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Inhaltsspalte

Nina Przyborowski berichtet aus Valletta

zwei frauen
Nina Przyborowski mit Dr. Ghada
Bild: Nina Przyborowski
Nina Przyborowski arbeitet seit Januar 2019 als Koordinatorin für Geflüchtete im Gesundheitsamt Mitte. Als Schnittstelle zwischen dem Gesundheitsamt und externen Akteur_innen der Geflüchtetenhilfe steht sie als Ansprechpartnerin zu Angeboten im Gesundheitsamt aber auch zu Fragen, die die Gesundheitsversorgung Geflüchteter betreffen zur Verfügung. Im Rahmen ihres Austauschs möchte sie sich mit der Versorgung Geflüchteter in Malta beschäftigen und insbesondere die Aktivitäten und Kooperationspartner des “Migrant Health Liaison Office”, einer Koordinationsstelle in der Abteilung für primäre Gesundheitsversorgung, kennenlernen.

Abschlussbericht Nina Przyborowksi

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Bonġu aus Valletta!

Eindrücke aus Valetta
unterwegs in Valetta
Bild: Nina Przyborowski

Malta – ein Inselstaat mit etwas mehr als 400 000 Einwohnern, voller Geschichten von großen Belagerungen und architektonischen Meisterwerken. Voller prunkvoller Kirchen, steiler Felsküsten, liebevoll bemalter Fassaden, leckerer Pastizzi und aufwendig gestalteter Gärten. Und für die nächsten Wochen mein neuer Arbeitsort!

Valletta hat mich mit strahlendem Sonnenschein und unfassbaren 25 Grad empfangen. Meine Betreuerin Marika Podda Connor aus dem Migrant Health Liaison Office hat mich freundlicherweise vom Flughafen abgeholt und so sind wir schon eine Stunde nach meiner Landung tief in ein Gespräch über ihre Arbeit und die aktuelle Lage geflüchteter Menschen auf Malta verwickelt und besprechen den Ablauf der nächsten Wochen. Ich bin ehrlich gesagt anfangs etwas überfordert von den vielen neuen Eindrücken – natürlich habe ich mich in die aktuellen Projekte des Migrant Health Liaison Office eingelesen, aber die zuständigen Behörden, Ansprechpartner_innen, NGOs und Unterkünfte im Blick zu behalten fällt mir ziemlich schwer. Hinzu kommt, dass die Malteser zwar ein sehr klares und perfektes Englisch sprechen, ich mich aber dennoch an den neuen Akzent für meine Ohren gewöhnen muss. Erste Amtssprache ist hier übrigens Maltesisch, eine semitische Sprache, die dem Arabischen ähnlich ist aber mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird und unter den Einheimischen präferiert gesprochen wird.

Wir starten die Woche direkt mit einem Training, das Marika im Rahmen des PROTECT-Projekts gemeinsam mit der International Organisation for Migration (IOM) entwickelt hat, um die Sensibilisierung unter Fachkräften für sexuelle und gender-basierte Gewalt (auf englisch als SGBV abgekürzt) zu fördern. Zielgruppe der Workshops, die in den nächsten Wochen mehrfach an verschiedenen Orten stattfinden werden, sind alle Akteur_innen der Geflüchtetenarbeit in Malta – Mitarbeitende staatlicher Institutionen, internationaler Organisationen, von NGOs, von der Polizei aber natürlich auch medizinisches Personal der Health Center und Krankenhäuser. Wir sprechen unter anderem über die Ursachen für SGBV, über traditionelle gesundheitsschädigende Praktiken wie weibliche Genitalbeschneidung (engl. FGM), aber auch über die nationale Rechtslage bei SGBV sowie mögliche Ansprechpartner_innen und Anlaufstellen. Während der Pausen komme ich mit Akteur_innen wie UNHCR, Sozialarbeitenden vom Kinderschutzteam und der Migrantinnen-Selbstorganisation Migrant Women Association ins Gespräch und verabrede mich mit einigen von ihnen für die kommenden Wochen.

