Der zweite Bauabschnitt im Stadtteilpark Helle Mitte wird nach Kurt Julius Goldstein benannt, 11.04.

Pressemitteilung vom 08.04.2010

Im Dezember 2009 hat das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf auf das Ersuchen der Bezirksverordnetenversammlung vom Oktober 2009 beschlossen, die Nord-Ost-Hälfte des Stadtparks Hellersdorf als eigenständigen Park nach Kurt Julius Goldstein zu benennen.

Kurt Julius Goldstein, über viele Jahre Bewohner des Bezirkes, als Jude und Kommunist aktiv und während der Nazi-Zeit verfolgt, zu Zwangsarbeit verurteilt und in Konzentrationslagern inhaftiert, war Träger des Verdienstkreuzes 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Zu seinen Ehren und zur Erinnerung an den Schwur von Buchenwald, den er mit geschworen hat, soll der Park am Sonntag, dem 11. April um 11.00 Uhr , im Rahmen einer festlichen Namensgebung eingeweiht werden. Treffpunkt ist die befestigte Fläche im Park am Ende des neuen Stegs an der Heidenauer Straße.

Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle begrüßt zwei seiner Söhne, René und Edgar Goldstein, Dr. Hans Coppi, Vorsitzender der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V. , Heinz Siefritz, Mitglied des Exekutivkomitees der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) und andere. Zu den zahlreichen Gästen gehören auch die BVV – Vorsteherin Petra Wermke, Mitglieder des Abgeordnetenhauses und Mitglieder des Bezirksamtes.
Mit kleinen musikalischen sowie zahlreichen Redebeiträgen wird die Festlichkeit des Aktes unterstrichen.

Der Park wurde aus Mitteln der Deutschen Bahn im Zuge von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen hergestellt. Die insgesamt barrierefreie Gestaltung der Anlage bietet allen Nutzer/innen einen sicheren und freien Zugang. Neben der naturnahen Gestaltung prägt ihn besonders der lange Steg, in dessen Geländer Sprüche eingearbeitet sind, die an die Gestaltung der Spielflächen im westlich gelegenen Regine-Hildebrandt-Park erinnern und beide Anlagen, die über einen Weg unterhalb der Riesaer Straße verbunden sind, gestalterisch miteinander verknüpfen.

Hintergrund:
Kurt Julius Goldstein wurde am 03.11.1914 in Hamm/Westfalen geboren. Bereits in der Schule machte er Erfahrungen mit dem aufkeimenden Antisemitismus in Deutschland. Zunächst Mitglied des linken jüdischen Jugendbundes „Kameraden“, schloss Kurt Julius Goldstein sich 1928 dem von Max Reimann geleiteten Kommunistischen Jugendverband Deutschlands an und trat 1930 der Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Zu seinem Schutz erhielt er den Decknamen „Kurt Berger“, den er bei allen Parteiaktivitäten verwendete. Der Vorname Kurt, sollte ihn in seinem weiteren Leben begleiten. Aus Julius Goldstein wurde für alle Kurt Julius Goldstein. 1932 wurde er „wegen kommunistischer Umtriebe“ in Hamm der Schule verwiesen, konnte seine Abiturvorbereitung aber in Münster fortsetzen. Am 28. Februar 1933, dem Morgen nach dem Reichstagsbrand, erhielt er eine Warnung, dass er polizeilich gesucht werde und tauchte bei einer befreundeten Bergarbeiterfamilie in Scharnhorst unter. Am 03. April 1933 festgenommen, gelang es ihm zu fliehen – und so der doppelten Verfolgung als Jude und Kommunist zunächst zu entkommen.

Anschließend ging er zu Verwandten nach Luxemburg und dann weiter nach Paris, wo er sich auf Anraten der örtlichen KP-Organisation der zionistischen Organisation Hechaluz anschloss. In einem von dieser Organisation betriebenen Hachschara-Lager in Luxemburg und als Hilfsarbeiter bei einem Weinbauer in Lunac erhielt er landwirtschaftliche Kenntnisse, die ihn auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiteten, wo er sich von Juni 1935 bis zur Jahresmitte 1936 aufhielt. Ab November 1936 nahm Kurt Julius Goldstein als Interbrigadist am Spanischen Bürgerkrieg teil, wo er bei Caspe verwundet wurde und später als Politkommissar einer Einheit in Vic und dann in Santa Coloma de Farners fungierte.

Nach der Demobilisierung der Internationalen Brigaden 1938 und dem Sieg Francisco Francos 1939 wurde er im Februar 1939 zunächst im französischen Sammellager Saint-Cyprien interniert, ab Mai 1939 in Gurs und nach Beginn des Zweiten Weltkrieges als angeblicher deutscher Spion im Lager Le Vernet. Im Juli 1942 wurde Kurt Julius Goldstein an Deutschland ausgeliefert und über das KZ Drancy nach Auschwitz (Häftlings-Nr.: 5 88 66) verschleppt. Bei der Zwangsarbeit in den Kohlegruben des Außenlagers Jawischowitz leistete er weiter Widerstand und erhielt von der SS den Spitznamen „Judenkönig“. Kurt Julius Goldstein überlebte 30 Monate im Konzentrationslager sowie im Januar 1945 den Todesmarsch nach Buchenwald und war am Häftlingsaufstand Anfang April 1945 beteiligt. Zusammen mit anderen Häftlingen leistete er am 11. April 1945 den Schwur von Buchenwald.

Nach dem Krieg engagierte sich Kurt Julius Goldstein zunächst in Berlin in der KPD/SED. Er arbeitete als Jugendsekretär der KPD und wurde Vorsitzender des Landesjugendausschusses in Thüringen. 1946 kehrte Kurt Julius Goldstein in seine Heimatstadt Dortmund zurück und agitierte auch hier für die KPD. Später war er 1. Sekretär des FDJ-Zentralbüros in der Bundesrepublik. 1951 siedelte er in die DDR über.

In der DDR wurde Kurt Julius Goldstein politischer Mitarbeiter der Westabteilung des Zentralkomitees der SED und wechselte 1956 zum Rundfunk der DDR, wo er bis zu seiner Pensionierung 1978 als Funktionär in leitender Stellung tätig war. 1957 kam er zum Deutschlandsender, dessen Intendant er von 1969 bis 1971 war. Nach der Umbenennung in Stimme der DDR 1971 war er bis 1978 Intendant dieses Senders.
1976 wurde Kurt Julius Goldstein Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees und von 1982 bis 1991 Sekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer in Wien. Seit 1994 war er Ehrenvorsitzender des Interessenverbandes der Teilnehmer/innen am antifaschistischen Widerstand, der Verfolgten des NS-Regimes und der Hinterbliebenen (IVVdN).

Kurt Julius Goldstein war Träger des Bundesverdienstkreuzes, arbeitete für viele internationale Organisationen, war Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees und Ehrenvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Seit 1996 war er Ehrenbürger Spaniens. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, ehrte am 20. Mai 2005 Kurt Julius Goldstein im Auftrag des Bundespräsidenten mit dem „Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Bis zu seinem Lebensende berichtete er unermüdlich in Zeitzeugengesprächen, bevorzugt an Schulen, über die NS-Zeit.

Kurt Julius Goldstein war seit 1951 verheiratet und hatte fünf Kinder. Er starb am 24. September 2007 in Berlin. Kurt Julius Goldstein hat viele Jahre im Bezirk gewohnt. Seine Urne wurde am 20. Oktober im Beisein von etwa 400 Trauergästen in der Grabanlage „Pergolenweg“ auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt.