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Judith Laub berichtet aus Paris

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Bild: judith Laub

Judith Laub ist im Bezirksamt Mitte für die Programmleitung und Projektmanagement Stadtkultur und Kulturelle Bildung zuständig.

Abschlussbericht Judith Laub

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Tulpenschtrauß
Bild: Judith Laub

Einen Tag später als geplant erreicht mein Zug Paris Gare de l’Est am Samstag, den 19. Oktober 2019. Grund für die Verzögerung war nicht der unangekündigte Streik der französischen Bahn infolge eines Unfalls zwei Tage zuvor – Am Mittwoch, 16. Oktober 2019 kommt es in den Ardennes, im Nordosten Frankreichs, zu einem Zugunglück mit 11 Verletzten. Der verletzte Lokführer musste sich allein um die Zugreisenden und die Sicherung der Unfallstelle kümmern, da kein weiteres Personal an Bord war. Die Gewerkschaft CGT fordert daraufhin mehr Zugpersonal; bisher kam es zu keiner Einigung mit der SCNF. – sondern eine 30-minütige Verspätung meines ICEs am Berliner Hauptbahnhof. Der TGV nach Paris konnte nicht mehr rechtzeitig in Frankfurt erreicht werden. Am nächsten Morgen sollte es klappen.

Paris. Hauptstadt, Touristenmagnet, Kulisse zahlreicher Filme. Eine Stadt, die stetig wächst, aus allen Nähten platzt, und zugleich den Bedürfnissen ihrer Bewohner*innen, und Besucher*innen, irgendwie nachkommen muss. Grand Paris (Groß-Paris) ist nicht mehr nur in Planung, sondern längst in Umsetzung.

In den kommenden vier Wochen bin ich im Rahmen des Austauschprogramms Logo! Europe zu Gast in der Pariser Kulturverwaltung, der Direction des affaires culturelles de la Ville de Paris. Der Fokus wird dabei auf all jenen Themenbereichen liegen, mit denen ich als Programmleiterin für Stadtkultur im Bezirksamt Mitte von Berlin, Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte betraut bin: Kunst im Stadtraum, Kunst am Bau, Erinnerungskultur und Fragen der kulturellen Stadtentwicklung. Unmittelbar damit verbunden sind unter anderem wissenschaftliche Recherchen, Programmplanung und -steuerung, die Durchführung von Vergabeverfahren, Vertragsmanagement, Drittmittelakquise, ressortübergreifende Gremienarbeit, Berichtswesen sowie die Beratung von Künstler*innen.

#1 Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum, Kunst im Stadtraum, Street Art, Urbane Künste, Urbane Kulturen…

Die Fontaine Stravinsky (Strawinski-Brunnen, 1983) von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely in unmittelbarer Nähe zum Centre Pompidou hat sicherlich jede*r Paristourist*in bereits gesehen, die Kunstwerke, die seit 2006 entlang der neuen Tramway Linie T3 entstehen, vielleicht noch nicht. Mit Embellir Paris (Paris verschönern, 2018/19) kommt Kunst für ein bis drei Jahre an 20 bisher unbemerkte Orte der Stadt, und meist unbemerkt entstanden irgendwann, vor langer Zeit oder vor kurzem, die vielen Graffitis an den historischen Hausfassaden. Die Nuit Blanche (Lange Nacht, 5./6. Oktober 2019) legte den Künsten in diesem Jahr bemerkenswert viele Straßen und Plätze zu Füßen erfahre ich, und auch die FIAC, die internationale Messe für zeitgenössische Kunst, hat längst den Weg in den öffentlichen Raum gefunden. Und noch vor Beginn der Olympischen Spiele 2024, soll 2020 die Olympiade culturelle (Kulturolympiade) beginnen. Es handle sich hierbei um die zeitgenössische Fortführung des „Fünfkampfes der Musen“ (Architektur, Bildhauerei, Malerei, Literatur und Musik), den Pierre de Coubertin sich erdacht hatte, als er die Olympischen Spiele der Neuzeit im Sinne der Olympischen Spiele der Antike initiierte, bei denen Kunstwettbewerbe durchgeführt wurden, ist auf der Internetseite der Stadt Paris zu lesen.
Kunst im Stadtraum wirft hier ähnliche Fragen auf wie in Berlin:
Wie kommt die Kunst in die Stadt? Was könnten neue Ansätze für die Produktion zeitgenössischer Kunst im Stadtraum sein? Wie können Stadtbewohner*innen eingebunden werden? Welche Möglichkeiten der Kunstvermittlung gibt es, und welche sind sinnvoll? Wie viel Platz (und welche Plätze) kann Kunst im öffentlichen Raum einnehmen? Und wer entscheidet darüber? Wie gelingt es der Kunst im öffentlichen Raum tatsächlich auch eine kritische Öffentlichkeit für gesellschaftliche Themen zu schaffen? Und in welchem Verhältnis steht die Kunst im Stadtraum zu Aufwertungsprozessen und Marketingstrategien?

