´Der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst im Gesundheitsamt Reinickendorf begeht am 29.8.12 sein 50-jähriges Jubiläum!

Pressemitteilung vom 29.08.2012

Gesundheitsstadtrat Uwe Brockhausen (SPD) gratuliert dem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst zu seinem 50-jährigen Jubiläum:
„Ich möchte mich ganz herzlich beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst für seine jahrzehntelange wichtige Arbeit in Reinickendorf bedanken. Bei einem Rückblick auf die in den vergangenen Jahren geleistete Arbeit sollte man nicht vergessen, dass auch in den nächsten Jahren für Reinickendorf eine gewaltige Aufgabe darin besteht, eine gute jugendpsychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen zu gewährleisten.“

Der 1961 vom damaligen Bezirksamt gefasste Beschluss, die erste Beratungs-stelle dieser Art in Reinickendorf zu eröffnen, sollte sich als zukunftsweisend herausstellen, war es doch zunehmend unbefriedigend, Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen, Verhaltensauffälligkeiten und geistigen Behinderungen nur stationär am Rande der Stadt – in der damaligen Klinik Wiesengrund- untersuchen und behandeln zu können.
Sie war damit ein Modell und Vorläufer für die grundlegenden Veränderungen, die im Rahmen der Psychiatriereform in den nächsten 20 Jahren in West-Berlin umgesetzt wurden. Das Credo war und ist eine wohnortnahe, regionalisierte niedrigschwellige kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung „ambulant vor stationär“, also eine Umkehrung der damaligen Praxis.
Heute hat Berlin in seinen 12 Bezirken eine gut organisierte regionale psychosoziale gemeindenahe Versorgung für Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen mit jeweils einem KJPD, dem regionalisierten Jugendamt, mit seinen wohnortnah organisierten psychosozialen Trägern, die eine Vielzahl von ambulanten und auch stationären Hilfen anbieten und einer gewachsenen Zahl von Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten. Je nach Bezirk gibt es daneben eine regional sehr unterschiedliche Anzahl von Praxen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, inzwischen über 50 in ganz Berlin. Jeweils zwei Bezirke bilden eine Region mit einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik, mit einer Bettenzahl von derzeit 24 stationäre und 24 teilstationäre Plätzen, die

Aufenthaltsdauer in der Klinik ist meist vergleichsweise kurz.
Reinickendorf hat ca. 240 000 Einwohner, davon sind 36 000 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre (15%), die Sozialstruktur ist sehr heterogen, neben Problembezirken mit einem hohen Anteil von prekären Lebensverhältnissen finden sich auch Ortsteile mit gutbürgerlichen Milieus und Villengegenden. Reinickendorf ist insofern typisch für die Berliner Sozialstruktur. Niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychiater gibt es lediglich drei, die Versorgung mit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten hat sich verbessert. Gemeinsam mit dem Bezirk Pankow bilden wir die „Region Nord“ mit der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Berlin-Buch.

