Gedenkstein erinnert an Rummelsburger Arbeiterwiderstand

Pressemitteilung vom 26.04.2010

Feierliche Einweihung am 7. Mai

Gedenkstein Rummelsburger Arbeiterwiderstand Nöldnerplatz
Bild: Bezirksamt Lichtenberg

Der Gedenkstein zu Ehren Erwin Nöldners und anderer Antifaschisten und Kriegsgegner aus dem Rummelsburger Kiez wurde am 7. Mai auf dem Nöldnerplatz, zwischen Lückstraße und S-Bahnhof, feierlich der Öffentlichkeit übergeben.

An zentraler Stelle erinnert nun ein Granitstein mit gravierter Stahltafel an die vielen Nazi- und Kriegsgegner, die in dem ehemaligen Arbeiterviertel Rummelsburg aus unterschiedlichen politischen Beweggründen Widerstand geleistet hatten und diesen mit dem Leben bezahlen mussten. Der Gedenkstein ehrt namentlich Hans Krüger, Wilhelm Martinke, Erwin Nöldner, Walter Riedel sowie Käthe und Felix Tucholla.

Zur Einweihung sprachen Katrin Framke, Bezirksstadträtin für Kultur und Bürgerdienste, Erika Rathmann, Vorsitzende der VVN-BdA Lichtenberg, Michael Grunst, Verordneter der BVV und Initiator des Gedenkens an Erwin Nöldner und ein Vertreter des Vereins Zivilcourage vereint e.V.. Zugegen war auch der Sohn Erwin Nöldners, der in der DDR bekannte Fußball-Nationalspieler Jürgen Nöldner, der wie sein Vater bei SV Sparta mit dem Fußballspielen begann.
Katrin Framke: “Lichtenberg zählte zu den bedeutenden Industriebezirken Berlins. Hier lebten viele Arbeiterfamilien, besonders Rummelsburg mit der renommierten Großfirma Knorr-Bremse und dem Kraftwerk Klingenberg war eine „Kleine Leute-“ und Arbeitergegend, in der sich unterschiedlich starke Gruppen der KPD und SPD organisiert hatten. Nach 1933 wagten gerade hier engagierte Anhänger beider Arbeiterparteien den Weg in den Widerstand. Nicht wenige von ihnen wurden in SA-Folterkeller verschleppt und misshandelt oder mussten brutalste “Verhöre” durch die Gestapo und in der Haft erleiden. Am härtesten aber traf es die Frauen und Männer, die der berüchtigte Volksgerichtshof gnadenlos zum Tode verurteilte.
Zu ihnen gehörten aus dem Arbeiterwiderstand in Rummelsburg drei kommunistische Widerstandskämpfer, zwei parteilose Arbeiter und ein Sozialdemokrat. Sie wurden zwischen 1943 und 1945 für ihre Überzeugung von den Nazis ermordet. Ihre Namen, die auf diesem Gedenkstein eingeprägt sind, sollen das Gedenken an sie wach halten.”

