Die Bezirksbürgermeisterin und Bezirksstadträtin für Gesundheit, Dagmar Pohle, erklärt: Beschluss umgesetzt - im Bezirk Marzahn-Hellersdorf gibt es jetzt einen Spritzenautomaten

Pressemitteilung vom 21.11.2008

Mit dem Aufstellen eines Spritzenautomaten am „Gesundheitszentrum am Springpfuhl“ in der Nähe der vista Jugend- und Suchtberatung am 04. November 2008 wurde der Beschluss 570/III des Bezirksamtes vom 08. Juli 2008 umgesetzt.
Diese Gesundheitshilfe für Spritzdrogenabhängige ist für unseren Bezirk wichtig, um die Ansteckung und Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie Aids und Hepatitis zu verhindern.
Der Bezirk folgt so in verantwortungsvoller Weise seinen gesetzlichen Verpflichtungen, die sich aus dem Infektionsschutzgesetz ergeben. Die Nähe zur Jugend- und Suchtberatung der vista gGmbH ist bewusst gewählt, um auch jenen Konsumentinnen und Konsumenten den Weg in die Beratungsstelle zu weisen, die sich dort bisher noch nicht beraten lassen.
Neben der sehr guten Arbeit der Kolleginnen und Kollegen der vista Jugend- und Suchtberatung ist der Spritzenautomat eine weitere geeignete Möglichkeit, um spritzende Heroinkonsumentinnen und -konsumenten an das Hilfesystem anzugliedern, langfristig ihre Gesundheit zu erhalten und somit teure Folgekosten im Behandlungs- und Rehabilitationssystem zu sparen. Auch werden mit diesem Automaten Konsumentinnen und Konsumenten erreicht, die bisher noch keinen Kontakt zum Hilfesystem haben.
Spritzenverkaufsautomaten ermöglichen den wohnortnahen Erwerb steriler Spritzen unabhängig von den Öffnungszeiten der Apotheken und Beratungsstellen. Die Droge selbst wird damit selbstverständlich nicht verkauft.
Zusätzlich werden über Schachtel-Aufdrucke wichtige Informationen zur Infektionsprophylaxe und Kontaktmöglichkeiten zur Drogenhilfe gegeben. Der Automat stellt somit auch eine vertrauensbildende und Kontakt stiftende Maßnahme der Gesundheits- und Drogenhilfe dar. Die langjährige Erfahrung vom Betreiber Fixpunkt e.V. hat gezeigt, dass der Betrieb von Automaten eine effektive und effiziente Form der Gesundheitsförderung ohne gravierende negative Begleiterscheinungen ist.
Bis zum 17. November 2008 gab es 14 Verkäufe von Spritzen über den Automaten. Die von Bürgerinnen und Bürgern geäußerten Befürchtungen über eine Vermüllung rund um den Automaten bestätigten sich bisher erwartungsgemäß nicht.
Die umliegenden Wohnungsbaugesellschaften, Ärzte, Apotheken, Schulen und Kitas wurden bereits am 04. November 2008 über das Aufstellen des Automaten mit einem Informationsblatt benachrichtigt. In ihm gibt es Antworten auf die meist gestellten Fragen im Zusammenhang mit der Automatenaufstellung. Dieses Blatt liegt auch in den Bürgerämtern und Stadtteilzentren aus.
Es ist Anlage dieser Pressemitteilung, liegt auch in der Pressestelle vor und kann gemailt werden.

Informationen zum Spritzenautomaten in Marzahn-Hellersdorf
Warum ist ein Spritzenautomat wichtig?
Was tun mit gebrauchten Spritzen?
Was tun nach einer Stichverletzung?
Umgang mit Drogenabhängigen

Liebe Bürgerinnen und Bürger von Marzahn-Hellersdorf!