Außerdem hatte ich in meiner ersten Woche bereits die Möglichkeit, die Arbeit in einem Health Center kennenzulernen. Im Gegensatz zu den Hausarztpraxen in Deutschland ist es hier üblich, dass man bei gesundheitlichen Beschwerden ein Health Center aufsucht, in dem diverse Allgemeinärzt_innen, aber auch Fachärzt_innen zu denen dann in der Regel weiterverwiesen wird, ansässig sind. Das jeweils zuständige Health Center richtet sich nach dem Wohnort. Die gesundheitliche Versorgung geflüchteter Menschen findet u.a. im Floriana Health Center, in dem ich in dieser Woche hospitiert habe, statt. Hier arbeitet Dr. Ghada als arabischsprachige Kulturmediatorin. Sie ist eigentlich Allgemeinärztin, darf aber im Moment noch nicht in Malta praktizieren, da sie dafür erst eine Prüfung ablegen muss auf die sie sich aktuell vorbereitet. Als Kulturmediatorin wurde sie von Marika im Migrant Health Liaison Office in einer einwöchigen Fortbildung ausgebildet, um sie auf ihre Rolle als neutrale Übersetzerin, die ebenfalls wertvolle Hinweise zu kulturellen Hintergründen gibt um etwaige Missverständnisse vorzubeugen, vorzubereiten. Insgesamt hat Marika seit 2009 über 250 Kulturmediator_innen geschult, allerdings arbeitet im Moment nur Dr. Ghada als arabischsprachige Kulturmediatorin in den drei Health Centers, die für die gesundheitliche Versorgung Geflüchteter zuständig sind.

Ein weiteres Highlight dieser Woche war ein Meeting zwischen Marika und dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss, einem beratenden Nebenorgan der Europäischen Union. Der Ausschuss berät die Europäische Kommission zu Gesetzgebungsvorschlägen und fertigt u.a. Länderreports zu spezifischen Themen an, weshalb Marika eingeladen wurde, um über ihre Arbeit und die generelle Situation von Geflüchteten in Malta zu sprechen. Thematisiert wird u.a. der große Mangel an Kulturmediator_innen und Übersetzer_innen für seltenere Sprachen wie Somali sowie das Management der gesundheitlichen Versorgung von Geflüchteten, die Malta nachts mit Booten erreichen. Besonders überrascht sind die Vertreter_innen des Ausschusses, dass Malta eins der Zielländer für Menschenhandel ist und laut Marika noch sehr viel mehr Sensibilisierungsarbeit zu diesem Thema geleistet werden muss.

Zum Ende meiner ersten Woche in Malta muss ich betonen, dass ich mich hier wahnsinnig gut aufgehoben und betreut fühle. Marika nimmt sich neben ihren regulären Verpflichtungen viel Zeit für mich und wir sind überrascht, wie viele Überschneidungen es in unserer Arbeit gibt. In den nächsten Wochen werde ich Marika weiterhin auf ihren Terminen begleiten, aber auch NGOs und andere Akteur_innen aus der Geflüchtetenhilfe treffen.
Da Marika eher selten aufsuchend arbeitet, sondern eine Koordinatorinnen-Position einnimmt, hat sich bisher noch nicht die Gelegenheit ergeben, direkt mit geflüchteten Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich hoffe daher, dass sich hierzu innerhalb der nächsten Wochen noch Möglichkeiten ergeben.

