Rückblick auf „Grimme trifft die Branche“ 2013 in Berlin - „Der Fall Jakob von Metzler“ im Diskurs

Pressemitteilung vom 19.12.2013

Die Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Umwelt und Naturschutz,
Sabine Weißler, informiert:

Die gemeinsame Veranstaltung von Grimme – Institut und Institut für Schauspiel, Film-Fernsehberufe (iSFF) an der VHS Berlin Mitte hat diesmal wieder in Berlin stattgefunden. Am 16.12.2013 traf sich die Branche in der Deutschen Kinemathek, um über den diesjährig preisgekrönten Film „DER FALL JAKOB VON METZLER“ zu diskutieren. Die Veranstaltung wird traditionell einmal jährlich, abwechselnd in Berlin und München durchgeführt. Ziel ist es, die Vergabekriterien und die Beurteilung von Fernsehqualität anhand einer Produktion zu erörtern, die aktuell den begehrten Grimme-Preis erhalten hat.

Auch kurz vor Weihnachten war das Interesse der Film- und Fernsehmacher ungebrochen groß, so dass die Veranstaltung schnell ausgebucht war. Nach der Filmvorführung und der Begrüßung durch Uwe Kammann, Leiter des Grimme-Instituts, Dr. Ulrich Spies, Leiter des Grimme-Preises und Dr. Jutta Wiegmann, Leiterin des iSFF, wurde die Jurybegründung vorgetragen.

Auf dem Podium stellten sich anschließend der Drehbuchautor Jochen Bitzer, der Hauptdarsteller Robert Atzorn, teamworx Produzent Benjamin Benedict und Caroline von Senden, die Redaktionsleiterin Fernsehfilm (ZDF), den Fragen des Journalisten Volker Bergmeister und der ca. 140 Gäste.

Der Film rekonstruiert einen der spektakulärsten Entführungsfälle der jüngeren deutschen Geschichte und seine juristische Aufarbeitung: Die Entführung und Ermordung des elfjährigen Bankierssohns Jakob von Metzler im Jahr 2002. Der Täter Magnus Gäfgen lieferte sich ein tagelanges Katz- und Mausspiel mit der Polizei. Er weigerte sich, das Versteck des Kindes preiszugeben. Daraufhin entschied der damalige Vizepräsident der Frankfurter Polizei, Wolfgang Daschner, unter Berufung auf den „Notwehrparagraphen“ 32 des Strafgesetzbuches, Gäfgen im Verhör unmittelbaren Zwang anzudrohen, um ihn zu einer Aussage zu bewegen. Das Nachspiel dieser Anordnung löste in Deutschland nicht zuletzt durch die nachfolgenden Prozesse eine mediale und politische Wertedebatte aus.

Bei dem Fall kollidierte eine der wichtigsten Errungenschaften einer demokratischen Gesellschaft –das Folterverbot – mit dem unbedingten Willen, das Leben des Kindes zu retten.
Wie der Film dieses Thema umsetzt und welche Ziele damit verfolgt wurden, war zentrales Thema der Podiumsdiskussion. Im Mittelpunkt stand dabei die hohe Präzision bei der filmischen Umsetzung, die enorme Recherchearbeit und der Wille, das Geschehene faktengetreu wiederzugeben. Dabei habe der Film aber keinen dokumentarischen Charakter. Vielmehr gehe es darum, die inneren Konflikte der Protagonisten auszuleuchten, um den tieferen Gehalt des Geschehenen spürbar zu machen, ohne dem Zuschauer ein Urteil aufzudrängen. Gerade dadurch seien die Zuschauer erreicht worden, machte die verantwortliche Redaktionsleiterin des ZDF deutlich, was sich in den vielfältigen Reaktionen der Zuschauer auf den Film ausgedrückt habe.

Der Produzent Benjamin Benedict betonte, dass der Film dem Anspruch der Authentizität verpflichtet sei. Und Autor Jochen Bitzer ergänzt „ Wir wollten zeigen, wie es wirklich zugeht, wir wollten keinen Tatort machen. Wir haben versucht, Realismus herzustellen“. Für ihn sei Wolfgang Daschner von vornherein die zentrale Figur der Handlung gewesen: “Ich habe versucht, den Konflikt herauszuarbeiten. Das Entscheidende war die Frage, ‘Was passiert mit Daschner’? Die Wahl der Perspektive war daher von vornherein klar. Daschner ist die Figur, die den Konflikt hat.“

Wie sehr ihn die Arbeit an einer Figur, die solch einen moralischen Konflikt austragen muss, herausgefordert hat, schilderte Darsteller Robert Atzorn: “Das Drehbuch war so genau, dass jeder Satz, der hier fällt, durch mindestens zwei Zeugen belegt ist. Ich wollte das innere Beben Daschners spürbar machen. Es war sehr schwer. man kann keine Register wie ‘betroffen’ oder ‘gerührt’ aufmachen.“

Dr. Jutta Wiegmann, Grimme-Jurorin, stellte als Begründung für die Auszeichnung des Films besonders heraus, dass der Film den Anspruch einlöse, die Widersprüche der Gesellschaft und die daraus resultierenden inneren Konflikte zu thematisieren, aber nicht zu lösen zu wollen. Es sei so „ein kühler, leiser, eindringlicher und berührender Film gelungen, der im Laufe der Geschehnisse seine Wirkung auf den Zuschauer mit wachsender Intensität entfaltet.“

Im sechsten Jahr ihres Bestehens hat sich die Veranstaltung „Grimme trifft die Branche“ als wichtiges Diskussionsforum der Branche etabliert, das neben der Auseinandersetzung mit beispielhafter Fernsehqualität die Vernetzung fördert und Impulse für Film- und Fernsehmacher gibt.

Bisherige Veranstaltungen in der Reihe:2012 – Die Hebamme – Auf Leben und Tod, München2011 ─ “Im Angesicht des Verbrechens”, Berlin 2010 ─ “Kommissar Süden und der Luftgitarrist”, München 2009 ─ “Das wahre Leben”, Berlin 2008 ─ “An die Grenze”, Berlin

Medienkontakt:
Bezirksamt Mitte von Berlin, Dr. Jutta Wiegmann, Leitung iSFF an der VHS Berlin Mitte
Tel.: 030 90 18 374 16 Handy: 0177 641 77 86
jutta.wiegmann@ba-mitte.berlin.de