Das Brennglas: Lesung aus Anlass des vor 80 Jahren eingerichteten Zwangslagers Marzahn

Pressemitteilung vom 27.06.2016

Zu einer Veranstaltung aus Anlass des vor 80 Jahren eingerichteten Zwangslagers Marzahn, laden der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V. sowie die Bezirksämter Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf von Berlin am Freitag, dem 1. Juli 2016 um 19 Uhr in das Museum Lichtenberg, Türrschmidtstraße 24, 10317 Berlin, ein.

Petra Rosenberg, Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V. liest aus dem Buch „Das Brennglas“, das auf den Lebenserinnerungen ihres Vaters, Otto Rosenberg beruht. Dabei wird sie musikalisch von Ferenc Snétverger (Gitarre) begleitet.

In dem Buch „Das Brennglas“ gibt der Schriftsteller Ulrich Enzensberger die Erfahrungen des den Rassenvorurteilten und dem Vernichtungswillen der Nationalsozialisten ausgesetzten jungen Otto Rosenberg und seiner Leidensgenossen wieder. Er stützt sich darin einfühlsam auf die Lebenserinnerungen des 1927 in Ostpreußen Geborenen. Otto Rosenberg wurde als Neunjähriger in das euphemistisch als „Rastplatz-Marzahn“ bezeichnete Zwangslager interniert und musste in einem Lichtenberger Industriebetrieb Zwangsarbeit leisten. 1943 gelangte er infolge des Himmler-Erlasses mit seiner Familie in das „Zigeunerlager Auschwitz“, in dem seine Großeltern, Eltern und Geschwister umkamen. Otto Rosenberg überlebte auch die KZ Buchenwald, Dora und Bergen-Belsen. Nach 1945 wurde er SPD-Mitglied und war sowohl Vorstandsmitglied im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und erster Vorsitzender des Landesverbandes Berlin-Brandenburg der Deutschen Sinti und Roma. Er starb am 4. Juli 2001 in Berlin.

Historischer Hintergrund
Das Zwangslager Marzahn befand sich im damaligen Verwaltungsbezirk Berlin-Lichtenberg. Es wurde auf Beschluss des Berliner Polizeipräsidenten von Helldorf am 16. Juli 1936 eingerichtet.
Kurz zuvor, am 5. Juni 1936, hatte Reichsinnenminister Wilhelm Frick mit einem Runderlass Razzien veranlasst, um der „Zigeunerplage“ Herr zu werden. Vorgeblich sollten die Straßen Berlins vor den Olympischen Spielen von Bettlern und „fahrendem Volk“ gesäubert werden. Tatsächlich existierten schon Jahre zuvor Pläne des Wohlfahrtamtes Berlin zur Internierung von „Zigeunern“ in einem eigens eingerichteten und von der Polizei bewachten Lagern.
Das Rassenpolitische Amt unterstütze diese Bestrebungen schon 1934/35. Die 1936 eingerichtete Rassenhygienische Forschungsstelle nutzte das Lager zur Erfassung der in Marzahn Internierten unter pseudowissenschaftlichen Kriterien. Das Lager und seine Insassen standen unter polizeilicher Aufsicht der Polizeidirektion Friedrichsfelde. Zunächst weitgehend ohne Eingrenzung des Areals, wurden später die Zugänge kontrolliert, die Bewohner von der Polizei schikaniert.
Mehr als 600 Frauen, Männer und Kinder, die von den Behörden willkürlich als „Zigeuner“ eingestuft wurden, mussten in Rande der Marzahner Rieselfelder Quartier beziehen. Zwischen 1936 und 1945 lebten Schätzungen nach dort insgesamt 1200 Personen. Die männlichen Bewohner wurden im Zuge der Aktionen gegen so genannte Asoziale 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, 70 Kinder gelangten 1942 über das Ghetto Litzmannstadt nach Auschwitz. Offiziell existierte das Lager bis zur Auflösung aller „Zigeunerlager“ bis 1943. Mit dem sogenannten Himmler-Erlass, der den Völkermord an den Sinti und Roma verfügte, wurden auch die Bewohner des Lagers Marzahn deportiert. Doch wurde es noch bis 1947 von einigen wenigen Familien weiter genutzt, die in der NS-Rassentypologie als “schützenswerte Sippe” galten. Die Verantwortlichen von der Rassenhygienischen Forschungsstelle für diese Selektion wurden nie zur Verantwortung gezogen.

Weitere Informationen
Bezirksamt Lichtenberg von Berlin
Amt für Weiterbildung und Kultur
Museum im Stadthaus Lichtenberg
Öffnungszeiten: Di – Fr und So 11 – 18 Uhr
Türrschmidtstr. 24, 10317 Berlin
Telefon: (030) 57797388-12/14/18 | E-Mail | Internet: www.museum-lichtenberg.de | www.kultur-in-lichtenberg.de