Valletta: Impressionen

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Malta – Woche 2

Feierabend mit Blick auf die Stadt genießen
Feierabend mit Blick auf die Stadt genießen
Bild: Nina Przyborowski

Unglaublich, dass bereits die zweite Woche meines Malta-Aufenthaltes vorbei ist und somit schon die „Halbzeit“ meiner Hospitation erreicht ist! Mittlerweile habe ich mich etwas eingewöhnt und im maltesischen Alltag zurechtgefunden. Ich habe das lokale Bussystem verstanden (es gibt keine Bahn o.ä., wer kein Auto hat, ist auf den Bus angewiesen), habe mich an die Lautstärke im öffentlichen Raum gewöhnt (es wird ständig und überall gehupt – um zu sagen „Hier komme ich“, um Menschen aufmerksam zu machen, dass sie die Straße freimachen sollen oder auch einfach um Hallo zu sagen), habe maltesische Gewitter erlebt (sturzbachartige Regenfälle, die ganze Straßen unter Wasser setzen) und die berühmte Bridgebar-Jazzsession besucht. Das Wochenende habe ich genutzt, um mir die wunderschöne Landschaft Maltas anzuschauen. Dazu bin ich zuerst zu den „Dingli Cliffs“, dem höchsten Punkt der Insel an der Südküste gefahren und habe die Aussicht genossen. Im Anschluss habe ich die „Blue Grotto“, eine Grotte mit strahlend blauem Wasser inmitten riesiger Felsformationen besucht. Beeindruckend!

Im Vorfeld meines Malta-Besuchs habe ich einige NGOs und Internationale Organisationen angeschrieben und angefragt, ob sie Zeit für ein Gespräch mit mir hätten, um mir ihre Sicht der Situation Geflüchteter in Malta zu schildern. Eine dieser Organisationen war die „People for Change Foundation“, die sich für Menschenrechte und Antidiskriminierung in Malta einsetzt und sich in der letzten Woche zu einem Treffen bereit erklärt hat. Ganz aktuell beschäftigt sich die People for Change Foundation mit einem Vorfall, der sich vor knapp zwei Wochen ereignet hat. In einem der Open Centers, die hier die hauptsächliche Unterbringungsform Geflüchteter darstellen, gab es einen Aufstand, in dessen Rahmen die Büros der Agency for Asylum Seekers (AWAS) im Camp zerstört und Autos angezündet wurden. Über 100 Personen wurden im Nachgang des Aufstands festgenommen. Die PfC Foundation und weitere NGOs fordern nun in einer gemeinsamen Stellungnahme, dass die Anschuldigungen, die Festgenommenen seien im Zuge ihrer Inhaftierung degradierender Behandlung und Gewalt ausgesetzt worden, überprüft werden. Die Kommentare unter der Berichterstattung zu derartigen Vorfällen verdeutlichen ein weiteres Problem, das die PfC Foundation mit einem neuen Projekt adressieren möchte: Hate Speech und Hate Crime. Mit dem EU-finanzierten Projekt SHELTER soll untersucht werden, inwiefern Hate Crime im medizinischen Sektor bekannt ist und welche Hilfen Betroffenen angeboten werden. In einem zweiten Schritt sollen Workshops & Trainings für medizinisches Personal, das bspw. in Rettungsstellen oder in Health Centers arbeitet, angeboten werden, um für das Thema Hate Crime zu sensibilisieren und nationale Handlungswege aufzuzeigen. Im Rahmen eines informellen Runden Tisches mit weiteren NGOs soll Mitte November ein Einstieg in die Thematik gefunden werden, zu dem ich eingeladen wurde, einen Input zu Hate Crime und Hate Speech in Deutschland zu geben.