Spritzenautomaten sind eine Ergänzung zu Apotheken und Angeboten der Drogenhilfe. Sie bieten den Süchtigen die Möglichkeit des Erwerbs von sterilen Spritzen, die sie sonst auch in Apotheken kaufen bzw. in der Suchtberatungsstelle im Bezirk erhalten können. Lediglich 5 – 10 Prozent des täglichen Spritzenbedarfs der Berliner Drogenabhängigen decken die Automaten ab. Die Automaten sind deshalb wichtig, weil sie die lückenlose Versorgung mit sterilen Spritzen auch nachts und am Wochenende sicherstellen, ohne dass unkalkulierbare Wege zur Nachtapotheke in Kauf genommen werden müssen.
Ziel des Spritzenautomaten-Betriebs ist die Vermeidung von lebensbedrohlichen bzw. tödlich endenden Infektionskrankheiten wie Hepatitis und HIV (AIDS) bei Spritzdrogenabhängigen. Aus dem Infektionsschutzgesetz, dem Berliner Gesundheitsdienstreformgesetz und dem Betäubungsmittelgesetz leiten sich der Handlungsauftrag und der rechtliche Rahmen ab.
Natürlich kenne ich die vielfältigen Bedenken und Ängste aus der Bevölkerung gegenüber Spritzenautomaten. Anders als beim Spritzenkauf in Apotheken macht ein Automat sichtbar, dass es Konsumentinnen und Konsumenten illegaler Drogen im Bezirk gibt.
Für Fragen oder Informationen stehen Ihnen die folgenden fachlichen Partner Rede und Antwort:

Fixpunkt e.V. vista Jugend- und Sucht-beratung gGmbH Plan- und Leitstelle für Gesundheit und Soziales
Boppstraße 7 10967 Berlin Fon 693 2260 Fax 695 04158 verein@fixpunkt.org Helene-Weigel-Platz 10 12681 Berlin Fon 5458 945 Fax 5458 946 marzahn@vistaberlin.de Riesaer Straße 94 12627 Berlin Fon 90293 4262 Fax 90193 4265 ove.fischer@ba-mh.verwalt-berlin.de

Dagmar Pohle
Bezirksbürgermeisterin und Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales und Personal

Im Folgenden geben wir Antworten auf oft geäußerte Befürchtungen bzw. häufig gestellte Fragen:

Führt der Automat zur Etablierung einer neuen Dealerszene?
Nein. In den 20 Jahren, in denen in Berlin Spritzenautomaten existieren, ist dies nicht vorgekommen. Für die Dealer ist es viel zu auffällig und riskant, sich direkt am oder in der Nähe des Automaten aufzuhalten.

Werden gebrauchte Spritzen am Automaten herumliegen?
Wird ein Automat so installiert, dass nicht direkt daneben eine Konsummöglichkeit besteht, so ist die Gefahr gering, dass vermehrt Konsum und damit herumliegende Spritzen im Umfeld des Automaten vorkommen, zumal meistens im privaten Wohnraum konsumiert wird.

Können Kinder Spritzen aus dem Automaten ziehen?
Erfahrungsgemäß ist das Interesse von Kindern am Spritzenautomaten gering, da er für einen normalen Zigarettenautomaten gehalten wird (und den kennen Kinder ja meist schon). Ansonsten ist der Automat wie Zigarettenautomaten so hoch angebracht, dass kleine Kinder nicht herankommen. Natürlich sind Spritzen gefährliche Gegenstände, da mit ihnen Stichwunden zugefügt werden können. Eine Infektionsgefahr besteht nicht, da die Spritzen steril und unbenutzt sind. Kinder, die groß genug sind, um an den Geldeinwurf heran zu kommen, wissen, dass sie mit Spritzen nicht hantieren sollen.

Werden Passantinnen und Passanten durch das Aussehen oder Verhalten der Automatenbenutzer/-innen belästigt?
Die Automatenbenutzer/-innen haben im Normalfall kein Interesse an Auffälligkeit.

Wird der Drogenkonsum gefördert?
Nein. Es handelt sich um eine schadensbegrenzende Maßnahme für die Gesundheit der Konsumentinnen und Konsumenten. Ein bestehender Konsumwunsch kann mit der Spritzenvergabe weder gefördert noch verhindert werden.

