Ergebnisse der Umfrage zum Ausmaß von Zwangsverheiratungen in Berlin

Pressemitteilung Nr. 230 vom 26.11.2018

Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung im Sommer 2018 eine auf das Jahr 2017 bezogene Umfrage zum Ausmaß von Zwangsverheiratungen in Berlin durchgeführt. Die Federführung der Umfrage lag bei der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg. Unterstützt wurde das Projekt von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung

Ziel der Umfrage war es, Hinweise zum Ausmaß dieser Form von Gewalt und zu möglichen neuen Entwicklungen im Kontext dieses Phänomens seit der letzten Erhebung zu erhalten, die sich auf das Jahr 2013 bezieht. Die Umfrage erhebt ausdrücklich nicht den Anspruch, quantitativ repräsentative Ergebnisse zu liefern. So sind aufgrund einer relativ einfachen und anonymisierten Form der Erhebung Mehrfachzählungen nicht auszuschließen.

Setzt man die Ergebnisse der Umfrage ins Verhältnis zur Berliner Bevölkerung mit Migrationshintergrund, so wird deutlich, dass Zwangsverheiratung kein „typisches“ Merkmal dieser Gruppe ist und dass vorschnelle und unreflektierte Zuschreibungen jeglicher Grundlage entbehren.
Während es für Frauen und Mädchen ein relativ gut ausgebautes Beratungs- und Unterstützungssystem gibt, existieren bislang noch keine spezifischen, auf die Thematik ausgerichtete Beratungs- und Kriseneinrichtungen für von Zwangsverheiratung betroffene Jungen und junge Männer. Ebenso bedarf es spezifischer Angebote für LSBTI.

„Die Ergebnisse der Umfrage machen deutlich, dass Zwangsverheiratung und die damit verbundene Gewalt auch in Berlin weiterhin verbreitet ist. Es besteht nach wie vor politischer Handlungsbedarf zur Verbesserung der Prävention und Intervention. Wir müssen junge Frauen und Männer schützen und das Umfeld aufklären. Es ist wichtig, dass in Berlin auch Angebote geschaffen werden, die sich gezielt an junge Männer richten. “, erklärt Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann.

Kurzfassung der Befragungsergebnisse

Insgesamt wurden 1.164 Einrichtungen aus dem Antigewaltbereich sowie Jugendämter, die Polizei, Migrations- und Frauenprojekte, die Frauen- und Gleichstellungs- und Integrationsbeauftragte, sämtliche Schulen und Flüchtlingsunterkünfte befragt. 420 Einrichtungen haben den Erhebungsbogen beantwortet.

Demnach sind in 2017 insgesamt 570 Fälle von (versuchter oder erfolgter) Zwangsverheiratung bekannt geworden. Dies sind zwar 19 Prozent mehr als bei der letzten Befragung 2013 (460 Fälle), allerdings lag auch die Zahl der befragten Einrichtungen 2017 um 40 Prozent höher.
Mit 93 Prozent waren größtenteils Mädchen und Frauen betroffen. Sieben Prozent der Betroffenen waren männlich. Bei knapp der Hälfte der Jungen und jungen Männer sowie bei vier Frauen war den Beratungseinrichtung deren Homosexualität bekannt.

Die meisten Betroffenen waren zwischen 16 und 21 Jahren alt. Bei den männlichen Betroffenen war die Gruppe der 16-17-Jährigen mit 42 Prozent am stärksten vertreten. Während 27 Prozent der betroffenen Frauen älter als 26 Jahre waren, sind es bei den gleichaltrigen Männern 13 Prozent. Jünger als 16 Jahre waren zwölf Prozent der weiblichen sowie drei Prozent der männlichen Betroffenen.
In 482 Fällen wurden Angaben zur Staatsangehörigkeit gemacht: 25 Prozent der Betroffenen besaßen die deutsche Staatsangehörigkeit. In 444 Fällen lagen Hinweise zum Migrationshintergrund vor. Rund 48 Prozent der Betroffenen hatten arabische, 20 Prozent hatten türkische Wurzeln. 15 Prozent stammten aus Ländern des Balkans (Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens sowie Bulgarien und Rumänien), sechs Prozent aus kurdischen Gebieten. 83 Prozent der Betroffenen hatten einen muslimischen Hintergrund, weitere Betroffene waren christlichen, jüdischen oder jesidischen Glaubens.

In mehr als der Hälfte (283 Fällen von 504 Rückläufen) der bekannt gewordenen Fälle war die Zwangsverheiratung noch nicht erfolgt, sondern die Betroffenen berichteten von konkreten Planungen bzw. befürchteten, zwangsverheiratet zu werden. Der Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung wertet dies als positives Anzeichen dafür, dass sich immer mehr Betroffene ihrer Rechte bewusst sind und Unterstützung suchen.

Auch ist das Wissen und die Sensibilität für die Thematik Zwangsverheiratung in den verschiedenen Einrichtungen gewachsen, wodurch eine frühzeitigere Intervention möglich wird. Allerdings wurden auch 221 Fälle von vollzogenen Zwangsverheiratungen konstatiert, die mit 87 Prozent überwiegend außerhalb Deutschlands stattfanden. In 71 Fällen berichteten die Beratungseinrichtungen von einer Verschleppung ins Ausland.

Ansprechpartnerin
Petra Koch-Knöbel
Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte

Telefon: (030) 90298 – 4111