Kinderschutz: Sonderfall suchtkranke Eltern

Pressemitteilung vom 25.08.2011

Anlässlich der Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung zum Kinderschutz zwi-schen dem Gesundheits- und Jugendamt, dem Klinikum Neukölln und den Suchthilfeträgern erklärt Gesundheitsstadtrat Falko Liecke:

„In den Hilfesystemen und Anlaufstellen für suchtkranke Menschen, aber auch in Ein-richtungen der Jugendhilfe, gibt es noch einige Lücken, die im Kinderschutz geschlossen werden müssen. Dabei erfüllen die verschiedenen Institutionen mit der vereinbarten Kooperation einen wichtigen Zweck: Denn nicht immer ist klar, ob Kinder im Haus-halt suchtkranker Eltern leben und somit mit dem Thema Sucht konfrontiert sind. In vie-len Fällen sind auch die Eltern überfordert und das Kind kommt zu kurz oder nimmt Schaden. Mit diesen Regelungen haben wir in Neukölln sehr konkret und praxisbezogen einen guten und wichtigen Beitrag zum Kinderschutz geleistet“.

Folgenden Maßnahmen sind nunmehr zwischen den Beteiligten vereinbart worden:
1. Suchterkrankte schwangere Frauen werden seitens der Sucht- und Drogenhilfe über medizinische, psychosoziale, pädagogische und öffentliche Hilfeangebote informiert und an die zuständigen Beratungsstellen verwiesen.
2. Die Träger der Sucht- und Drogenhilfe erfragen regelmäßig bei den Erstkontakten von den Suchterkrankten, ob sich minderjährige Kinder im Haushalt der suchtkranken Klienten befinden.
3. In jedem Einzelfall erfolgt eine Einschätzung des Kindeswohls über einen stan-dardisierten Fragebogen. Diese Einschätzung wird im Falle einer möglichen Gefährdung dokumentiert und über einen ebenfalls standardisierten Meldebogen an die Tagesdienste des Jugendamtes Neukölln weitergeleitet.
4. Bei akutem Handlungsbedarf erfolgt eine Kontaktaufnahme zum Jugendamt auch ohne die erforderliche Schweigepflichtentbindung der sorgeberechtigten Elternteile.
5. Das Jugendamt stellt eine durchgehende Erreichbarkeit in Fällen möglicher Kindeswohlgefährdung sicher.
6. Das Jugendamt gibt in allen gemeldeten Fällen eine Rückmeldung an den Träger der Sucht- und Drogenhilfe, ob weitere Schritte und Absprachen erforderlich sind.
7. Die Koordinierungsstelle Kinderschutz des Kinder – und Jugendgesundheits-dienstes im Gesundheitsamt steht in Fragen des Kinderschutzes beratend zur Verfügung und kooperiert eng mit dem medizinischen Hilfesystem.
8. Die erforderlichen und angemessenen Hilfen für die betroffenen Kinder und für die Familien sind seitens des Jugendamtes nachhaltig sicherzustellen. Hierzu ist der erforderliche Informationsaustausch aller beteiligten Fachkräfte zu gewährleisten. Dies erfolgt über die Beteiligung der Fachkräfte des Sucht – und Drogensystems an der Hilfeplanung des Jugendamtes.

Beteiligte Träger
A.I.D. Neukölln Notdienst e.V.
Suchtberatung confamilia, Träger: vista gGmbH
Treffpunkt Druckausgleich, Träger: Fixpunkt gGmbH
GEBEWO Die Teupe
Wigwam, Träger: Vista gGmbH
Diakonisches Werk
ProWo
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie u.- somatik, Träger: Vivantes Klinikum Neukölln
Navitas

Hintergrund
Laut Kinderschutzstatistik für Neukölln gab es 1.240 Verdachtsmeldungen, von denen 879 = 70 % bestätigt wurden. Haupttatbestände waren Vernachlässigung, gefolgt von Misshandlung und häusliche Gewalt. Von 602 Kindesvernachlässigungen liegt der An-teil im Bereich Alkohol bei 6,3 % = 40 Fälle, im Bereich Drogen bei 4,1 % = 25 Fälle.

In der Suchtberatungsstelle liegt der Anteil der Klienten mit minderjährigen Kindern im Haushalt bei 12 % insgesamt, davon ein größerer Anteil im alkoholischen Bereich.

In der Substitutionsambulanz des A.I.D. haben ca. 1/3 der Klienten Kinder. Ca. 10% der Klienten leben mit mdj. Kindern im Haushalt.

Lt. Vivantes haben 50 % der auf der Suchtstation aufgenommenen Personen mit mdj. Kindern haben keinen Kontakt zum Jugendamt.