Dr. Ghada, die arabischsprachige Kulturmediatorin, die in den drei Health Centers die für Geflüchtete zuständig sind arbeitet, hat sich auch in dieser Woche bereit erklärt, mich hospitieren zu lassen. Sie spricht mit den Patient_innen bevor sie das Sprechzimmer aufsuchen, nimmt deren Daten auf und übersetzt dann die medizinischen Anliegen und erklärt evtl. kulturelle Besonderheiten, die beachtet werden sollten. In dieser Woche begleite ich sie im wesentlich kleineren Kirkop-Health-Center, das sich ca. 30 Minuten von Valletta entfernt befindet. Besonders bestürzt mich der Besuch von zwei 15-Jährigen, die aus dem zuvor beschriebenen Open Center, das offiziell nur Erwachsene beherbergt, kommen und ohne sozialarbeiterische Begleitung vorsprechen. Auch hier erweist sich der Einsatz von Dr. Ghada als extrem wichtig, denn sie erklärt den Jugendlichen, welche Diagnose ihnen der Arzt gegeben hat, wie und wo sie ihr Rezept in der Apotheke einlösen können und informiert die im Open Center regulär zuständige Sozialarbeiterin darüber, dass die Minderjährigen durch einen Sozialarbeiter bei ihren Arztbesuchen begleitet werden müssen.
Da eine Familie für die Dr. Ghada übersetzt im Anschluss an ihren Arzttermin im Ministerium für Bildung und Arbeit vorsprechen muss, nutze ich die Gelegenheit, um sie zu begleiten. Anlass des Termins ist die Registrierung ihrer Kinder für den Schulbesuch und die Beantragung der Befreiung von Schulgebühren. Die Mitarbeitenden des Ministeriums sind sehr hilfsbereit und erklären mir begeistert ihre Arbeit, die allerdings eher administrativen Charakter hat. Ein Problem, das wir auch aus Deutschland kennen, ist auch hier, dass die arabischen Namen von den verschiedenen Stellen ganz unterschiedlich übersetzt werden und so häufig Dokumente (bspw. die Erstregistrierung durch die Polizei und das vom Refugee Commissioner ausgestellte vorläufige Ausweisdokument)
nicht übereinstimmen, was bspw. die Registrierung für Schulbesuche erschwert.

In dieser Woche habe ich außerdem ein Seminar zum Thema „Involuntary Treatment in Mental Health“ besucht, das an der Medical School des Mater Dei Krankenhauses, dem einzigen staatlichen Krankenhaus auf Malta, stattgefunden hat. Anwesend war auch der Präsident Maltas (Staatsoberhaupt, Regierungschef ist der Prime Minister), zu dessen Ankunft im Saal aufgestanden und die maltesische Nationalhymne gespielt wird. Das Seminar selbst widmete sich vorrangig juristischen Themen und der Erweiterung der Oviedo-Konvention (Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin des Europarates) um ein Zusatzprotokoll, das sich ganz explizit auch Zwangsmaßnahmen im Bereich psychischer Gesundheit widmen soll. In diesem Rahmen wurde zwischen einer Vertreterin des Bioethik-Kommittees des Europarates und einem Vertreter des Kommittees der UN Behindertenrechtskonvention diskutiert, welcher Änderungen am Zusatzprotokoll es bedarf.

Nach so einer ereignisreichen Woche freue ich mich auf ein sonniges Wochenende an dem ich mich wieder auf Entdeckungstour zu den Sehenswürdigkeiten Maltas begeben werde!

Woche 3 in Malta – fimtni!?

blick auf vittoriosa
Blick auf Vittoriosa
Bild: Nina Przyborowski

Nach 3 Wochen in Valletta habe ich mich daran gewöhnt, morgens von den Nachbarn, die sich auf der Straße laut auf Maltesisch unterhalten, geweckt zu werden. Da ich nur eine Minute vom Wasser entfernt wohne, ertönt hier außerdem regelmäßig das Nebelhorn auslaufender Kreuzfahrtschiffe und wenn man um 12 Uhr an den Upper Barakka Gardens vorbeiläuft, erlebt man den Schuss der Salutkanone, die den Seeleuten früher die exakte Zeit mitteilen sollte und heute eine der Haupttouristenattraktionen in Valletta ist.
Mein neues Lieblingswort, das auch eins der wenigen Wörter ist, die ich aufgrund der Ähnlichkeit zum Arabischen verstehe, ist „fimtni?“, das übersetzt so viel wie „Hast du mich verstanden?“ bedeutet und in unseren Meetings häufig vorkommt. Leider „fimtni“ ich ansonsten recht wenig auf Maltesisch, was aber in Ordnung ist, da man mit einem Lächeln und der englischen Sprache auch überall weiter kommt.

