Rückwärts nimmer ! Dunkelkammer Torgau | Tigerkäfig Rummelsburg

Pressemitteilung vom 03.08.2016

Kulturstadträtin Kerstin Beurich lädt zur Ausstellungseröffnung ein

Am Freitag, dem 5. August 2016, um 19 Uhr wird im Museum Lichtenberg im Stadthaus, Türrschmidtstraße 24, 10317 Berlin die Ausstellung* „Rückwärts nimmer ! Dunkelkammer Torgau | Tigerkäfig Rummelsburg“* mit Gemälden und Grafiken von Katrin Büchel und Gino Kuhn eröffnet. Beide geben ihre Erfahrungen und Erlebnisse unter menschenunwürdigen Bedingungen in zwei ehemaligen Hafteinrichtungen der DDR wieder. Die eine, das in Lichtenberg gelegene Gefängnis Rummelsburg, verwahrte auch politische Häftlinge, die von der in der DDR vorherrschenden Rechtsprechung kriminalisiert wurden. Der Werkhof Torgau war die einzige geschlossene Jugendhaftanstalt der DDR, in der junge Menschen einem menschenverachtendem Regime unterworfen waren. Viele der Jugendlichen durchliefen auf ihrem Weg nach und von Torgau das Durchgangsheim Stralau, auch dieses in unmittelbarer Nähe und an Lichtenberg angrenzend gelegen.

Die beide Künstler und Freunde sowie ehemalige Haftgefährten, Katrin Büchel und Gino Kuhn, werden bei der Eröffnung anwesend sein. Die Ausstellung wird bis zum 30. Oktober 2016 zu sehen und von einem Programm mit Lesungen, Diskussionen und Zeitzeugengesprächen begleitet sein.

Dazu Kulturstadträtin Kerstin Beurich (SPD): „Das Museum Lichtenberg bietet mit dieser Ausstellung seinen Besucher/innen die Möglichkeit sich intensiv mit einem Teil der DDR-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Werke von Katrin Büchel und Gino Kuhn sind durch persönliche Erfahrung geprägt und zeigen, wie sie Ihre Erinnerungen verarbeiteten und sie geben dadurch einen tiefen Einblick ihr Leben.“

Hintergrund:
Entwürdigende und demütigende Hafterlebnisse haben Katrin Büchel und Gino Kuhn zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der institutionalisierten Gewalt der SED-Diktatur geführt. Der Freiheitsentzug über mehrere Jahre, Katrin Büchel im berüchtigten geschlossenen Werkhof Torgau, Gino Kuhn im nicht weniger verrufenen Gefängnis Rummelsburg, lässt beide mit ihrer Kunst für ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Menschewürde eintreten. Dafür ziehen sie ihre beklemmenden Erfahrungen heran, die noch heute als dunkle Schatten ihre Gedanken und Gefühle bewegen. So erscheint Ihre Kunst zunächst vordergründig mahnend. Doch ist sie alles andere als Klage, sondern bei nährere Betrachtung Aufruf, sich der Ein- und Unterordnung zu widersetzen. Dahinter steht die ebenso starke persönliche Erfahrung, dass die SED-Diktatur zerfiel, weil sich die Sehnsucht und der Wille nach Freiheit als stärker erwiesen. Wie bedrückend ihre Darstellungen auch anmuten – in der Konsequenz sind die Bilder von Katrin Büchel und Gino Kuhn ermutigend. Wie jede vergangene werden auch zukünftige Gewaltherrschaften auf Dauer keine Bestand haben können.

Katrin Büchel, 1966 geboren und aufgewachsen in Thüringen:
“Mit 14 Jahren wurde ich erstmals in einen Jugendwerkhof und anschließend in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gesperrt. Dort versuchte man, meinen jugendlichen Willen nach Freiheit und Selbstbestimmung zu brechen und unter Druck umzuerziehen. Die Verhältnisse in Torgau waren erniedrigend, menschenverachtend, unwürdig, von demütigender Gewalt und von einer rechtsstaatswidrigen Freiheitsentziehung geprägt.
Hier fasste ich den Entschluss, das unschuldig erlebte Martyrium in einer authentischen Form festzuhalten. 2013 wurde ich durch das Landgericht Berlin rehabilitiert.
Die ausgewählten Bilder kommen aus der Seele heraus und zeigen ein sensibles Stück Autobiographie. Ich experimentiere mit verschiedenen Medien und habe mich der digitalen Bilderschaffung zugewendet. Das fotografische Ausgangsmaterial forme ich in einem komplizierten dreidimensionalen Prozess um bis hin zu einer geistigen und künstlerischen Konzeption, mit Verfremdungseffekten, teils nackten, uniformierten, anonymisierten und isolierten Menschen.
So entsteht eine neue Interpretation der Wirklichkeit, indem auch die klaustrophobischen Zustände des „Ausgeliefertseins“ im Jugendwerkhof dargestellt werden. Existenzielle Fragen zu Leben und Tod, Krankheit und Körper, Beschränkung und Befreiung, Angst und Einsamkeit werden aufgeworfen.”

Gino Kuhn, 1955 in Walldürn bei Heidelberg geboren, siedelte als 20-Jähriger nach West-Berlin über. Als Fluchthelfer reiste Kuhn mehrere Male in die DDR. Am 23. Oktober 1975 wurde er am Grenzübergang Wartha Herleshausen verhaftet: Er hatte drei DDR Bürger im Kofferraum seines Autos versteckt. Nach der Untersuchungshaft in Cottbus und Berlin Hohenschönhausen wurde er am 8. April 1976 beim Bezirksgericht Cottbus wegen “Staatsfeindlichen Menschenhandels” zu sechs Jahren Haft verurteilt und danach in die Haftanstalt Berlin-Rummelsburg überführt. Am 10. Februar 1978 kaufte die Bundesregierung Gino Kuhn frei, so wurde er nach 2,5 Jahren aus der Haft entlassen.
In seinen Werken setzt sich der Künstler seit 1978 mit dem Berliner Mauerbau/fall und den Haftbedingungen in ehemaligen DDR- Gefängnissen auseinander, außerdem erinnert er auch an die Männer – Mädchen und Frauen die in Hoheneck, Kinderheimen, Jugendwerkhöfen / Torgau und Venerologischen Abteilungen misshandelt und gedemütigt wurden, und heute noch auf Ihre Rehabilitierung warten.
„Meine Bilder sollen ein Mahnmal sein und widergeben, welchen entwürdigenden Haftbedingungen wir ausgesetzt waren (Isolationshaft, Folter, Schlafentzug, Knebelketten, Haar- und Zahnausfall in Folge von mangelnder Ernährung, Zwangsarbeit und Demütigungen aller Art). Da ich in Worten nicht ausdrücken kann, was geschehen ist, sollen meine Gemälde und Zeichnungen von dauerhaft-zeitlosem Rang sein. Es ist ein Beitrag zur Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur, gegen das Vergessen und zum gegenseitigen Respekt und zur Toleranz, in der Hoffnung, dass so etwas allen Menschen dieser Welt erspart bleibt.“

Gino Kuhn ist Ehrenamtliches Mitglied im Förderverein Gedenkstätte Hohenschönhausen, in der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e. V., im Verein „Gegen Vergessen und für Demokratie“ und seit 2009 Mitglied beim Menschenrechtszentrum Cottbus. Auf dem Areal des früheren Cottbusser Gefängnisses entwarf der Künstler auf Initiative des Menschenrechtszentrums unter anderem ein Denkmal, das den Menschen gedenkt, die bei Fluchtversuchen an der Berliner Mauer, in der Ostsee oder an anderen Stellen des eisernen Vorhangs zu Tode kamen.

Weitere Informationen:
Bezirksamt Lichtenberg von Berlin,
Amt für Weiterbildung und Kultur,
Fachbereich Kunst und Kultur

Museum Lichtenberg im Stadthaus
Türrschmidtstraße 24, 10317 Berlin
Öffnungszeiten: Di – Fr, So 11 – 18 Uhr
Tel.efon: (030) 5779738812 | E-Mail | Internet