Ist Spritzenvergabe mit Beratung in der Beratungsstelle besser?
Ja. Die Automaten ergänzen jedoch das Spritzenvergabeangebot, das nicht rund um die Uhr zugänglich ist und zu dem sich die Mehrheit der Abhängigen nicht hin traut. Automaten stellen für abhängige Konsumentinnen und Konsumenten somit eine erste vertrauensbildende Maßnahme dar und möglicherweise den ersten Kontakt zum Drogenhilfesystem.

Werden die Steuerzahler belastet?
Nein. Den Steuerzahlern und dem Bezirk entstehen keinerlei Kosten durch den Betrieb des Automaten. Die Spritzen werden verkauft und die Einnahmen aus dem Verkauf decken die Kosten.

Welche Gefahren gehen von herumliegenden Spritzen aus?
Eine Infektionsgefahr geht nur von benutzten Spritzen aus! Durch Stichverletzungen können Blutreste, Sand u. ä. in die Wunde gelangen. Eine Folge kann eine Wundinfektion sein. Eine Infektion mit HIV ist unwahrscheinlich, denn das Virus stirbt beim Kontakt mit Luft sehr schnell ab. Wenn die Spritze erst wenige Stunden vorher benutzt worden ist, ist die Übertragung des Hepatitis B-Virus möglich. Das Hepatitis C-Virus kann auch nach mehreren Wochen noch übertragen werden. Wichtig: Gehen Sie kein Verletzungs- und Ansteckungsrisiko ein!

Wie können Spritzen entsorgt werden?
Heben Sie eine gebrauchte Spritze an ihrem Plastikkörper, möglichst mit einem Taschentuch, vorsichtig auf und werfen Sie diese in den nächsten Mülleimer. Die Kanüle sollte stichsicher verpackt sein. Befindet sich keine Schutzkappe auf der Kanüle, versuchen Sie keinesfalls, diese selbst aufzusetzen, sondern tun Sie die Kanüle in einen stichsicheren Behälter (z. B. Getränkedose, die anschließend verbogen wird). Sagen Sie den älteren Kindern, dass sie ebenso verfahren sollen. Die jüngeren Kinder sollen sich an einen Erwachsenen wenden. Gebrauchte Spritzen sind nicht zum Spielen geeignet, auch wenn sie gereinigt wurden. Falls Ihnen ein Ort bekannt ist, an dem häufig gebrauchte Spritzen liegen, verständigen Sie das Bezirksamt oder Fixpunkt e. V.

Was ist zu tun, wenn sich jemand an einer gebrauchten Nadel gestochen hat?
• Die Wunde gut ausbluten lassen (Stichkanal aber nicht selbst noch vergrößern!).
• Die verletzte Stelle möglichst mit Alkohol, Erfrischungstüchern, Kölnisch Wasser o. ä. säubern.
• Dringend empfohlen ist das Aufsuchen eines Arztes. Falls möglich, die Spritze mitnehmen.

Wie verhalte ich mich gegenüber Drogenabhängigen?
Drogenabhängigkeit ist eine schwere Belastung mit vielen gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgen für die Drogenabhängigen und ihre Mitmenschen. Die Illegalisierung von bestimmten Drogen wie Heroin und Kokain, die zur polizeilichen und strafrechtlichen Verfolgung der Konsumenten führt, verschlimmert in vielen Fällen den Suchtverlauf und trägt zum Entstehen oder zur Verfestigung von kriminellen Karrieren Drogenabhängiger bei. Drogenabhängigkeit ist aber kein Verbrechen! Drogenabhängige haben aufgrund ihrer illegalisierten Situation grundsätzlich kein Interesse daran, unangenehm aufzufallen. Betrachten Sie sie als kranke Menschen und beachten Sie, dass Entzugserscheinungen Nervosität hervorrufen können.

Was tun, wenn sich Drogenabhängige im öffentlichen Gelände eine Injektion vorbereiten oder sich gerade eine Spritze setzen?
Während der Vorbereitung und Durchführung der Injektion sind Drogenabhängige oft extrem nervös und ungeduldig. Sie brauchen den Stoff und haben dafür viel Geld bezahlt. In dieser Situation sollten Sie die Konsumenten in Ruhe lassen. Ist der Druck beendet, können Sie sie auffordern, ihren Müll mitzunehmen und vor allem die gebrauchte Spritze zu entsorgen.