Da ich leider keine Antwort der Agency for the Welfare of Asylum Seekers (AWAS), dem maltesischen Pendant zum Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) in Berlin, bekommen habe, konnte ich mit keinem der Sozialarbeitenden in den Open Centers, also den maltesischen Gemeinschaftsunterkünften, sprechen. Auch sind die Open Centers durch Security Personal extrem abgeriegelt, sodass ich keinen Zugang erhalten konnte. Dennoch bin ich gemeinsam mit meiner Betreuerin Marika an einigen Open Centers vorbeigefahren und konnte mir so zumindest von außen einen Eindruck verschaffen. Grundsätzlich wird in Malta zwischen Open und Closed Centers unterschieden, wobei die Closed Centers letztendlich Haft bedeuten. Eigentlich sollte diese Praxis, Asylsuchende zu inhaftieren, seit 2014 nicht mehr angewendet werden. Da Malta aber in diesem Sommer vergleichsweise viele Neuankünfte Geflüchteter erlebt hat und es ein akutes Platzproblem in den Unterkünften gibt, wird in Ausnahmefällen auf die Unterbringung in Haft zurückgegriffen. Wir sehen auch die Unterbringung in Hal Far, dem Open Center, das Ende Oktober aufgrund der Aufstände dort auch international in die Medien gelangt ist. Hal Far befindet sich vergleichsweise weit außerhalb und man kommt nur mit Bussen, die aber leider manchmal auch nicht anhalten, von dort weg. Ich erlebe den Ort als trostlos und „mitten im Nirgendwo“. Tatsächlich leben hier ca. 1000 Menschen, die erst wenn sie selbständig Arbeit und eine Wohnung finden dort ausziehen können.

Mit den Bedingungen in den Open Centers und in Haft beschäftigt sich in Malta unter anderem der United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR), eine internationale Organisation die zu den Vereinten Nationen gehört und länderbasiert sehr unterschiedlich arbeitet. In Malta unterteilt sich die Arbeit des UNHCR in die Säulen „Protection, Public Information, Durable Solutions“. Letztere bestehen beispielsweise aus Projekten, die die Integration Geflüchteter in die maltesische Gesellschaft unterstützen sollen. Über die „Public Information“ habe ich u.a. erfahren, welche Schutzarten es in Malta gibt und wie viele Geflüchtete Malta monatlich erreichen. Die Arbeit im Rahmen des Schwerpunkts „Protection“ wiederum besteht in regelmäßigen Besuchen der Menschen, die in Open Centers und in Haft untergebracht sind. Die Mitarbeitenden des UNHCR erklären den Menschen das Asylverfahren, stellen Verbindungen zu Rechtsberatungen, Anwält_innen oder auch zur psychosozialen Versorgung her. Ein weiterer Teil der Arbeit des UNHCR besteht darin, festgestellte Missstände in den Unterkünften durch direkte Advocacy-Arbeit bei den zuständigen staatlichen Stellen wie AWAS, aber auch bei der maltesischen Regierung anzusprechen. In einem Gespräch mit den Mitarbeitenden vor Ort erfahre ich außerdem, dass es in Malta für subsidiär Schutzberechtigte grundsätzlich keinen Familiennachzug gibt. Auch gibt es wenig Möglichkeiten für besonders Schutzbedürftige, die Unterkunft zu wechseln – grundsätzlich gibt es kein automatisches Screening auf besondere Schutzbedürftigkeit nach Ankunft in Malta, das auch vom UNHCR kritisch gewertet wird.