  • Erwin Nöldner (KPD)
    Seit 1947 tragen der S-Bahnhof, die Nöldnerstraße und der Nöldnerplatz den Namen des ermordeten Kommunisten Erwin Nöldner. Er wohnte hier im Kiez in der Türrschmidtstraße 16 zusammen mit seiner Frau Lucie (geb. Kolboske) und ihrem 1941 geborenen Sohn Jürgen.
    Erwin Nöldner wurde am 29. April 1913 in einer Arbeiterfamilie geboren. Schon als Zehnjähriger trat er dem Jungspartakusbund bei. Er erlernte den Beruf eines Schlossers und Werkzeugmachers. 1928 wurde er Mitglied des KJVD, engagierte sich in der Roten Jungfront der Jugendorganisation des RFB, leitete die KJVD- Gruppe Görlitzer Viertel und gehörte der Leitung des KJVD Berlin-Kreuzberg Südost an. Ab 1933 wirkte er illegal in einer KPD-Zelle des Unterbezirks Südost, wurde er im Dezember 1935 verhaftet und im Juni 1936 vom Kammergericht Berlin wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. Bis Ende 1938 durchlief er die Haftstationen Luckau, Esterwegen und Aschendorfer Moor II. Unter Polizeiaufsicht stehend, arbeitete er danach in der Firma Erwin Auert in Weißensee. Hier stand er bis 1942 in Verbindung zu Robert Uhrig. Anfang 1944 wurde er für die KPD-Organisation und die Bewegung „Freies Deutschland“ geworben und stellte Kontakte zu anderen antifaschistischen Gruppen in Berliner Rüstungsbetrieben her. 1944 wurde Erwin Nöldner von Anton Saefkow für den Aufbau bewaffneter Wehrgruppen gewonnen. Am 7. Juli 1944 wurde er erneut verhaftet und mit Bernhard Almstadt und Arthur Weisbrodt am 19. September 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Der Werkmeister der Firma Auert reichte im Namen aller Mitarbeiter vergeblich ein Gnadengesuch ein. Am 6. November 1944 wurde das Urteil gegen Erwin Nöldner im Zuchthaus Brandenburg vollstreckt.
  • Käthe und Felix Tucholla (KPD)
    Das gleiche Schicksal ereilte die beiden Kommunisten Käthe und Felix Tucholla aus der Kaskelstraße 41, die sich seit Kriegsbeginn an Widerstandsaktionen der Gruppe um Robert Uhrig beteiligt hatten.
    Felix Tucholla wurde am 17. Mai 1899 in Friedrichsfelde geboren. Später arbeitete er als Schlosser. Seit 1928 Mitglied der KPD, war er ehrenamtlicher Funktionär der „Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit“ und Politischer Leiter der KPD-Zelle in der Lichtenberger Lessingstraße und zuletzt Org-Leiter des Unterbezirks Ost der KPD. Nach 1933 arbeitete er illegal weiter, verbreitete Flugblätter und bildete einen Schulungszirkel.
    Käthe Tucholla wurde am 10. Januar 1910 in Lichtenberg geboren (geb. Scheffler).
    Ab 1939 unterstützte Felix Tucholla mit seiner Frau antifaschistische Aktionen der von Robert Uhrig geleiteten Widerstandsgruppe. Sie halfen auch dem aus der Sowjetunion über Ostpreußen im Mai 1942 abgesprungenen Fallschirmspringer Erwin Panndorf nach seinem Eintreffen in Berlin im Juni 1942, besorgten ihm eine Unterkunft und Käthe Tucholla reiste mehrmals nach Meerane um alte Kontakte für Panndorf wiederherzustellen. Nachdem die Gestapo Käthe Tucholla bei einem dieser Treffen verhaftete, wurde einige Tage später auch Felix Tucholla in Berlin festgenommen. Beide verurteilte Volksgerichtshof am 17. August 1943 zum Tode. Felix Tucholla wurde am 8. September, seine Frau Käthe am 28. September 1943 in Plötzensee ermordet.
  • Walter Riedel (SPD)
    Nach der Zerschlagung der linken Organisationen entwickelten sich nach den Regeln der Konspiration auch illegale Gruppen der SPD. Einer ihrer Treffpunkte waren das Arbeitersportlokal „Zur Tonne“ und das Lokal „Sievert“ in Rummelsburg.
    Von hier wurde auch illegales Material verteilt. Am 7. März 1935 verhaftete die Geheime Staatspolizei den von Spitzeln verratenen Leiter der Berliner illegalen SPD-Bewegung Alfred Markwitz, wohnhaft auch in Rummelsburg, und seinen engsten Mitarbeiter und einflussreichen Funktionär der Reichsbannerkameradschaft Boxhagen Walter Riedel, als sie das Lokal verließen. Mit anderen Gesinnungsgenossen wurden sie wegen Verbreitung von antinazistischen Druckschriften, Fluchthilfe für Bedrohte und Sammlungen für Familien von Inhaftierten verurteilt. Der Steindrucker Walter Riedel wurde zu 4 Jahren Zuchthaus in Brandenburg verurteilt. Kurz nach seiner Entlassung 1939 verstarb er mit 46 Jahren an den Folgen der jahrelangen Haft.
  • Hans Krüger und Wilhelm Martinke (parteilos)
    Hans Krüger wurde am 5. Juni 1904 in Berlin geboren und wohnte in der Türrschmidtstraße 38. Der parteilose Schlosser und Mechaniker arbeitete bei den Deutschen Telefon-Werken in der Neukölln. Als er unter Verwandten und Freunden Äußerungen gegen das NS-Regime wagte, wurde er denunziert und am 8. Mai 1944 vom Kammergericht Berlin wegen „Wehrkraftzersetzung” zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Volksgerichtshof hob das Urteil aufgehoben und wandelte es in ein Todesurteil um. Hans Krüger wurde am 27. November 1944 im Zuchthaus Brandenburg ermordet.
    Wilhelm Martinke wurde am 12. Oktober 1909 in Berlin geboren. Er wohnte in der Pfarrstraße 92 und arbeitete als Metallschleifer bei Siemens & Halske. Nach Ausbruch des Krieges betätigte er sich am Aufbau einer Widerstandsgruppe im Betrieb. Von einem Kollegen denunziert, wurde er am 9. September 1944 im Betrieb verhaftet und ihm wegen Abhörens von Feindsendern „Wehrkraftzersetzung“ zur Last gelegt. Vom Kammergericht Berlin zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, kam er in das Zuchthaus Sonnenburg (heute Slonsk/Polen). Vor den heranrückenden Einheiten der Roten Armee wurde Wilhelm Martinke im Januar 1945 von einem SS-Sonderkommando auf dem Hof des Zuchthauses erschossen.

Die Verwirklichung des Gedenkortes wurde u.a. durch einen Spendenaufruf des Vereins Zivilcourage vereint e.V. ermöglicht. Die Finanzierung des Gedenkortes wurde möglich mit einem Spendenaufruf des Vereins Zivilcourage vereint e.V. und ihrer Vorsitzenden, dem MdB Dr. Gesine Lötzsch. Aus über 70 Einzelspenden und mit einer Zuwendung der HOWOGE konnte der Gedenkort finanziert werden.
Viele Einzelspenden wurden von Vertretern der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten eingebracht. Anteilig fanden Mittel aus dem Lichtenberger Fonds für Erinnerungskultur Verwendung, mit dem jährlich das Lichtenberger Gedenktafelprogramm finanziert wird.
Der Text wurde erarbeitet von der Gedenktafelkommission Lichtenberg, der Historiker und Vertreter der BVV und des Bezirksamtes angehören.

Der Entwurf stammt von der auf Ausstellungsdesign spezialisierten Firma Lieser, die u.a. den Gedenkort für die ehemaligen Zwangsarbeiterlager am Fennpfuhl oder die Informationsorte über das MfS an der Ruschestraße und der Genslerstraße entworfen hat. Die Gesamtkosten betrugen 10.000 Euro.
Mit der Übergabe des Gedenksteins wird ein Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung aus dem Jahr 2006 umgesetzt. Auf Anregung der Bürgerschaft sollte auf dem nach Erwin Nöldner benannten Platz ein öffentlicher Hinweis und die Ehrung des Antifaschisten ermöglicht werden.

Weitere Informationen
Bezirksamt Lichtenberg
Kultur und Bürgerdienste
Telefon 90 296 -3701