#2 Ein Strauß Tulpen für Paris.
Der Abschlussbericht meines Vorgängers in der Pariser Kulturverwaltung im Rahmen des Austauschprogramms Logo! Europe ist mit dem 15. November 2015 datiert. Im post scriptum findet sich der Auszug einer E-Mail-Korrespondenz mit Pariser Kolleg*innen – ein Versuch, Worte zu finden für das, was sich zwei Tage zuvor ereignet hatte: bei einem Terroranschlag verloren hier 130 Menschen ihr Leben, 683 wurden verletzt.
Vier Jahre später, am 4. Oktober 2019, wird die Arbeit Bouquet of Tulips des Künstlers Jeff Koons feierlich Paris übergeben. Ein „Geschenk“, so heißt es, an die Stadt auf Initiative der ehemaligen US-Botschafterin in Frankreich und Monaco, Jane D. Hartley in Gedenken an die Opfer der Terroranschläge.
Um die tatsächlichen Kosten, die Intentionen des Künstlers und die seiner Mäzene entbrannten in den letzten vier Jahren heftige Kontroversen. In einem von rund 8.000 Personen unterzeichneten Offenen Brief werden der Standort, die Symbolik, die künstlerische Qualität der Koonschen Großplastik und nicht zuletzt die zugrundeliegende verfahrenstechnische Vorgehensweise infrage gestellt.

#3 Métro, boulot, dodo

Bois-le-Roi. Ein beschaulicher Vorort rund 70 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. 40 Minuten Zugfahrt, dann mit der Métro bis zur Station Saint-Paul. Kurzer Spaziergang und ich bin an meinem temporären Arbeitsplatz, in der 31, rue des Francs-Bourgeois im 4. Arrondissement, Mitten im Marais. Die Kulturverwaltung residiert dort seit 1989 im prachtvollen Hôtel d’Albret. Am Abend, die gleiche Strecke wieder retour.

Mit rund 2 Millionen Einwohner*innen und einer Fläche von 105,4 Quadratkilometern zählt Paris zu einer der dichtest besiedelten Städte weltweit. Etwa 21.000 Menschen drängen sich hier auf einem Quadratkilometer. Mehr als die Hälfte eines durchschnittlichen Gehalts fließt in die Miete. Spätestens, wenn sie eine Familie gründen, sehen sich viele Paare mit der Tatsache konfrontiert, raus aus der Stadt und irgendwohin ins Umland umziehen zu müssen. Die Annonce in der Auslage eines Immobilienbüros unweit meines Schreibtisches preist 5,79 Quadratmeter Wohnfläche (mit Möglichkeit des Einbaus einer Dusche sowie Toilette auf dem Flur) für einen Kaufpreis von 65.000,00 Euro an. Zuzüglich Maklergebühr und Steuern, versteht sich.

Wieviel Identifikation mit einer Stadt ist möglich zwischen Bahnhof, Arbeitsplatz und Kantine?

#4 Wie die Kunst in die Stadt kommt.

streetart
streetart in Paris
Bild: Judith Laub

2014 wurde Anne Hidalgo Bürgermeisterin von Paris und sie formulierte die Förderung der Kunst in der Stadt als eine Priorität ihrer Amtszeit.

Paris und Berlin begannen etwa zeitgleich 2018-19 Pilotprojekte zur Kunst im Stadtraum zu realisieren: Während in Berlin die Konzeption und Durchführung dessen durch den Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte des Bezirksamts Mitte erfolgte (ich zeichnete für die Programmleitung, die künstlerische Projektleitung übernahm Elke Falat) und sich damit auch allein auf den Bezirk Mitte und insbesondere auf den Hansaplatz konzentrierte, setzte die Stadt Paris kurzfristig eine fünfköpfige Projektgruppe zusammen (Projektleitung: Lucie Marinier, Projektkoordination: Lucile Ink, Produktionsleitung: Audrey Turpin, Technische Prüfung: Emmanuel Burgaud, Praktikantin: Coline Coisne). Die 20 Arrondissements wurden gebeten, je einen Ort zu benennen, für den Künstler*innen, Studierende von Kunstakademien, Künstlerkollektive, Architekt*innen, Designer und gemeinnützige Vereine eine Projektidee einreichen konnten. Die Stadt Paris stellte eine Beteiligung an den Produktionskosten in Höhe von 50.000,00 Euro pro Projekt in Aussicht sowie die technische und administrative Begleitung im Rahmen der Umsetzung. Die Kunstwerke sollten für eine Dauer von 1 bis 5 Jahre konzipiert werden, bleiben Eigentum der Urheber*innen, die damit allerdings auch für die Unterhaltung dieser verantwortlich sind. Von den 700 eingegangenen Einreichungen war, nach sachverständiger Prüfung, nur die Hälfte technisch realisierbar; diese wurden veröffentlicht und allen Pariser*innen zur Abstimmung freigegeben. Das Votum wurde wiederum 20 Jurys vorgelegt, die sich jeweils zusammensetzten aus Anwohner*innen, Fachleuten aus den Bereichen Kunst, Architektur, Urbanismus, Design und Vertreter*innen kultureller Einrichtungen sowie die politischen Vertreter*innen der Arrondissements und der Stadt Paris. Die realisierten Arbeiten haben den jeweiligen Ort zweifelsfrei verändert, ihm Neues hinzugefügt.

Die Frage nach den gesellschaftspolitischen Potentialen von Kunst im Stadtraum, nach ihrem Stellenwert und ihrer Funktion, ja nach der Definition des öffentlichen Raums selbst scheint langsam an Momentum zu gewinnen: Ist der „öffentliche Raum“ doch genau jener Bereich im sozialen Gefüge einer Stadt, in dem Individuen zusammenkommen (können), um gesellschaftliche Probleme zu benennen, sie frei zu diskutieren und durch diese Diskussionen politisches Handeln eventuell zu beeinflussen.