Gemeinsam mit Marika habe ich in dieser Woche außerdem eine Hebamme im Mater Dei Krankenhaus besucht, die mit der Einrichtung einer pränatalen Versorgungsstelle für schwangere geflüchtete Frauen beschäftigt ist. Ziel dieser Stelle soll es sein, einen Nachmittag pro Woche Angebote für im Rahmen von Search and Rescue Missionen (Seenotrettung) gerettete schwangere Frauen zu machen. Geplant ist der Einsatz von Kulturmediatoren, um die Verständigung zu ermöglichen. Für die pränatale Versorgung müssen die geflüchteten Frauen das Mater Dei Krankenhaus aufsuchen, Hebammenbesuche in den Open/Closed Centers gibt es nicht. Da die Unterkünfte wie bereits geschildert teilweise sehr weit außerhalb liegen, gestaltet sich das Aufsuchen des Krankenhauses – erst recht mit evtl. weiteren Kindern – als sehr schwierig für die Frauen. Marika berät die zuständige Hebamme zu diesen Problemlagen der geflüchteten Frauen, gibt einen Überblick über die vorhandenen Open Centers und bietet ihre Hilfe dabei an, ein Meeting mit allen Koordinator_innen der Open Centers zu organisieren, damit das Angebot bekannt gemacht werden kann.

Außerdem hatten Marika und ich in dieser Woche Zeit, um uns die Unterlagen für ihre „Health Education Sessions“ anzuschauen, die sie für neu angekommene Geflüchtete in Malta in den Open Centers anbietet. Da keine dieser Veranstaltungen während meines Aufenthaltes hier stattfindet, habe ich darum gebeten, dass wir uns das Material zumindest theoretisch anschauen, damit ich einen Überblick bekomme. Die Workshops erklären den grundsätzlichen Funktionsablauf des maltesischen Gesundheitssystems und thematisieren außerdem Aspekte wie reproduktive Gesundheit, gesunde Ernährung und Impfungen. Ich denke, das ist eine Idee, die sich durchaus gut auf Berlin übertragen lassen würde.

Auch zum Ende dieser Woche bin ich erschöpft (vom vielen Input), aber glücklich und gespannt, was für Überraschungen meine letzte Arbeitswoche in Malta für mich bereit hält!

Woche 4 in Malta – alright!

Umayama Elamin Amer und Nina Przyborowski
Umayma Elamin Amer und Nina Przyborowski
Bild: Nina Przyborowski

„Alright?“ begleitet mich schon seit meiner Ankunft in Valletta. Es wird häufig anstatt des klassischen „How are you?“ in Begrüßungen verwendet, aber auch gern als Füllwort zu Beginn von Ausführungen verwendet. Für mich klingt es unglaublich sympathisch und ich erwische mich neuerdings selber dabei, wie ich meine Sätze mit diesem Füllwort, das im Britischen Englisch weit weniger verwendet wird, beginne.

Hinter mir liegt meine vierte Woche in Malta, die – obwohl ich noch eine Woche Urlaub vor Ort anhänge – schon von viel Schwermut und Abschied begleitet ist. Nicht nur einmal haben meine Betreuerin Marika und ich uns darüber gewundert, wie schnell die Zeit vergeht.

In dieser Woche habe ich mich mit der Migrant Women Association Malta getroffen, einer Migrantinnenselbstorganisation, die 2015 von geflüchteten Frauen gegründet wurde. Umayma Elamin Amer, die Präsidentin der Organisation, erklärt mir, dass ihre Organisation sich nur aus Freiwilligen zusammensetzt. Wichtige Schwerpunkte der Organisation sind der Abbau von Sprachbarrieren durch kostenlose Englischkurse für geflüchtete Frauen und Projekte, die den Arbeitsmarktzugang geflüchteter Frauen fördern. Ein besonders erfolgreiches Projekt ist „Sahha“, ein Catering-Service, der von geflüchteten Menschen angeboten wird und u.a. schon Veranstaltungen von NGOs, Botschaften und der Regierung kulinarisch versorgt hat. Auch das Migrant Health Liaison Office kooperiert häufig mit der Migrant Women Association, um beispielsweise Health Education Sessions und Workshops direkt bei geflüchteten Menschen bewerben zu können. Aktuell wird ein Workshop zum Thema Maternal Health (Müttergesundheit) organisiert, den die Migrant Women Association auf ihren Kanälen bewirbt.

