Biografie von Dr. Arno Philippsthal

Pressemitteilung vom 01.04.2003

Zum 70. Todestag von Dr. Arno Philippsthal

Arno Philippsthal wurde am 13. September 1887 in Güsten/Anhalt geboren. Er besuchte das Gymnasium im nahe gelegenen Bernburg und studierte nach dem Abitur von 1907 bis 1912 Medizin in München und Berlin. Im Juli 1913 wurde er approbiert, zum Zeitpunkt der Promotion an der Universität Leipzig im November desselben Jahres wohnte Philippsthal schon in Rogasen, Provinz Posen, wo er seine ärztliche Tätigkeit aufnahm. Dort lernte er seine spätere Frau Eva kennen, die er 1916 heiratete. Bereits im August 1914 trat Philippsthal in den militärärztlichen Dienst ein, erst im Dezember 1918 kehrte er nach Hause zurück.
Schnell entschloß er sich jedoch, Rogasen zu verlassen. Er orientierte sich auf Berlin und fand im Vorort Biesdorf, Marzahner Str. 10 (heute Oberfeldstr.), Wohn- und Praxisräume. Anfang 1919 begann er seine Tätigkeit als praktischer Arzt. Im Spätsommer desselben Jahres kam die Tochter Ursula zur Welt.
Arno Philippsthal faßte beruflich schnell Fuß. Der Patientenstamm in Biesdorf und den umliegenden Ortsteilen wuchs rasch an. Nicht nur die ärztlichen Leistungen verschafften Philippsthal Anerkennung. Zeitzeugen heben auch seine menschlichen Qualitäten hervor, die freundliche und fürsorgliche Art, mit der er sich um seine Patienten kümmerte. Sein Engagement ging offenbar weit über das Übliche hinaus. So machte er z.B. Honorarforderungen von den finanziellen Verhältnissen seiner Patienten abhängig. Mancher kam auf diese Weise sogar in den Genuß kostenloser Behandlung.
1924 ließen sich Eva und Arno Philippsthal scheiden, Eva zog mit der Tochter zu ihren Eltern. Der Kontakt zwischen Arno Philippsthal und seiner Tochter blieb trotz der Trennung intensiv. Ende 1927 heiratete Arno Philippsthal wieder. Seine zweite Frau, Frieda, war im Gegensatz zu Eva keine Jüdin. Ende 1928 wurde Tochter Gerda geboren, 1930 folgte Sohn Hans-Ferdinand.
Bereits Ende der zwanziger Jahre war die Familie in die Königsstraße (heute Otto-Nagel-Straße) umgezogen, da die Praxis ausgebaut und ein Röntgenzimmer eingerichtet wurde. Anfang der dreißiger Jahre plante Philippsthal sogar, eine eigene Klinik zu bauen und kaufte zu diesem Zweck das Grundstück Auguststr.7 (heute Kulmseestr.16). Baubeginn sollte der 1. April 1933 sein.
Doch dazu kam es nicht mehr. Schon kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten muß es erste antisemitische Anfeindungen gegen den Arzt gegeben haben. Am 20. und 21. März sollen in der Biesdorfer Lokalzeitung zwei Artikel erschienen sein, in denen falsche Anschuldigungen gegen Dr. Philippsthal erhoben wurden. Zeitzeugen bestätigen, daß seinerzeit verschiedene Gerüchte im Umlauf waren.
Am frühen Nachmittag des 21. März tauchten mehrere SA-Männer in der Praxis auf und erklärten Dr. Philippsthal – ohne Begründung und ohne Haftbefehl – für festgenommen. Irgendwann im Laufe des Tages wurde er vom örtlichen Polizeiposten aus in die SA-Kaserne in der General-Pape-Str. gebracht. In ihren Kellern befand sich eines der berüchtigtsten „wilden“ KZs des Jahres 1933. Dort wurde Philippsthal schwer mißhandelt.
Am nächsten Tag wurde der Geschundene als SA-Gefangener ins Urban-Krankenhaus eingeliefert. Wahrscheinlich wurde er trotz seiner schweren Verletzungen am 26. März von Polizei oder SA wieder abgeholt. Was in den nächsten zwei Tagen geschah, ist nicht eindeutig zu rekonstruieren. Am 28. März wurde Philippsthal jedenfalls ins Staatskrankenhaus der Polizei in der Scharnhorststraße eingeliefert, wo er am Morgen des 3. April verstarb.
Der plötzliche Tod Arno Philippsthals sprach sich schnell herum und löste offenbar Unruhe in ganz Lichtenberg aus. Eine tagelange Pressekampagne, deren Ziel es ganz offensichtlich war, die wahre Todesursache zu verschleiern und die kritische Öffentlichkeit mundtot zu machen, gipfelte am 8. April in der zynischen Meldung, der beliebte Arzt habe sich selbst umgebracht. Einen Tag später wurde Arno Philippsthal unter großer Anteilnahme von Verwandten, Freunden und Bekannten auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt.
Trotz der offiziellen Kampagne bekannten sich seine Patienten in einem bemerkenswerten Nachruf zu Arno Philippsthal: „Mit Eifer, Pflichttreue und großem Können hat er uns in mannigfaltigen Krankheitsfällen zur Seite gestanden und stets versucht, durch ein freundliches Wort unsere Leiden erträglicher zu machen. Er war mehr als nur Arzt, er war uns Helfer, Berater und Freund im besten Sinne“.
Vielen Menschen in Biesdorf und Umgebung ist Arno Philippsthal, der zu einem der ersten jüdischen Opfer des SA-Terrors in Berlin wurde, auch 70 Jahre nach seinem Tod noch ein Begriff. Eine Gedenktafel am Haus Oberfeldstraße 10 und ein Gedenkstein auf dem Gelände des nach ihm benannten Pflegeheimes am Grabensprung halten die Erinnerung an ihn auch öffentlich wach.

Dorothee Ifland