Nazi-Regimes und zum Ende des Krieges aufriefen.

Der Ort von den 13 Stolpersteinen mit Bedacht gewählt worden, denn ein Schwerpunkt der betrieblichen Tätigkeit war die Organisation des Widerstands bei Rheinmetall-Borsig durch Untergrundarbeit der betrieblichen Widerstandsgruppe. Diese Gruppe umfasste etwa 30 Arbeiter. Dies war zwar nur ein verschwindend geringer Teil der rund 18.000 Beschäftigten, aber vor allem die Arbeiter in der Baukolonne waren ein aktiver, verschworener Kreis und versuchten durch Krankmeldungen, langsames Arbeiten und Fernbleiben von der Arbeit die Rüstungswirtschaft zu sabotieren. Es gelang auch, Kontakte zu russischen und französischen Fremdarbeitern zu knüpfen.

Antje Stoya-Ballantyne, Pressesprecherin der Borsig GmbH brachte es auf den Punkt: Rheinmetall-Borsig lieferte mit seiner Rüstungs-Industrie den Schmierstoff des NS-Regimes, während die Gruppe Mannhart Sand im Getriebe waren“, sagte sie bei der feierlichen Stolpersteinverlegung. „Die Entscheidung lag bei jedem einzelnen Menschen vor dem eigenen Gewissen, wofür er sich entschied. Es gab sie glücklicherweise auch bei uns, die Aufrechten und die Mutigen“, fügte sie hinzu.

Am 7. November fand die letzte Zusammenkunft der Widerstandsgruppe bei Rheinmetall-Borsig statt. Sie waren entdeckt worden – entweder durch unvorsichtiges Verhalten oder Verrat durch einen Spion. Und so wurde eine Reihe von Mitgliedern verhaftet, vor dem Volksgerichtshof angeklagt und verurteilt. Die anderen Widerständler setzten ihre Arbeit heimlich fort.

Paul Bruske, Albert Brust, Otto Dressler, Otto Haase, Friedrich Lüben, Eduard Tremblay, Paul Bouillot, Paul Frayssinet, Rudolf Strauch, Paul Lehmann, Hugo Härting und Paul Hinze wurden festgenommen. Fast alle wurden im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. Paul Bruske kam am 12. Februar 1945 im KZ Mauthausen ums Leben, Rudolf Strauch verlor sein Leben auf dem Todesmarsch zur Evakuierung des Zuchthauses Hameln. Paul Lehmann starb durch Entkräftung nach der Befreiung am 11. Mai 1945, und Erich Mammach starb an den Folgen der schweren Tbc und seiner schonungslosen illegalen Arbeit. Der Franzose Edouard Tremblay wurde hingerichtet, Paul Bouillot und Paul Frayssinet sind verschollen.

Der Stolpersteinverlegung, die von der AG Stolpersteine Reinickendorf organisiert wurde, wohnten rund 50 Menschen bei, darunter auch Clémence Weulersee, persönliche Referentin des französischen Botschafters, sowie einige Nachfahren der Überlebenden der Mannhart-Gruppe. Dazu gehören die Töchter von Dr. Max Klesse, Renate und Rosemarie Klesse, Dirk Schneider, Sohn von Hans und Hilde Schneider, Dirk Haase, Sohn von Otto Haase, sowie Dieter-Jürgen Keul, Enkel von Kurt Behr. Keul erinnerte sich an die Worte seines Großvaters und musste mit den Tränen kämpfen: „So etwas Schlimmes wie der Faschismus darf sich nie wiederholen! Und Antisemitismus, Rassismus und auch Russenphobie darf es nicht mehr geben!“

Und Torsten Hauschild von der AG Stolpersteine fügte hinzu: „Die Mitglieder der Mannhart-Gruppe haben mit ihrem selbstlosen Einsatz Menschlichkeit, Gesinnungstreue und Zivilcourage bewiesen und gezeigt, dass es ein anderes, besseres Deutschland gab.“

Bildunterschriften:

Bild 1: Die neu verlegten Stolpersteine
Bild 2: Torsten Hauschild von der AG Stolpersteine mit Gästen
Bild 3: Andreas Höhne bei seiner Rede