Ein weiteres Highlight meiner Woche war die Einladung zu einem Runden Tisch mit verschiedenen NGOs bei der People for Change Foundation, die ich bereits in meiner zweiten Woche besucht hatte. Anlass des Runden Tischs war die Vorstellung des neuen Projektes „SHELTER“, das sich mit dem Thema Hate Speech und Hate Crime beschäftigt und dabei insbesondere den Sektor Gesundheitsversorgung ins Visier nimmt. Untersucht und verbessert werden soll die Versorgung von Opfern von Hate Crime in Health Centers und Krankenhäusern. Ich wurde gebeten einen Input zur Gesundheitsversorgung Geflüchteter in Deutschland zu geben und unsere Erfahrungen mit Hate Crime und Hate Speech zu teilen. Auch wenn letzteres nicht unbedingt meine Expertise ist, entwickelte sich im Nachgang meines Vortrags eine spannende Diskussion, die sich u.a. damit beschäftigte, wie man Menschen, die Hate Crime erlebt haben, dazu motivieren kann dies zur Anzeige zu bringen. Thematisiert wurden außerdem systemisch bedingte Probleme wie Rassismus in öffentlichen Institutionen und die Rolle von zivilgesellschaftlichem Engagement. In Gesprächen mit den Malteser_innen ist mir aufgefallen, dass große Zurückhaltung herrscht, sich zum Thema Geflüchtete zu positionieren. Als Grund hierfür wird mir beispielsweise erklärt, dass die „Inselmentalität“ auch umfasse, dass sich letztendlich jeder über drei Ecken kennt und keine Spaltungen innerhalb von Familien und Freundeskreisen hervorrufen will, indem man offen Stellung für oder gegen Geflüchtete bezieht. Der Tenor des Runden Tisches ist, dass sich dies auch im zivilgesellschaftlichen Engagement für Geflüchtete widerspiegelt – die Zivilgesellschaft ist erschöpft und verfügt kaum noch über Kapazitäten.

Um auch einige Fragen zur psychischen Gesundheitsversorgung stellen zu können, habe ich in dieser Woche außerdem einen Termin mit dem Office des Mental Health Commissioners organisiert. Das Büro übernimmt hauptsächlich Überwachungs- und Koordinierungsfunktionen und überprüft beispielsweise die Zwangseinweisungen von Patient_innen, überwacht die psychiatrischen Einrichtungen und initiiert Projekte, um die Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen und Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären. Im Rahmen des Gesprächs wird klar, dass es zwar Möglichkeiten gibt, Kulturmediator_innen oder Dolmetscher_innen für die Behandlung Geflüchteter zu organisieren, grundsätzlich gibt es aber kaum Projekte vergleichbar mit den mobilen Kontakt- und Beratungsstellen in Berlin oder TransVer, die darauf abzielen den Zugang zur Regelversorgung zu vereinfachen.