Die Aufgaben der Beratungsstelle für Kinder- und Jugendpsychiatrie besteht zunächst in der fachspezifischen ärztlichen, psychologischen und sozialpädagogischen Untersuchung von Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien, die Auffälligkeiten oder Störungen ihrer psychischen Gesundheit aufweisen, kinder- und jugendpsychiatrisch relevante Verhaltensstörungen zeigen, geistig behindert sind oder von diesen Krankheitsbildern oder Störungen bedroht sind.
Die auf die Untersuchung folgende Beratung beinhaltet neben der ausführlichen Information über die erhobenen Befunde und Diagnosen Vorschläge für Veränderungs- und Hilfemöglichkeiten individueller und systemischer Art (der Familie und des Lebensumfeldes). Sind weiter gehende Hilfen erforderlich, erarbeiten wir ein individuelles, meist multimodales Handlungskonzept gemeinsam mit der Familie. Hierbei spielt die Motivationsarbeit eine große Rolle, damit die vorgeschlagenen Hilfen auch angenommen werden können.
Eine weitere Aufgabe des KJPD sind Kriseninterventionen bei Notfällen, akuten seelischen Krisen, insbesondere bei Jugendlichen, häufig verbunden mit laten-ter oder akuter Suizidalität, Drogenkonsum oder im Rahmen von Identitätskrisen, die auf eine schwere psychische Erkrankung hinweisen können.
Nach der Diagnostik und Beratung folgt in einem nächsten Schritt die Einleitung der notwendigen medizinischen, psychologischen, sozialpädagogischen und psychotherapeutischen Hilfen. Diese erfolgen, wenn nötig, in enger Kooperation mit dem Sozialpädagogischen Dienst des Jugendamtes und der Schule.
Eine geregelte Zusammenarbeit des regionalen Hilfesystems für Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten oder Erkrankungen ist ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des KJPD. Zum regionalen Hilfesystem gehört für den KJPD der regionale Sozialpädagogische Dienst des Jugendamtes mit dem Bereich Kinderschutz, die Träger der Jugendhilfe mit ihrem differenzierten Angebot, der Schulpsychologische Beratungsdienst, die Erziehungs- und Familienberatungsstelle und die regionale Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik und in Einzelfällen andere Spezialeinrichtungen, mit denen das Hilfeplanverfahren abgestimmt wird.

Zur notwendigen Kooperation und Sicherstellung von Hilfen der verschiedenen am Hilfeprozess Beteiligten ist die Mitwirkung in relevanten bezirklichen und überbezirklichen Gremien wichtig, um die Behandlung bei dem meist komplexen Hilfebedarf unserer Klientel sicher zu stellen, Mängel, Lücken und Versorgungs-engpässe im Hilfesystem zu erkennen und diese zu schließen.

Beispiele dafür sind die Entwicklung von koordinierten Hilfen bei Familien mit psychisch kranken und suchtkranken Eltern und zusätzliche Hilfsangebote für auffällige Schüler und Schülerinnen im Rahmen der angestrebten Inklusion aller Schüler und Schülerinnen in Regelschulen.

Der KJPD ist ein wichtiges Glied in der Leistungskette der Versorgung psychisch kranker, behinderter und von Behinderung bedrohter junger Menschen, besonders bei den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die besonders große Probleme haben (machen), in verschiedenen Bereichen auffällig und problematisch werden, die einen „fachübergreifenden komplexen Hilfebedarf“ haben, bei denen es besonders wichtig ist, dass die Beteiligten kooperieren, gleichzeitig die Familien schwer zu erreichen und zu motivieren sind. Der KJPD kann die Arbeit der niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten ergänzen, jedoch nicht ersetzen.

Der KJPD kann neben der Betreuung der beschriebenen Klientel als Teil des öffentlichen Gesundheitsdienstes und seinen Kooperationsaufgaben auch Aufgaben der Bedarfsermittlung bei strukturellen Veränderungen der Krankheitsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen übernehmen, Vorschläge machen und seine Arbeit subsidiär in diese Richtung entwickeln.

In Zeiten einer deutlichen Zunahme von psychischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen: 25% zeigen psychische Auffälligkeiten, 10 % sind dringend behandlungsbedürftig, gilt es, das psychiatrische und psychosoziale Versorgungsnetz noch besser zu vernetzen, zu sichern und auszubauen.

Der KJPD-Reinickendorf hat seine Dienststelle im Gesundheitsamt in der Teichstrasse 65 in 13407 Berlin, Haus 4, ist mit 2 Fachärzten, 4 Diplompsychologen/innen in Teilzeit, 2 Sozialarbeiter/innen und 2 Verwaltungskräften besetzt und ist zu den üblichen Dienstzeiten erreichbar unter der
Telefon-Nr. 90 294- 5043, Fax -5140.

Uwe Brockhausen
Bezirksstadtrat