Auszug - Vorstellung und Begehung des Comenius-Gartens - Frau Illner und Herr Vierck  

 
 
12. öffentliche Sitzung des Ausschusses für Umwelt- und Naturschutz
TOP: Ö 3
Gremium: Ausschuss für Umwelt- und Naturschutz Beschlussart: erledigt
Datum: Mo, 14.05.2018 Status: öffentlich
Zeit: 17:00 - 19:19 Anlass: ordentliche Sitzung
Raum: Comenius-Garten, Richardstr. 35, 12043 Berlin
Ort: Comenius-Garten, Richardstr. 35, 12043 Berlin
 
Beschluss


Durch die Begehung mit Frau Illner konnten sich die Ausschussmitglieder und die Gäste einen Überblick über den Comenius-Garten verschaffen. Bei der Begehung und auch danach standen Frau Illner und Herr Vierck für Fragen zur Verfügung.

 

Der Comenius-Garten ist eine öffentlich zugängliche Gartenanlage am Böhmischen Dorf in Berlin-Neukölln. Trägerverein ist der Förderkreis Böhmisches Dorf in Berlin-Neukölln e.V., der dafür vom Land Berlin bezuschusst wird.

Für den „Lebensweg“, dem man in einem Rundgang folgen kann, war das Hauptwerk „Pampaedia“ (Allerziehung) des Comenius bestimmend. Es wurden aber weitere didaktische Werke herangezogen. Darin wird das Leben eines Menschen als eine Aneinanderreihung von Schulen verstanden. Die Gestaltung geht über die Grundstücksgrenzen hinaus und bezieht Teile der Nachbarschaft mit ein.

Der Weg beginnt am Ende des Richardplatzes an einem Walnussbaum. Dieser steht für die Schule des vorgeburtlichen Werdens. Aus der Perspektive des Schulreformers gilt schon hier, dass die äußeren Bedingungen so einzurichten sind, dass dem Einzelnen ein gutes Leben möglich ist.

Man gelangt über einen Spielplatz, der mit der „Mutterschul“, also der Vorschulerziehung, verknüpft ist, auf das Gartengrundstück, in den Bereich der Gemeinen Schule. Alle Kinder, unabhängig von Stand und Geschlecht, sollten zusammen in ihrer Muttersprache unterrichtet werden und einen Bildungszyklus durchlaufen, der sie mit allen Bereichen der Welt bekannt macht. Diese Schule ist in sechs Klassen gegliedert: Veilchenbeet, Rosenhain, Wiesenteppich, Irrgarten, Arzneigärtlein und Seelenparadies. Diese Namen (auf Latein) hatte Comenius selbst für diese Klassen vorgesehen.

Durch ein Tor betritt man die Lateinschule, an deren Anfang das Comenius-Denkmal steht. Diese Schule war für die Kinder vorgesehen, die für eine höhere Bildung geeignet waren.

Weiter in Richtung Richardstraße kommt man zum Akademiebereich, der für Hochschulen und Forschungseinrichtungen steht.

Durch das Gartentor gelangt man auf die Richardstraße und in das Böhmische Dorf, das in der Konzeption des Gartens die Schule des Berufes thematisiert. Die bereits vorhandene Einrichtung eines Seniorenclubs konnte mit der Greisenschule in der Pampaedia verbunden werden.

Aus dem Böhmischen Dorf führt der Weg durch Deutsch-Rixdorf über den Richardplatz mit der historischen Schmiede und die Kirchhofstraße auf den Böhmischen Gottesacker. Dieser Friedhof aus dem 18. Jahrhundert wird noch heute von den drei Gemeinden der Rixdorfer Böhmen (Herrnhuter Brüdergemeine, Reformierte und Lutherische Gemeinde) belegt. In Bezug auf den „Lebensweg“ vertritt er die Schule des Todes oder die Himmlische Akademie. Verlässt man ihn auf der anderen Seite, befindet man sich nahe bei dem Walnussbaum, dem Anfang des Rundgangs.

Entlang des „Lebenswegs“ werden mit gartenarchitektonischen Mitteln weitere Themen angesprochen, insbesondere solche der Naturphilosophie, Erkenntnistheorie, Anthropologie und Gesellschaftsreform.

Die Mutterschule hat die Aufgabe, die Kinder spielerisch mit der Welt und der Sprache vertraut zu machen.

Das Veilchenbeet ist als optische Täuschung angelegt. Damit wird auf den rationalistischen Zweifel an der Sinneserkenntnis hingewiesen.

Der Rosenhain erinnert an die Rosenkreuzer. Comenius nahm mehrfach Bezug auf sie.

In die Wiese des Wiesenteppichs ist ein Teich angelegt worden, der für das „Weltenmeer“ steht. Im Garten fließt ein kleiner Bach ins „Weltenmeer“. Zugleich steht dieser Bereich für die erste Natur, erkennbar daran, dass die Bäume nicht veredelt sind.

Der anschließende Irrgarten steht dann für die zweite Natur. Dort sind die Bäume veredelt.

Im Arzneigärtlein wird die praktische Anwendung dieses theoretischen Modells zum Thema gemacht. Die Medizin macht sich die Naturerkenntnis technisch zunutze.

Das Seelenparadies greift das Buch `Das Labyrinth der Welt´ von Comenius auf, das man als Variante des Schelmenromans und als einen Vorläufer des Bildungsromans verstehen kann.

Durch einen kleinen Zaun getrennt, folgt auf die Gemeine Schule die Lateinschule. Mit ihr ist daran zu erinnern, dass Comenius zuerst als Reformer des Lateinunterrichts eine europäische Berühmtheit wurde. Daran anschließend wurde er ein gefragter Fachmann zur Reform des Schulwesens.

Dass sich im Verlaufe der Kirchengeschichte Gruppen am Paradies orientiert haben, führte zu ihrer Verunglimpfung als „Adamiten“. Der Comenius-Garten erinnert daran mit dem Adamitischen Kreis, einer kreisrunden Wiese rechts vom Hauptweg.

Ein von Obstbäumen gesäumter gerader Weg führt zu der vorab bereits genannten Holzbühne. Comenius hat Theateraufführungen in die Schule einbezogen, in denen die Kinder ihr Latein praktizieren können.

Die Gestaltung der Bühnenoberfläche mit einem Dreieck in einem Kreis in einem Quadrat geht auf eine Schemazeichnung in Triertium Catholicum zurück. Sprechen und Handeln sind in der Schule in den Disziplinen Logik, Grammatik und Pragmatik zu schulen.

Im Akademiebereich, einige Meter weiter, fällt zuerst das dreieckige steinerne Podest mit den drei Instrumenten auf seinen Spitzen auf. Das Pflaster auf der Oberfläche zeigt einen Kreis. Damit wird in reduzierter Form das Auge Gottes dargestellt. Die drei Instrumente sind optische Werkzeuge, die zu erkennen helfen, was man sonst nicht sehen kann: vorne die seinerzeit neuen Geräte Teleskop und Mikroskop, hinten der Spiegel, der bereits in der ersten Natur vorkommt.

Der Gemüsegarten spielt auf die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts an, in denen einige von Comenius' Freunden Mitglieder waren. Diese gaben sich Gesellschaftsnamen, teilweise Pflanzennamen.

Der Gang durch das Böhmische Dorf, dessen bauliche Substanz im Wesentlichen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt, und der Weg durch Deutsch-Rixdorf erlauben einen Blick in die Lokalgeschichte. Die Architektur ist dörflich und unterscheidet sich stark von der der unmittelbaren Nachbarschaft aus Gründerzeit und 20. Jahrhundert.


 
 

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