An meinem letzten Arbeitstag in Malta nutze ich die Chance, die Arbeit der International Organisation for Migration (IOM Malta) live zu erleben. Ich darf in den „Open Hours“ hospitieren, in denen Geflüchtete ihre Anliegen den Mitarbeitenden von IOM vorstellen. IOM beschäftigt sich vorrangig mit den Themenschwerpunkten Resettlement, Relocation und Voluntary Assisted Return, initiiert aber auch gemeinsam mit nationalen Partnern Projekte wie das PROTECT-Projekt zum Thema Sexual and Gender-based violence, das ich zu Beginn meines Aufenthalts besucht habe. Das Resettlement-Programm von IOM umfasst die Umsiedlung von geflüchteten Menschen in die USA. Relocation wird vor allem bevor ein Schiff mit geretteten Geflüchteten in Malta anlegen darf relevant: häufig wird hier bevor dem Boot überhaupt erlaubt wird anzulegen mit anderen EU-Staaten vereinbart, dass das Asylverfahren und die Verantwortung für die geretteten Menschen nicht bei dem EU-Land in dem das erste Mal EU-Boden betreten wird liegt, sondern sich andere EU-Staaten bereit erklären, die Menschen aufzunehmen. IOM organisiert dann die Relocation inkl. Reisevorbereitungen, med. Untersuchungen und Transport. In der letzten Woche hat beispielsweise eine Relocation von ca. 130 Personen nach Deutschland stattgefunden. Unter Voluntary Assisted Return versteht man die freiwillige Rückreise in das Heimatland. Auch hier unterstützt IOM organisatorisch und bei Bedarf auch finanziell. IOM übernimmt im Rahmen dieser Programme natürlich nur die praktische Unterstützung, denn die grundsätzlichen Vereinbarungen die getroffen werden müssen, um Programme wie Resettlement, Relocation und Voluntary Assisted Return durchzuführen, fallen unter die staatliche Souveränität.

Hinter mir liegen nun vier aufregende Wochen, in denen ich viel über die Situation Geflüchteter in Malta, aber auch über die Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind, lernen konnte. Durch Maltas Größe erscheint mir die Zusammenarbeit zwischen internationalen und nationalen Akteur_innen wesentlich enger als ich es aus Berlin kenne. Gleichzeitig gibt es aber auch hier viele Differenzen zwischen staatlichen Institutionen & Behörden und NGOs. Das Migrant Health Liaison Office hat in diesem Geflecht eine erstaunlich gute Position obwohl es sich hierbei um eine staatliche Einrichtung handelt, die zum Gesundheitsministerium gehört. Nicht zuletzt dürfte das in der Person Marika Podda Connors liegen, die sich durch ihre diplomatische und lösungsorientierte Art bei allen Akteur_innen, die ich im Laufe meines Aufenthalts kennengelernt habe, einen sehr guten Ruf verschafft hat.

Ich blicke wie man so schön sagt mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf meinen Abschied aus Malta, denn ich freue mich natürlich auf Berlin, verlasse Malta aber schweren Herzens. Die Erfahrungen, die ich hier gesammelt habe, haben mir deutlich gemacht, wie gravierend die Lage in Staaten wie Malta, die die EU-Mitgliedsstaaten seit Jahren um Hilfe im Management Geflüchteter bitten, ist. Viele Projekte, die für uns in Berlin selbstverständlich sind, gibt es hier nicht, da die Insel klein und die Kapazitäten begrenzt sind. Dennoch gibt es ein gut funktionierendes Netz von Organisationen und Menschen, die sich für Geflüchtete engagieren und hier viel Herzblut in ihre Arbeit und in die Einhaltung der Menschenrechte stecken. Insgesamt sind mir alle Menschen mit denen ich hier zu tun hatte mit einer beeindruckenden Offenheit und aufrichtigem Interesse begegnet. Ich habe im Laufe des Aufenthaltes nicht nur an der Verbesserung meines englischen Fachvokabulars arbeiten können, sondern auch meine Phobie davor, unbekannte Akteur_innen anzusprechen und nach ihrer Arbeit zu fragen (kurzum: Netzwerken!), erfolgreich ablegen können. Nicht zuletzt hat mir der LoGo!-Europe Austausch gezeigt, wie wichtig europäischer und internationaler Austausch ist, um sich distanziert und mit neuer Kreativität mit seinem Arbeitsfeld auseinander zu setzen und ich möchte diese Möglichkeit nur jedem und jeder wärmstens weiterempfehlen!